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Posts mit dem Tag ‘Bundestag’

Lohnendes Thema

Die Opposition plädiert für eine Studie, die den Einfluss der Staatssicherheit auf den Bundestag seit 1949 untersuchen soll. Auch die Linke signalisierte Zustimmung, Dagmar Enkelmann sprach „als Historikerin und Abgeordnete“ von einem „lohnenden Thema“. Interessant ist: Ein ähnlicher Vorstoß der FDP war 2007 noch am Widerstand der Großen Koalition gescheitert. Der damalige Parlamentsgeschäftsführer der Union, Norbert Röttgen, hatte seinerzeit in einem Brief an den notorischen Gedenkstättenleiter Hubertus Knabe erklärt, man habe „erhebliche Zweifel, ob es gelingen wird, in der Öffentlichkeit klar zwischen Tätern und Opfern des DDR-Systems zu unterscheiden“ und auf eine „Schutzpflicht des Parlaments gegenüber seinen (früheren) Mitgliedern“ verwiesen. Ist dieses Argument nur richtig, wenn es auf westdeutsche Politiker gemünzt ist? Oder hätte es auch mit Blick auf eine Zusammenarbeit ostdeutscher Normalbürger mit dem Mielke-Ministerium seine Berechtigung? Es geht nicht darum, Spitzeldienste, Opportunismus und dergleichen nachträglich zu rechtfertigen. Sondern darum, in der Aufarbeitung des großen Ganzen dem Einzelfall im kleinen Konkreten gerecht zu werden. Der sächsische Landesbeauftragte für die Stasiunterlagen, Michael Beleites, hat einmal auf die dabei bestehenden Probleme hingewiesen. Man könne, sagte er, die IM von der Verantwortung für die Folgen ihres Tuns nicht freisprechen. „Aber dennoch waren sie in gewisser Weise auch Opfer eines politischen Missbrauchs“, so Beleites, der auf die Rolle von Führungsoffizieren, die nicht selten erpresserischen Umstände, unter denen Kooperationen mit dem MfS begannen, und auf die Asymmetrie zwischen Hauptamtlichen und Informellen hinwies. Die schwarz-gelbe Koalition will übrigens die Stasi-Überprüfung im Öffentlichen Dienst weiter verlängern und wieder ausweiten. Von einer „Schutzpflicht“ des Parlaments hat man in dieser Debatte noch nichts gehört. Dabei wäre es im Lichte von 20 Jahren Enthüllungsgeschichten doch durchaus bedenkenswert, auch hier „in der Öffentlichkeit klar zwischen Tätern und Opfern des DDR-Systems zu unterscheiden“. (tos)

Mitglieder von ver.di zu Besuch in Berlin

Vom 18. bis zum 21. Juli 2010 reiste eine Gruppe von 50 ver.di-Aktiven auf Einladung von Michael Schlecht nach Berlin.

Die Gruppe aus dem Raum Rhein-Neckar, Neckar-Odenwald und Heilbronn besuchte u.a. das Reichtagsgebäude, das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und das Bundespresseamt. Ein besonderes Highlight war der Besuch in der Bundesverwaltung von ver.di.

Einen kleinen Bericht eines Teilnehmers und Fotos von der Fahrt gibt es hier nachzulesen.

Streit um Fraktionszulage

Die Debatte über die Bezüge des Linkenchefs hat einen neuen Dreh erhalten. Nach Ansicht des Staatsrechtlers Hans Herbert von Arnim verstößt die Zulage, die Klaus Ernst als Mitglied des Fraktionsvorstandes im Bundestag bezieht, gegen die Verfassung. Arnim verweist auf ein Karlsruher Urteil aus dem Jahr 2000: Danach ist zwar „die Gewährung einer Funktionszulage an die Fraktionsvorsitzenden mit der Verfassung vereinbar“. Entsprechende Zulagen „für die stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden, die parlamentarischen Geschäftsführer der Fraktionen und die Ausschussvorsitzenden verstoßen hingegen gegen die Freiheit des Mandats und den Grundsatz der Gleichbehandlung der Abgeordneten“. Ernst war Anfang Juli als Fraktionsvize zurückgetreten, die Abgeordneten der Linken hatten aber per beschlossen, “dass die Vorsitzenden der Partei (…) künftig qua Amt Mitglieder des Fraktionsvorstandes mit beschließender Stimme sind“. In dieser Funktion erhält Ernst 1.913 Euro zusätzlich zur Abgeordnetendiät von 7.668 Euro. Ähnliche Zulagen sind offenbar auch in anderen Fraktionen üblich, Arnim spricht gar von einer „großen Koalition des Verfassungsbruchs“. Die Bundestagsverwaltung hat diese Rechtsauffassung laut Kölner Stadt-Anzeiger zurückgewiesen. Die Fraktionen könnten „eigenständig die Ausstattung ihrer Funktionsträger bestimmen“. (tos)

