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Posts mit dem Tag ‘berlin’

Kommunizierende Röhren

Lehmann kommt, Hillenberg geht – die Bilanz für die SPD-Fraktion in Berlin bleibt ausgeglichen. So hält sich der Schaden für die rot-rote Koalition und die Sozialdemokraten in Grenzen, der aus der seit Wochen schwelenden Affäre Hillenberg entstanden ist. Die Konsequenzen kamen scheibchenweise: Der Bauunternehmer Ralf Hillenberg zog sich aus dem Bauausschuss zurück, wurde unter dem Druck des öffentlichen Aufsehens von seiner Fraktion schließlich auch zur Niederlegung des Mandats aufgefordert, überlegte, zauderte – und verließ am Dienstagabend die Fraktion. Er bleibt als Fraktionsloser im Berliner Parlament. Mit dieser Möglichkeit – und der damit auf eine Stimme schrumpfenden Mehrheit der Koalition aus SPD und Linkspartei – musste die Berliner SPD-Führung rechnen. Allerdings erklärt sich die Gelassenheit, mit der SPD-Fraktionschef Michael Müller in Interviews ungeachtet gehässiger CDU-Kommentare erläuterte, dass man auch mit dem knappsten Vorsprung regieren könne, aus einem Schachzug, der am Dienstagmorgen die Öffentlichkeit überraschte: Der FDP-Abgeordnete Rainer-Michael-Lehmann wechselt zur SPD. Einer weniger für die Opposition, einer mehr für die Koalition. Alte Verhältnisse wieder hergestellt. Wieder einmal.

Denn dieses Spielchen hat die Hauptstadt im letzten Jahr schon einmal erlebt. Da war eine Sozialdemokratin zur oppositionellen Grünen-Fraktion gewechselt; fast zeitgleich ging eine Grüne zur SPD. Es scheint so, als wären im Berliner Parteiensystem kommunizierende Röhren eingebaut. Seit der Wahl 2006 gab es im Abgeordnetenhaus nun schon sechs Fraktionswechsel bzw. -austritte (ein CDU-Mann verließ seine Fraktion und ist seitdem fraktionsloser Einzelkämpfer; der Linksabgeordnete Carl Wechselberg ging zur SPD-Fraktion, was aber die Koalitionsmehrheit nicht beeinflusste). Am vorläufigen Ende der regen Bewegung steht die gleiche Regierungsmehrheit wie unmittelbar nach der Wahl, obwohl keiner der Wechsler der Aufforderung seiner bisherigen Parteifreunde nachkam, das Mandat abzugeben und Platz für einen Nachrücker aus den eigenen Reihen zu machen. Der Wählerwille bleibt dennoch gewahrt, frei nach dem Moto: Wenn jeder jedem etwas klaut, fehlt keinem was.

Hillenberg, seit etlichen Jahren SPD-Abgeordneter im Berliner Abgeordnetenhaus, war in den Verdacht geraten, sich Aufträge beim städtischen Wohnungsunternehmen Howoge mit Hilfe von dort in der Geschäftsführung agierenden Parteifreunden besorgt zu haben – und unter Umgehung von Ausschreibungen. Da Hillenberg auch noch im Bauausschuss des Parlaments aktiv war, roch die Sache all zu sehr nach Versorgungsmentalität. Auch bei der Wohnungsbaugesellschaft Howoge hat die Versorgungsaffäre Folgen. Zwei Geschäftsführer mit SPD-Parteibuch wurden letzte Woche abberufen. (wh)

Von der FDP zu Rot-Rot

Die Mehrheitsverhältnisse im Berliner Abgeordnetenhaus ändern sich erneut – dieses Mal zu Gunsten der rot-roten Koalition. Dabei kommt der Zuwachs ausgerechnet aus der FDP. Der Sozialpolitiker Rainer-Michael Lehmann hat die liberale Fraktion verlassen und zugleich erklärt, sich der SPD anschließen zu wollen. Begründung: die zunehmende „soziale Kälte“ in der FDP. Der 49-Jährige wolle die Angriffe der Partei auf den Sozialstaat nicht länger mittragen. Lehmann stammt aus dem Ostteil der Stadt und hat bis 1989 als Schriftsetzer beim Neuen Deutschland gearbeitet – heute die der Linkspartei nahestehende Zeitung. Der ehemalige Bürgerberater ist kein ein Hinterbänkler: Seit 1994 sitzt er im Landesvorstand der Hauptstadt-FDP. 2001 zog er ins Abgeordnetenhaus ein, amtierte dort als liberaler Fraktionsvize und war zuletzt Sprecher für Soziales. Lehmann hat nun die Konsequenz daraus gezogen, dass man in dieser Funktion bei den Liberalen zur Zeit wenig zu sagen hat. (vk)