„Eine große Grauzone“

Der Fall Klaus Ernst, wenn man einen daraus machen will, lässt sich
nicht so einfach auf einen Nenner bringen. Auf der einen Seite drängt sich auf, dass sowohl das Zustandekommen der Vorwürfe wegen angeblich falsch abgerechneter Reisekosten als auch deren öffentlichen Bearbeitung von mehr motiviert sind als nur dem Wunsch nach Transparenz und kritischer Kontrolle des Politikbetriebs: Es wird natürlich Stimmung gemacht. Andererseits wirkt sich nun ein Bild aus, das der Bayer keineswegs nur bei Parteifreunden hinterlassen hat: alle reden nun vom “Porschefahrer”, der gerade noch eine  Debatte wegen seines Gehaltes als Linken-Vorsitzender entfacht hatte (mehr dazu hier und hier). In Wahrheit geht es aber gar nicht nur um ihn, sondern um das Reisemodell Bundestag und die Frage, ob angesichts der derzeitigen Regelungen und ihrer Interpretationsmöglichkeiten nicht auch viele andere Abgeordnete so gehandelt haben. Sechs Fragen zum „Fall Ernst“:

Wie kam es überhaupt zu der Geschichte? Den Anfang hatte Ende Mai der Spiegel gemacht. In einer Email an den Kreisverteiler der Linkspartei schreibt Ernst, der Bericht habe „auf, wie wir mittlerweise wissen, äußerst zweifelhaften Recherchemethoden in meiner engsten Privatsphäre beruht“. Der Spiegel selbst spricht von „internen Unterlagen und Aussagen von Insidern“. Ernst macht weiter geltend, dass Magazin „seinerzeit eine umfassende Stellungnahme von mir vorlag“, der Sachverhalt aber dennoch „verkürzt dargestellt“ werde. Auf Basis des Spiegel-Berichts erstattete dann, schreibt die Welt, eine Privatperson Strafanzeige, welche die Ermittlungen ins Rollen brachte. Das ist offenbar nicht ganz korrekt, denn die Staatsanwaltschaft hat mitgeteilt, dass die Vorwürfe ohnehin „von Amts wegen“ geprüft worden seien. Die Nachricht über das Verfahren gegen Ernst machte ausgerechnet an dem Tag die Runde, an dem das Urteil zur Überwachung von Bodo Ramelow durch den Verfassungsschutz erwartet wurde. Die Welt machte ihre Seite 2 am Tag danach mit der Überschrift “Staatsanwalt ermittelt gegen Linksparteichef” auf – darunter ein Bild von Ernst und Ramelow, die lachend vor dem Bundesverwaltungsgericht stehen.

Was sagt Klaus Ernst zu den Anschuldigungen? Der Linken-Chef hat in den vergangenen Tagen mehrfach die Vorwürfe zurückgewiesen. Er sei unter Umständen bereit, die umstrittene Reisekostenerstattung, die er vom Bundestag erhalten hat, an das Parlament zurückzuzahlen. „Wenn festgestellt werden sollte, dass ich mich unkorrekt verhalten habe, dann ist das für mich selbstverständlich.“ Ernst geht aber nicht davon aus: Er sei bei den in Frage kommenden Reisen zu Gewerkschaftertreffen und Aufsichtsratssitzungen „auch als Abgeordneter“ unterwegs gewesen, entweder bei diesen Terminen selbst oder am Rande davon. Das Abgeordnetengesetz sieht die Erstattung von Flugkosten, die „in Ausübung des Mandats“ angefallen sind, ausdrücklich vor. Offen bleibt die Frage, ob es nicht politisch besser gewesenw äre, die Reiskosten bei den Unternehmen bzw. der Gewerkschaft einzureichen, statt sie über den Umweg Bundestag dem Steuerzahler aufzubürden.

Wo liegen die Grenzen der Mandatsausübung? Inzwischen ist von einem Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags die Rede. In Auftrag gegeben von der Linksfraktion kommt eine Oberregierungsrätin darin zu dem Schluss, die Regelung sei „im Prinzip eindeutig“, umfasse aber auch „eine große Grauzone“. Da die Freiheit des Abgeordneten als hohes Gut angesehen wird, ist auch der Bereich der Tätigkeiten sehr weit zu fassen, die als Mandatsausübung angesehen werden, heißt es dazu im Stern. Es geht eben nicht nur um Aufgaben im engeren Parlaments- und Fraktionsbetrieb, sondern auch um solche darüber hinaus – etwa Reisen zu einer Sitzung eines Rundfunkrates. Weder die Rechtsprechung noch die Literatur ziehen, so die Expertise, klare Grenzen. „Es dürfte in erster Linie Aufgabe des Abgeordneten sein, eine bestimmte Tätigkeit einer bestimmten Sphäre zuzuordnen“, heißt es. Und weiter: „Mandatsbezogenheit wird auch in den Mischfällen zu bejahen sein, in denen ein Abgeordneter im Rahmen seiner Reise verschiedene Termine wahrnimmt, von denen er jedenfalls bei einem in Ausübung des Mandats tätig wird.“

Was sagt die politische Konkurrenz? Klaus Ernst hat gegenüber einer Nachrichtenagentur gefordert, es müsste eine eindeutige Regelung für alle Abgeordneten gefunden werden. Dass die Kritik aus anderen Fraktion bisher eher verhalten geblieben ist, hängt womöglich auch damit zusammen, dass sich nun viele Parlamentarier an ihre eigenen „Mischreisen“ erinnern. Bild spielt bereits die “Privilegierte Politiker”-Karte. Mehr als sechs Millionen Euro sind in diesem Jahr für Inlandsreisen der Bundestagsabgeordneten vorgesehen. Von „auffälliger Zurückhaltung“ spricht die Süddeutsche. Lediglich aus den hinteren FDP-Reihen war die Forderung zu vernehmen, Ernst solle wegen der Vorwürfe seine Parteiämter ruhen lassen.

Wie reagiert die Linkspartei? Aus den eigenen Reihen ist zwar hier und da Grummeln zu vernehmen. Aber dabei weiß man nicht recht, ob das nicht Geräusche sind, die mit der umstrittenen Rolle des Linken-Chefs generell zu tun haben. „Die meisten Mitglieder warten jetzt die Klärung der Vorwürfe ab“, zitiert Reuters einen Bundestagsabgeordneten der Linken. Aus der Berliner Parteizentrale habe es geheißen, durch die Vorwürfe werde eher noch die Solidarität mit Ernst gestärkt. Fraktionsvize Dietmar Bartsch verteidigte den Bayern, nannte die Vorwürfe persönlicher Bereicherung „schlicht absurd“ und kritisierte, wie damit politisch Front gemacht wird. Am Donnerstag hatte der Kölner Stadt-Anzeiger ein anonymes Mitglied des Immunitätsausschusses des Bundestags mit den Worten zitiert, Ernst habe „einige 1.000 Euro zu Unrecht kassiert“ und werde „an einem Strafverfahren nicht vorbeikommen“. Das Ganze habe „ein Geschmäckle“ und „bei einigen Flügen ist eindeutig, dass sie nicht mandatsbedingt sind“. Der Linken-Chef gehöre augenscheinlich zu denen, „die Wasser predigen und Wein saufen“.

Und was ist mit dem Porsche? Klaus Ernst hatte im Frühjahr vor seiner Wahl zum Linken-Vorsitzenden ein Art Hobby öffentlich gemacht und davon erzählt, dass er sich vor zehn Jahren einen 911 Carrera gekauft habe. Der Porsche des Linken-Politikers verwandelte sich zum Negativsymbol, schon seinerzeit hoben sich viele Augenbrauen und Ernst musste darauf hinweisen, dass der Wagen lediglich so viel Wert ist wie ein Mittelklasseauto. Es hat nicht viel geholfen: „Schleuder-Gefahr für den Porschefahrer“, ist in dieser Woche ein Porträt von AFP betitelt gewesen. Im Kölner Stadt-Anzeiger hieß es bereits einen Tag zuvor „Porschefahrer ohne Bodenhaftung“. Der Berliner Kurier schreibt, Ernst werde „unter anderem wegen seines privaten Porsche 911 als ‚Luxus-Linker‘ verspottet“. Und die B.Z. meint zu den Reisekosten-Vorwürfen, die Geschichte errege „dieselbe Art von Aufsehen wie Ernsts Outing als Porsche-Fahrer“. Als sich vor einiger Zeit Oskar Lafontaine mit dem Vorwurf des Luxus-Linken plagte, nahm ihn Gregor Gysi mit den Worten in Schutz: „Ein Linker muss nicht arm sein, ein Linker muss gegen Armut sein.“ So ähnlich hatte auch Klaus Ernst sein Porsche-Bekenntnis umrahmt: „Außerdem fordern wir ja nicht, dass die Menschen in Armut leben sollen. Wir predigen Wein, aber wir trinken ihn auch.“ (tos)