Kampf ums Vermächtnis

Während die Ära des Linke-Vorsitzenden Oskar Lafontaine zu Ende
geht, spielen sich in der Partei mehrere Auseinandersetzungen ab, die mit seiner Amtszeit und seinem Rückzug zu tun haben. Mindestens diese: Debatte ums künftige Parteiprogramm, neu aufgeflammter Streit um die Doppelspitze und auch so etwas wie ein Kampf um das politische Vermächtnis Lafontaines. Dieser hatte Mitte Februar in einem Interview für das Neue Deutschland erklärt, die Debatte in der Linkspartei über die Regierungsbeteiligung in Berlin habe unter anderem dazu geführt, dass die Sparkasse nicht privatisiert wurde. Sollte offensichtlich heißen: Erst auf Betreiben und nach Einfluss der Bundespartei habe die Berliner Linke sich gegen den Verkauf der Landesbank an Private gewandt. Das sieht diese anders – und nun ist darüber ein Streit entbrannt, der über die Leserbriefspalten der parteinahen Zeitung ausgetragen wird.

Der Berliner Landesvorsitzende Klaus Lederer schreibt in der Ausgabe vom 19. Februar unter der Überschrift „Hier irrt Lafontaine sehr“, dass die Berliner Linke bzw. vormals Linkspartei.PDS bzw. vormals PDS „entgegen mancherlei Verleumdung aus den eigenen Reihen nie einen Hehl daraus gemacht hatte, dass sie eine Veräußerung der Landesbank Berlin (inklusive Sparkasse) an einen privaten Investor abgelehnt hat“. Lederer erinnert daran, dass Berlin zum Verkauf der Landesbank durch eine Entscheidung der EU-Kommission verpflichtet worden war. Die Berliner Linkspartei habe immer einem Zuschlag an den Deutschen Giro- und Sparkassenverband den Vorzug gegeben und darauf hingearbeitet – „so kam es schließlich auch … Darüber bedurfte es keiner Debatte, auch wenn von manchen in der Partei der Anschein erweckt wurde, wir bräuchten hier Nachhilfeunterricht.“

Dem widerspricht in einem weiteren, am 5. März im ND abgedruckten Leserbrief Lafontaines Büroleiter im Parteivorstand, Harald Schindel. Lederers Darstellung sei „wenn nicht falsch, so doch mindestens irreführend“, schreibt Schindel unter der Überschrift „Etwas Zurückhaltung wäre besser gewesen“. Erst massiver Druck und innerparteiliche Diskussion hätten dazu geführt, „dass die Berliner PDS und spätere Linkspartei.PDS ihre Politik bezüglich der Privatisierung öffentlichen Eigentums korrigiert hat“. Was bei Lafontaine noch eine Debatte war, ist bei Schindel immerhin schon „massiver Druck“. Schindel zitiert den früheren Fraktionschef der PDS im Berliner Abgeordnetenhaus, Stefan Liebich, der das Interesse einer US-Investorengruppe an der Berliner Bankgesellschaft begrüßt und gegen deren Verkauf „an eine US-amerikanische Heuschrecke … seinerzeit nichts einzuwenden“ gehabt habe. Dann holt Schindel die pädagogische Rute raus und haut dem ungezogenen Lederer auf die Finger: „Statt ausgerechnet Oskar Lafontaine hochnäsige Lektionen erteilen zu wollen, stünde Klaus Lederer etwas mehr Zurückhaltung gut zu Gesicht“, schulmeistert der Büroleiter und erklärt: „Dass die Berliner Sparkasse nicht in private Hände gefallen ist, ist nämlich nicht primär das Verdienst von ihm oder Harald Wolf – auch wenn sie das beide gern so darstellen. Es ist in erster Linie das Resultat eines Bieterverfahrens, bei dem der Deutsche Sparkassen- und Giroverband ganz einfach mehr Geld auf den Tisch gelegt hat als jeder andere Mitbewerber.“ Nun darf man abwarten, ob vielleicht Wirtschaftssenator Harald Wolf den nächsten Brief schreibt.