Linke fragt nach Grabsteinen

„Deutschland importiert im Jahr 2009 rund 837.411 Tonnen Grabsteine“, meldet die Abteilung „Parlamentskorrespondenz“ des Bundestags. Und liegt damit zum Glück völlig falsch. Die Platten, Stelen und Male wiegen üblicherweise zwischen 80 und 250 Kilogramm. Würde die oben genannte Menge stimmen, müsste die Bundesrepublik einen Bedarf von über drei Millionen Grabsteinen pro Jahr haben – 2008 starben aber in Deutschland lediglich rund 840.000 Personen. Aufklärung über die Zahlenlücke findet sich in der Antwort auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag, auf die sich die Parlamentskorrespondenten beziehen: Es handelt sich bei den rund 837.411 Tonnen um den gesamten Import von Steinen nach Deutschland. „Eine Quantifizierung des Imports von Grabsteinen (…) aus den deutschen Gesamtimporten von Natursteinen (…) sei der Bundesregierung „nicht möglich“. Der Grund für die Anfrage der Linken hat einen ernsten Hintergrund: Etwa zwei Drittel der importierten Grabsteine stammen aus Indien, wo Tausende Kinder in Steinbrüchen und bei der Weiterverarbeitung ausgebeutet werden. (vk)

Befugnis des Bundeskriminalamtes zur Online-Durchsuchung aufheben

Die LINKE hat vor Kurzem den Antrag “Befugnis des Bundeskriminalamtes zur Online-Durchsuchung aufheben” (Drucksache 17/2423) in den Bundestag eingebracht. Ziel des Antrages ist die Rückführung der BKA-Kompetenzen an einem wesentlichen Punkt und somit ein besserer Schutz der Grundrechte vor polizeilichen Eingriffen. Die erste Lesung des Antrages fand am 8. Juli 2010 (Tagesordnungspunkt 29) statt. Das Plenarprotokoll der 55. Sitzung des Deutschen Bundestages finden sie hier:

“Stenografischer Bericht” (Plenarprotokoll 17/55)

Wahlen in der Fraktion

Die Linksfraktion hat vor der Sommerpause einige Ämter neu besetzt. Zuvor hatten die in in Rostock in die Parteispitze gewählten Gesine Lötzsch, Klaus Ernst und Werner Dreibus ihre Posten im Parlament geräumt – allerdings nicht ganz. Per Satzungsänderung sind die beiden Parteivorsitzenden „künftig qua Amt Mitglieder des Fraktionsvorstandes mit beschließender Stimme“, hieß es in einer Mitteilung. Zur neuen stellvertretenden Fraktionschefin wurde Ulla Lötzer gewählt (45 Ja, 17 Nein, 6 Enthaltungen). Den Arbeitskreis „Haushalt“, den zuvor Lötzsch leitete, übernimmt Dietmar Bartsch (42 Ja, 24 Nein, 2 Enthaltungen). Für die Leitung des Arbeitskreises „Arbeit und soziale Sicherung“ gab es zwei Kandidatinnen: Bei der Wahl setzte sich Diana Golze (36 Stimmen) gegen Sabine Zimmermann (29 Stimmen) durch. Der Tagesspiegel wertete das Ergebnis als „eine erste Niederlage bei der Nachbesetzung von Ämtern“ für Klaus Ernst, der Zimmermann favorisiert hatte. (vk)

„Das Leben ist bunter“

Was haben Jan Korte (Die Linke), Kai Gehring (Bündnis 90/Die Grünen), Sönke Rix (SPD) und einige andere Politiker aus den drei Parteien gemeinsam? Mehr als man denkt! Sie alle sind Unterstützer des Rot-Rot-Grünen Positionspapiers „Das Leben ist bunter”:

Für einen Idealismus ohne Illusionen - das Leben ist bunter

… als das Schwarz und Gelb der gegenwärtigen Regierungskoalition, und auch bunter
als graue Theorien über politische Dogmen. Das Leben ist so bunt wie die Erfahrungen,
die jede und jeder von uns gesammelt hat, und so vielfältig wie unsere Vorstellungen
darüber, wie unsere Gesellschaft einmal aussehen könnte und vor allem auch, welche
politischen Werte uns bewegen. Genau darüber diskutieren wir seit einiger Zeit
gemeinsam und dieses Papier spiegelt den aktuellen Stand unserer Diskussion wieder.
Wir sind jüngere Politikerinnen und Politiker der Grünen, der SPD und der Linken.

Andere Mehrheiten sind möglich

Wir wissen, dass ein rot-grün-rotes Bündnis unter besonderer Beobachtung stehen
würde. Damit es krisenfest ist, muss ein solches Bündnis gemeinsame Werte teilen und
sich auch der Unterstützung außerparlamentarischer Bündnispartner sicher sein. Ob am
Ende die inhaltlichen Übereinstimmungen, der gesellschaftliche Rückhalt und der
gemeinsame Wille zur Übernahme von Verantwortung eine rot-rot-grüne Mehrheit
Wirklichkeit werden lassen, steht heute noch nicht fest. Wir wissen, dass es Hürden und
Bedenken in jeder unserer Parteien gibt, Vorbehalte wie Vorurteile, aber eben auch
inhaltliche Unterschiede. Wir haben nun den Dialog über die Möglichkeiten eines
solchen Bündnisses auf Bundesebene begonnen. Und wir wollen uns auf den Weg
machen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu diskutieren; nicht mehr und nicht
weniger.

Wir möchten Denkanstöße für Ideen geben, wie die Gesellschaft von morgen aussehen
könnte. Wir ziehen Konsequenzen aus den ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen
Krisen eines ungezügelten globalen Kapitalismus, der die Grenzen der ökologischen
Belastbarkeit längst überschritten hat und auf soziale Herausforderungen nicht
angemessen reagieren kann. Wir wollen die soziale Spaltung der Gesellschaft
überwinden, statt den Mangel zu verwalten.

Wir müssen das Primat der Politik verteidigen, statt eine Entwicklung zu akzeptieren, die
das Politische und die Demokratie aushöhlt. Gerade globalisierte Märkte brauchen
demokratische Kontrolle. Wir wollen eine Neudefinition der Rolle des Staates, um mehr
soziale Gerechtigkeit, mehr individuelle Freiheit und mehr kulturelle Offenheit sowie
Teilhabe zu erreichen. Der Staat darf nach unserer Auffassung nicht zum bloßen
Kriseninterventionsdienst verkommen, der mit dem Geld der Steuerzahler die Schäden
des Finanzsystems ausbügelt.

Wir kleben nicht an Dogmen, haben keine Illusionen, sondern teilen Ideale und Ideen für
eine zukunftsfähige solidarische Gesellschaft. Wir stehen für einen Politikstil, der die
globalen gesellschaftlichen Probleme ehrlich reflektiert, der Konflikte austrägt und die
Probleme von heute nicht auf kommende Generationen und auf die Schwächsten der
Gesellschaft abwälzt. Keine Lösung ist für uns jedoch, allen alles zu versprechen.

Aber gelingt es uns, mit einem neuen sozial-ökologischen Gesellschaftsvertrag die
großen Krisen unserer Zeit zu lösen? Oder werden durch altbackene neoliberale
Konzepte, wie nicht finanzierbare Steuersenkungen, Klientelpolitik und Lobbyismus die
Probleme verschärft und wird damit zusätzlich eine Krise des demokratischen Systems
hervorgerufen?

Wir beziehen Position und suchen emanzipatorische, demokratische, nachhaltige und
solidarische Lösungen. Wir wollen diese gesellschaftlich mehrheitsfähig machen und in
konkrete Handlungsentwürfe umsetzen. In den nächsten Jahren entscheidet sich, wer
die Kosten für die Wirtschaftskrise zahlt. Gleichzeitig wird entschieden, ob wir mehr
soziale Gerechtigkeit schaffen, Klimawandel wie Artensterben auf ein vertretbares Maß
reduzieren und ob es uns gelingt, den Bürgerinnen und Bürgern das Vertrauen in
unsere Demokratie wiederzugeben. Das sind zentrale Unterschiede zur aktuellen Politik
von Schwarz-Gelb.

Wie wir leben

Das Leben vieler Menschen wird immer stärker von rasanten Wandlungsprozessen
bestimmt. Beim gesellschaftlichen Zusammenhalt erleben wir eine zunehmende soziale
und räumliche Fragmentierung bis hin zur Ausgrenzung ganzer Bevölkerungsgruppen.
Die sich verfestigende soziale und räumliche Spaltung der Gesellschaft in Arm und
Reich führt auch zu Unsicherheit als bestimmendem Lebensgefühl für Viele.

Unsere Gesellschaft befindet sich in einer Phase des Umbruchs. Wir erleben eine
Erfolgsgesellschaft, in der gesellschaftliche Krisen individuell verarbeitet werden
müssen. Das Versprechen, dass Leistung sich „lohnt” und automatisch in Erfolg mündet,
löst sich für einen wachsenden Teil der Bevölkerung nicht mehr ein. Stattdessen erleben
wir, wie einige zu passiven Gewinnern werden, während Erwerbslose und
Transferhilfeempfänger aller aktivierender Sozialstaatspolitik zum Trotz als stigmatisierte
Verlierer dastehen.