Schindel ist nicht der erste Lafontaine-Vertraute, der sich öffentlich für seinen Chef in die Bresche wirft. Vor einiger Zeit hatte schon Lafontaines Büroleiter im Bundestag. Thorsten Hild, auf seiner Website den Chefredakteur des Neuen Deutschland, Jürgen Reents, attackiert, nachdem dieser eine kritische Betrachtung über die Streitkultur in der Linken und die Maßregelung von Dietmar Bartsch geschrieben hatte (Der Text ist inzwischen nicht mehr online, findet sich aber noch über die Cache-Funktion von Google). Schindel wechselt in absehbarer Zeit von der Partei- in die Realpolitik. Ab August wird er in Saarbrücken Beigeordneter für Sicherheit, Bürgerdienste und Sport und damit der erste Dezernent der Linken in einer westdeutschen Kommune sein. Im neuen Amt will er nach eigenem Bekunden beweisen, „dass wir Linke eine vernünftige, sozial gerechte Kommunalpolitik auch ganz konkret umsetzen können“. Auf die Kompromisslosigkeit der Amtsführung darf man gespannt sein. (vk)

Rot-Rot-Grün abgeschaltet

In Neukölln leben rund 313.000 Menschen. Der Berliner Bezirk würde
auf der Liste deutscher Großstädte unter den Top 20 rangieren, vor Bonn und hinter Bielefeld. Auch deshalb ist dies nicht nur ein lokalpolitischer Fall: Die seit 2001 bestehende rot-rot-grüne Zählgemeinschaft in der Verordnetenversammlung ist Anfang der Woche geplatzt. Anlass ist der Streit um eine Erklärung gegen „Extremismus“, die eine Protestaktion gegen Quartiersmanagement mit Nazigewalt in einen Topf wirft. Politische Differenzen gibt es aber längst auch auf anderen Baustellen. Wenn man vielleicht etwas Positives aus dem Scheitern ziehen will: Bis zu den Wahlen im kommenden Jahr wird es nun „wechselnde Mehrheiten geben“, heißt es jetzt von der SPD. Ein solches Modell gilt als Hebel zur Re-Politisierung parlamentarischer Entscheidungsfindung, Sachfragen treten, so die Hoffnung, gegenüber Bündnisräson zurück. Wechselnde Mehrheiten sind in der Kommunalpolitik nicht ganz so selten, die Frage ist seit langem, ob diese Variante auch auf “höherer Ebene” taugt. In die brach liegende Diskussion über Parlamentstaktiken könnte der Fall Neukölln also etwas frischen Wind bringen.

Zum weiterlesen

Annalist: Extremismus sprengt Rot-Rot-Grün in Neuköln – mehr
Tageszeitung: Linksextreme spalten Koalition – mehr
Neues Deutschland kommentiert den Extremismus der Mitte – mehr
Berliner Morgenpost: Buschkowsky wirft die Grünen raus – mehr

Grüne: Interesse der SPD hat nachgelassen – mehr
Linksfraktion bedauert Ende der Zählgemeinschaft – mehr
CDU sieht Konsens der Demokraten verlassen – mehr
SPD: Grüne verwischen die klare Grenze – mehr
Konfetti und Plakate: Zur Aktion gegen Quartiersmanagement – mehr
Bündnis gegen Übergriffe gegründet – mehr

Michael Jäger über wechselnde Mehrheiten – mehr
Blog von Demokratie von unten – mehr
Koalitionsvertrag: Wechselnde Mehrheiten ausgeschlossen – mehr

(tos)

Toter durch Pfefferspray?

Nachtrag 21 Uhr: Jetzt auch die anderen
Tageszeitung – Mysteriöser Tod (hier)
Tagesspiegel – Gefährliche Wechselwirkung (hier)

In Berlin ist am Sonntag ein 32-Jähriger möglicherweise in Folge
eines Polizeieinsatzes gestorben. Der Mann hatte nach den Angaben der Beamten „Widerstand geleistet“, worauf diese Pfefferspray einsetzten, das „bei dem alkoholisierten Randalierer keine Wirkung“ gezeigt haben soll. Die Polizisten hätten bei dem Handgemenge „nicht verhindern“ können, „dass er im Hausflur eine Treppe hinunterfiel“. Bis zum Eintreffen des Rettungswagen soll der Mann weiter versucht haben, die Beamten zu treten und zu bespucken – bis, und hier ist die Erklärung der Polizei auffallend löchrig, offenbar aus heiterem Himmel „keine Vitalfunktionen mehr erkennbar“ waren. Möglicherweise hatte der 32-Jährige zuvor auch Drogen konsumiert, jedenfalls sei ihm „ein Tütchen mit Betäubungsmitteln aus der Tasche“ gefallen. Und hier wird es dann auch politisch interessant: Bereits seit längerem warnen Mediziner, dass Pfefferspray für Menschen, die unter Drogen oder Psychopharmaka stehen, tödlich wirken kann. Bisher hat das nicht zu Konsequenzen geführt. Der rot-rote Senat sollte die dienstliche Anwendung so lange auf Eis legen, bis die gefährlichen Zweifel ausgeräumt sind.