Diesen Entwicklungen liegt ein unreflektiertes und unökologisches
Wachstumsparadigma zu Grunde, dass angesichts globaler Katastrophen an seine
Grenzen gestoßen ist und gleichzeitig immer mehr an der Lebenswirklichkeit der
Menschen vorbeigeht. Gleichzeitig beobachten wir eine Krise der politischen
Lösungsansätze: Negative Erfahrungen aus Staats- und Marktversagen führen bei
immer mehr Bürgerinnen und Bürgern zu einem Gefühl politischer Entmündigung. Viele
Menschen funktionieren nur noch unter Stress und Leistungsdruck in einem System,
dem sie immer weniger vertrauen und für das sie sich oft nicht mehr engagieren wollen.

In den vergangenen Jahren fand eine Entpolitisierung des Politischen statt, der bis jetzt
zu wenig entgegengesetzt wurde. In Zeiten, in denen wir erfahren müssen, wohin ein
blindes Wachstumserfordernis führt; in denen wir erkennen müssen, wie fehlgesteuerte
Finanzsysteme ganze Volkswirtschaften zusammenbrechen lassen und in denen
verantwortungsvolle Politik ersetzt wird durch Versuch und Irrtum, fällt konservativen
Parteien und Regierungen nichts anderes ein, als weiter auf Maßnahmen zur
Steigerung des Wachstums mit der Folge sozialer Spaltung und ökologischer
Zerstörung zu setzen.

Wir sind uns bewusst, dass angesichts der internationalen Verflechtungen mit ihren
wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Konsequenzen Politik nicht mehr mit
nationalstaatlichem Fokus allein entwickelt werden kann. Ohne eine internationale
Perspektive lassen sich die entscheidenden Fragen zu Energieversorgung, Klimaschutz,
Sozialstandards, Steuern, Handelsbeziehungen und Binnenmarkt nicht sinnvoll
beantworten. Die notwendige Regulierung der Finanzmärkte macht das mehr als
deutlich. Aus diesen Gründen wollen wir eine Politik vorantreiben, die nicht mehr in der
Kleinstaaterei denkt, sondern internationale Verantwortung übernimmt.

Eine besondere Bedeutung hat die Europäische Union als Antwort auf die
Globalisierung und als großes Friedens- und Integrationsprojekt auf dem europäischen
Kontinent. Wir treten deshalb für eine vertiefte Integration ein, sehen jedoch
Handlungsbedarf für Entwicklungskorrekturen der EU. Die aktuelle Krise des Euro, des
Stabilitätspaktes und der Institutionen zeigt: Die Europäische Union muss
demokratischer organisiert, um eine Sozial- und Wirtschaftsunion ergänzt und auf fairen
Wettbewerb mit hohen Sozial- und Ökologiestandards ausgerichtet werden. In diesem
Kontext stehen wir vor der Aufgabe, auch die internationale Verantwortung
Deutschlands und Europas neu zu definieren. Das betrifft die Verantwortung für Fragen
des Nord-Süd-Ausgleichs, der Rolle der Vereinten Nationen und des Völkerrechts. Wir
wissen, dass wir in Teilen unterschiedliche Vorstellungen von der Rolle Deutschlands in
Europa und der Welt haben. Wir verschweigen diese nicht, sondern versuchen sie zu
diskutieren.

Was wir wollen

Inhaltsleere Farbenspiele bringen niemanden weiter. Bündnisse müssen sich an
gemeinsamen Inhalten festmachen. Wir sind überzeugt, dass es trotz der großen
Unterschiede zwischen den drei Parteien gemeinsame Ziele gibt, die eine rot-grün-rote
Option möglich und sinnvoll machen.

Ziele, bei denen große Einigkeit besteht sind:

- längeres gemeinsames Lernen
- interkulturelle Bildung
- Stärkung der individuellen Förderung durch mehr kreative Bildungsinhalte
- die Idee einer solidarischen Bürgerversicherung im Gesundheitswesen
- eine gerechtere Wirtschafts- und Sozialordnung
- Mindestlöhne und eine repressionsarme Mindestsicherung
- der ökologische Umbau der Industriegesellschaft
- freies Internet sowie
- Bürger- und Menschenrechte, die diesen Namen wirklich verdienen

Dies bedeutet keine Aufgabe der Eigenständigkeit der einzelnen Parteien, die jede auch
in anderen Bündnissen regierungsfähig ist und bleiben soll. Es bedeutet kein Ende der
politischen Differenzen, die zwischen unseren Parteien bestehen. Wir lächeln diese
Differenzen nicht weg, sondern arbeiten an (neuen) Gemeinsamkeiten zur Klärung
gemeinsamer Projekte für eine Strategie der ökologisch sozialen Wende.

Wir sind jedoch zugleich davon überzeugt, dass diejenigen, die wie wir einen
Gestaltungsanspruch für eine ökologisch soziale Wende erheben, sich in einer
lebendigen Demokratie auf mehr als der Ebene rein parteipolitischer Überlegungen zu
bewegen haben. Unser Ziel liegt daher in dem Austausch nachvollziehbarer und
anschlussfähiger gemeinsamer Konzepte.

Die ökologische Erneuerung

Ein moderner Gerechtigkeitsbegriff bezieht Menschen auf dem ganzen Globus ein und
erkennt auch die Rechte der jungen und zukünftigen Generationen an. Die ökologische
Krise hat eine neue Dimension erreicht. Wir haben keine Zeit zu verlieren. Somit ist der
konsequente Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen und eine ökologische
Erneuerung der gesamten Wirtschaft dringend notwendig.

Wir wollen die Energiewende hin zu erneuerbaren Energien, Einsparung und Effizienz.
Unser Ziel ist es, schnellstmöglich 100% unserer Stromerzeugung aus erneuerbaren
Energien zu gewährleisten. Dazu müssen sowohl die Strukturen der vier Großkonzerne
aufgebrochen werden als auch die Verbraucherinteressen und soziale Ausgewogenheit
stärker in den Blickpunkt rücken. Wir müssen uns auf den Weg in eine
ressourcenschonende, effizientere und emmissionsarme Gesellschaft machen. Wir
wollen die richtigen politischen Rahmenbedingungen für eine „Grüne Industrielle
Revolution” setzen. Des Weiteren müssen wir die Art, wie wir produzieren,
transportieren und konsumieren, radikal verändern. Durch staatliches Handeln allein
wird dies nicht gelingen. Neben einer funktionierenden öffentlichen Daseinsvorsorge
braucht es auch geregelte Märkte, in denen Verbraucherinnen und Verbraucher auf
Augenhöhe agieren und sich der Macht des strategischen Konsums bewusster werden.
Gelingt uns dieser grundlegende Wandel nicht, werden wir unweigerlich unsere
Lebensgrundlagen zerstören.

Ohne stabile Ökosysteme ist erfolgreiches Wirtschaften nicht möglich. Der Schutz
unserer Lebensgrundlagen ist deshalb die Voraussetzung für erfolgreiche
Wirtschaftspolitik. Ein Land, das diese Herausforderungen rechtzeitig erkennt, hat
zugleich die besten Chancen, die Produkte und Technologien der Zukunft
vorausschauend zu entwickeln und zu produzieren. Der Erfolg der erneuerbaren
Energien zeigt, wie in diesem Bereich selbst in der Krise die Zahl der Arbeitsplätze
steigt. Auf diesem Weg setzen wir auch auf die Unterstützung der Gewerkschaften.

Soziale Gerechtigkeit

Wir erleben eine fragmentierte Gesellschaft, in der die soziale Schere immer weiter
auseinander geht und individuelle Lebenschancen von der sozialen Herkunft abhängen.
Wir brauchen eine Bildungs-, Sozial- und Arbeitsmarktpolitik, die den Ambivalenzen
unserer modernen Gesellschaft Rechnung trägt.

Individualisierung, Flexibilisierung und Pluralisierung der Arbeitswelt und von
Lebensentwürfen haben einerseits Freiheitsgewinne mit sich gebracht, muten
andererseits den Menschen aber auch viel zu. Wir wollen nicht zurück in die „goldenen
70er und 80er Jahre” der alten Bundesrepublik, als Sozialstaat und Arbeitsmärkte noch
viel fester als heute am Alleinernährermodell klebten und die unbefristeten
Vollzeitarbeitsplätze meist den Männern vorbehalten waren. Eine gerechte Gesellschaft
muss die Rahmenbedingungen setzen und die finanziellen Ressourcen zur Verfügung
stellen, damit gutes Leben, gute Arbeit und bestmögliche Bildung möglich sind und
Armut und Ausgrenzung nicht große Bevölkerungsgruppen abkoppeln.

Um Gerechtigkeit zu schaffen, brauchen wir eine konsequente Umverteilung. Auch
solide und verantwortungsbewusste Haushaltspolitik muss hier ansetzen. Dazu
benötigen wir ausreichende Einnahmen und einen intelligenteren aber vor allem
nachhaltigeren Umgang mit unseren finanziellen Ressourcen. Angesichts
überschuldeter Haushalte ist es notwendig, sich von überflüssigen und unökologischen
Subventionen und von teuren Prestigeprojekten zu trennen. Priorität muss auf den
qualitativen und quantitativen Ausbau unseres Bildungssystems gelegt werden -
angefangen bei der Kinderbetreuung, über unser Schul- und Hochschulsystem sowie
der beruflichen Bildung bis hin zur Weiterbildung. Wir wollen Teilhabe,
Chancengleichheit und Aufstieg durch Bildung endlich ermöglichen, anstatt die
bestehende Bildungsmisere zu verwalten oder schönzureden. Wir wollen starke
Bildungseinrichtungen für alle statt einer frühen Selektion.