Im vergangenen Dezember berichtete der Spiegel von deutschlandweit „mindestens drei Toten“ binnen eines halben Jahres. In Kalifornien soll die „gefährliche Wechselwirkung“ nach Angaben einer Bürgerrechtsorganisation binnen zwei Jahre sogar zu 26 Todesfällen geführt haben. Einer Studie aus den USA zufolge erhöht Capsaicin, der Wirkstoff der von der Polizei eingesetzten „Reizstoffsprühgeräte“, die Letalität von Kokain um ein Vielfaches.

Vo der Einführung von Pfefferspray hatte es in der Hauptstadt vor knapp zehn Jahren kurz Streit gegeben. Berlin war das letzte Bundesland, in dem der Einsatz noch nicht geregelt war. Die damalige Koalition aus SPD und CDU hatte einen Gesetzentwurf zwar vorgelegt, die Einführung wurde dann aber mit den Stimmen von SPD und Opposition noch einmal vertagt – die große Koalition war gerade zerbrochen. Die Grünen hatten seinerzeit gewarnt, erst einmal müsste Pfefferspray „wissenschaftlich auf Gesundheitsschäden untersucht werden“. Die Sozialdemokraten versprachen, „die Polizei erhält ihr Pfefferspray“. So kam es dann auch: Im Juli wurde in Berlin das „Gesetz über die Anwendung unmittelbaren Zwanges bei der Ausübung öffentlicher Gewalt“ geändert (hier die Novelle) und der Einsatz von Capsaicin nicht nur erlaubt, sondern sogar vorgeschrieben, „sofern nicht der Einsatz herkömmlicher Reizstoffe (Tränengas) zwingend erforderlich ist“.

Damals bestand offenbar die einhellige Meinung, dass Pfefferspray „schneller wirksam und gesundheitsverträglicher sowie preiswerter“ ist, wie ein Sprecher der Innenverwaltung seinerzeit zitiert wurde. Auch PDS und Grüne stimmten dem Einsatz damals zu, Capsaicin sei „ein milderes Mittel als Tränengas“, sagte die PDS-Abgeordnete Marion Seelig seinerzeit im Abgeordnetenhaus (hier das Protokoll der Debatte), wies aber darauf hin, dass auch Pfefferspray „nicht ungefährlich“ sei. Der Grünen-Abgeordnete Özcan Mutlu warb für Pfefferspray, „weil es ökologischer ist, weil es weniger gesundheitsgefährdend ist“.

Davon kann im Lichte der sich häufenden Fälle, bei denen Menschen nach dem Einsatz von Capsaicin durch Polizisten starben, kaum die noch Rede sein. Zumal Beamte mit dem Reizstoff nicht gerade sparsam und zimperlich umgehen – zwei Beispiele: Während des Bildungsstreiks setzte die Polizei Pfefferspray gegen protestierende Studenten in Jena ein, obwohl das nach allgemeiner Lageeinschätzung überhaupt nicht geboten war. 2007 benutzten Beamte das gefährliche Mittel gegen die Teilnehmer einer antifaschistischen Sitzblockade, an der unter anderem die Linke-Bundestagsabgeordnete Kirsten Tackmann teilgenommen hatte – auf Bildern einer Polizeikamera war seinerzeit zu sehen, wie ein Beamter Pfefferspray sprüht, obwohl sich die Blockierer bereits abgewandt hatten.

Der Tod des 32-Jährigen in Berlin soll jetzt durch eine Obduktion aufgeklärt werden. Eine Mordkommission des Landeskriminalamtes habe die Ermittlungen übernommen, erklärte die Polizei. Politisch wäre nun einmal darüber nachzudenken, ob der Einsatz von Pfefferspray nicht mindestens so lange auf Eis gelegt werden müsste, bis die möglicherweise tödlichen Risiken aufgeklärt sind. (tos)

Norman Finkelstein erfolgreich verhindert!

Nachdem zuvor die Unterstützung der Trinitatis-Gemeinde, der Heinrich-Böll-Stiftung und der Rosa-Luxemburg-Stiftung gekündigt wurde, entschied sich Finkelstein trotz Angebots der Zeitung Junge Welt gar nicht erst nach Berlin zu reisen. Auch seine Veranstaltung in München wird nicht stattfinden. Wir dokumentieren weiterhin unseren Aufruf und verweisen auf ausgewählte Reaktionen in der Presse: Junge Welt: Kuschen vor Kriegstreibern (23.2.2010) Jerusalem [...]

Baulöwe im Parlament

Filz aus Bau- bzw. Wohnungswirtschaft und Landespolitik – darin hat Berlin eine unrühmliche Tradition. Jetzt sieht es so aus, als würde das nächste Kapitel geschrieben. Im Mittelpunkt steht der Berliner SPD-Abgeordnete Ralf Hillenberg. Der Mann hat zwei Bauunternehmen gegründet und hätte da sicher genug zu tun; er ist aber auch Chef des Petitionsausschusses im Berliner Abgeordnetenhaus und war bis eben stellvertretender Vorsitzender des Bauausschusses. Aus diesem Ausschuss zieht er sich nun zurück, aber nicht aus Gründen politischer Hygiene – ein Bauunternehmer in einer solchen politischen Position muss geradezu in Interessenkonflikte geraten. Nein, Hillenberg verlässt den Ausschuss unter dem Druck von Vorwürfen der Vorteilsnahme. Eines seiner Unternehmen hat von der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft Howoge einen erklecklichen Auftrag zur Sanierung von Hunderten Plattenbauwohnungen im Berliner Ortsteil Buch erhalten. Die beiden Geschäftsführer der Howoge sind auch SPD-Mitglieder, die Auftragsvergabe soll an einschlägigen Richtlinien für Ausschreibungen vorbei erfolgt sein. Nach der Sanierung droht den Mietern die Verdoppelung der Nettomiete, weshalb in kurzer Zeit bereits 140 teils langjährige Bewohner ihre Mietverträge kündigten. Hillenberg sieht keine Schuld bei sich; die Howoge lässt nun immerhin die Vergabe sämtlicher Aufträge aus den letzten fünf Jahren, darunter viele an Hillenberg, durch externe Experten überprüfen.

Die taz sprach schon von einem System Howoge und einem System Hillenberg; aus der Howoge soll versucht worden sein, das Bezirksamt Pankow zu bestechen. Hinzu kommt, dass Hillenberg – in seiner Rolle als Abgeordneter – im letzten Jahr versucht hat, im Senat und im Abgeordnetenhaus einen Beschluss durchzubringen, der es erlaubt hätte, dass landeseigene Gesellschaften Aufträge aus Landesinvestitionen auch ohne Ausschreibung vergeben können. Hillenberg hätte über die Howoge davon profitiert. Das Ansinnen scheiterte an der Berliner Linksfraktion; es hätte, so deren Parlamentarischer Geschäftsführer Uwe Doering, die Vergabestrukturen auf den Kopf gestellt – und zwar zu Ungunsten mittelständischer Betriebe und zu Gunsten der großen Baugesellschaften. Nun soll der ganze Vorgang, der auch von Grünen und CDU kritisiert wird, auf Antrag der Linken im Hauptausschuss und im Beteiligungsausschuss des Berliner Landesparlaments behandelt werden. Bleibt abzuwarten, ob danach Hillenbergs Motto „Nicht reden, handeln!“ (nachzulesen auf seiner Internetseite) in einem neuen Licht erscheint. (wh)

Mehr Toleranz für Kinderlärm in Berlin

16. Februar 2010 Katrin Lompscher

Geräusche, die von Kindern verursacht werden, sind künftig auch juristisch als sozial adäquat und damit zumutbar zu beurteilen. Dieser in Berlin bereits allgemein für die Verwaltung geltende Grundsatz ist jetzt auch gesetzlich verankert. Morgen tritt die Änderung des Landes-Immissionsschutzgesetzes Berlin in Kraft. Berlin ist damit das erste Bundesland, das eine Privilegierung von Geräuschen, die von Kindern ausgehen, in das Landesrecht aufnimmt.

Dies ist eine klare Entscheidung zugunsten von Kindern. Denn Kinder, die in einem städtischen Umfeld gesund aufwachsen, können das nicht geräuschlos. Kinderlärm – ob auf Spielplätzen, in der Wohnung oder Kita – gehört zur kindlichen Entfaltung und Entwicklung dazu. Kinder brauchen für eine altersgemäße Entwicklung bestimmte Freiräume. Geräusche, die Kinder verursachen, sind für das Umfeld in der Regel als zumutbar anzusehen. Dies wird durch die Gesetzesänderung noch einmal grundsätzlich klargestellt.

Selbst störende Geräusche von Kindern müssen jetzt grundsätzlich als zumutbar von der Nachbarschaft hingenommen werden, wenn sie der kindlichen Entfaltung und kindgerechten Entwicklungsmöglichkeiten dienen. Diese Wertentscheidung im Sinne der Kinder ist zu beachten, wenn bestimmt werden muss, was den Nachbarn an Geräuschimmissionen zugemutet werden kann. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass der damit gesicherte Freiraum auch die berechtigten Interessen anderer Menschen respektieren muss. Kinder müssen auch lernen, auf die Bedürfnisse ihres Umfeldes Rücksicht zu nehmen.

Von der Regelung profitieren z.B. Kindertagesstätten und Freizeiteinrichtungen. In der Verwaltungspraxis der Bezirksämter werden durch die Neuregelung jedoch keine einschneidenden Änderungen erwartet, da die Verwaltung im Vollzug des Landes-Immissionsschutzgesetz Berlin bereits berücksichtigt hat, dass Geräusche, die von Kindern ausgehen, als sozial adäquat anzuerkennen sind.

Gegen den Auftritt von Finkelstein! Kundgebung vor junge Welt Zentrale in Berlin!

Was zu viel ist, ist zu viel. Keine Toleranz für Antisemitismus und Geschichtsrevisionismus! Kundgebung gegen den Auftritt von Norman G. Finkelstein am 26. Februar in Berlin Wann: Freitag, 26.02.2010 / 18:00 Uhr Wo:Vor der Junge Welt-Zentrale in der Torstraße 6 in Berlin-Mitte (Nähe U-Bahnhof Rosa-Luxemburg-Platz [U2]) Wir rufen dazu auf, sich an der Kundgebung gegen den Auftritt von Finkelstein [...]

Im falschen Film

Die anarchosyndikalistische Freie Arbeiter-Union startet am Sonntag
eine Aktionswoche, die auch die Berliner Linkspartei betrifft: Der Streit um das Kino Babylon, die Selbstorganisierung von Beschäftigten in einem öffentlich subventionierten Unternehmen, der Streit mit der großen Gewerkschaft Ver.di, eine Verbotsverfügung, eine Drohung mit horrendem Ordnungsgeld – das alles sollte in einer linken Regierungspartei (selbst-)kritische Fragen aufwerfen. Es geht hier nicht darum, die FAU über den grünen Klee zu loben, auch nicht, die Schwierigkeiten dieses Tarifkonflikts zu übersehen und schon gar nicht, der Berliner Linken nur deshalb mit Skepsis zu begegnen, weil sie sich in der Hauptstadt an der Regierung beteiligt. Es gibt ein großes Aber: Es sind nun linke Aktivisten mit einer Strafe bedroht, die Existenzen zerstören kann. Politisch gibt es keinen Grund, dieses Spiel mitzumachen. Hier muss die Linkspartei deutlich Solidarität zeigen, selbst wenn ihr das Vorgehen der FAU in der Sache oder im Allgemeinen nicht passt. Zudem wartet die Frage auf Antwort, warum die Linkspartei einerseits behauptet, nicht in den „Bezahlungskonflikt“ (was für ein Wort) eingegriffen zu haben, dies aber in einem Flugblatt anders klingt. Und schließlich: Gerade die Linkspartei in Berlin sollte etwas zurückhaltender sein mit Vorwürfen gegenüber engagierten Linken, diese würden lediglich eine „Imagekampagne“ betreiben, und das auch noch „auf Kosten einer wertvollen Kultureinrichtung dieser Stadt“. Wertvoll ist in diesem Zusammenhang ein beziehungsreiches Wort, dass bei den im Kino arbeitenden Menschen vielleicht andere Assoziationen weckt, als in warmen Verwaltungsstuben oder gut ausgestatteten Parteibüros. Redet miteinander! Jetzt! (vk)