Es geht um eine gerechte Erneuerung der Sozialsysteme. Das heißt auch, dass starke
Schultern mehr tragen müssen als schwache. Wir wollen eine Finanztransaktionsteuer,
eine höhere Belastung von großen Vermögen und Erbschaften, eine Anhebung des
Spitzensteuersatzes und den Abschied von kontraproduktiven, unökologischen
Subventionen. Wir wollen einen gesetzlichen Mindestlohn statt „Armut trotz Arbeit”, eine
solidarische Bürgerversicherung und eine Grundsicherung, die den Unsicherheiten des
modernen Lebens angemessen ist.

Dabei sind wir uns bewusst, dass soziale Gerechtigkeit sich nie ausschließlich über
Transferzahlungen erreichen lässt und mehr ist als Umverteilung. Wir stehen nicht für
einen Weg in die Alimentierungsgesellschaft, sondern setzen auf die aktive Partizipation
aller Bürgerinnen und Bürger.

Demokratie für alle

Wir wollen uns nicht damit abfinden, dass sich immer mehr Menschen aus dem
politischen Prozess verabschieden, weil sie das Vertrauen verloren haben. Wir sind uns
einig in unserer Forderung nach mehr direkter Demokratie, nach Demokratisierung des
Bildungs- und Wirtschaftssystems und einem freien Internet. Wir brauchen eine liberale
Innen- und Rechtspolitik und eine Gesellschaft, in der Freiheit und Sicherheit nicht
gegeneinander ausgespielt werden - auch nicht nach den Terroranschlägen des 11.
Septembers 2001. Wir wollen Freiheit statt Überwachung, und wir wehren uns gegen
die Aushöhlung von Bürgerrechten durch Staat und Unternehmen. Die Möglichkeiten
von Mitbestimmung in Unternehmen müssen deutlich ausgebaut werden.

Wir wollen Demokratie leben und gesellschaftliche Realitäten in politische Prozesse
münden lassen. Die Stärkung der Freiheit der Einzelnen, was Selbstbestimmung und
Entfaltungsmöglichkeiten angeht, muss sich in einer modernen Gesellschaftspolitik
widerspiegeln. Tradierte Gesellschaftsbilder müssen überwunden werden, wir wollen ein
buntes Leben auch im Privaten. Die Gleichberechtigung der Geschlechter steht dabei
genauso im Mittelpunkt wie gleiche Rechte und Möglichkeiten für Homo- wie
Heterosexuelle. Familie und Heimat sind Werte und Begriffe, die auch politisch neu
definiert werden müssen.

Wir stehen für eine neue, transparente politische Kultur, die Lobbyismus deutlich
einschränkt. Uneingeschränkter wie intransparenter Lobbyismus gefährdet die
Demokratie. Wir wollen eine Netzpolitik, die die Freiheit des Internets allen Menschen
auf der Welt gewährleistet und die Chancen der Digitalisierung in den Mittelpunkt stellt
und die Interessen der kreativ Tätigen und Denkenden nicht vergisst.

Resümee

Union und FDP haben die Bundestagswahl 2009 nicht durch ein inhaltlich stimmiges
Konzept gewonnen. Sie profitierten davon, dass die Parteien jenseits von schwarz-gelb
keine realistische Machtoption und keine Leitlinie für eine gemeinsame alternative
zukunftsfähige Politik anzubieten hatten. Eine solche Beschneidung politischer
Handlungsoptionen blockiert das politische System.

Der rechtzeitige Beginn des Dialogs zwischen SPD, Die Linke und Bündnis90/Die
Grünen gemeinsam mit zivilgesellschaftlichen Kräften kann neue politische
Perspektiven eröffnen.

Unterzeichnerinnen und Unterzeichner:

Steffen Bockhahn (MdB Die Linke)
Marco Bülow (MdB SPD)
Martin Deschauer (SPD, Vorstand der Denkfabrik)
Angela Dorn (MdL Hessen, Bündnis 90/Die Grünen)
Kai Gehring (MdB, Bündnis 90/Die Grünen)
Ulrike Hiller (MdL Bremen, SPD)
Dr. Anton Hofreiter (MdB, Bündnis 90/Die Grünen)
Dr. Barbara Höll (MdB, Die Linke)
Sven-Christian Kindler (MdB, Bündnis 90/Die Grünen)
Dr. Bärbel Kofler (MdB, SPD)
Daniela Kolbe (MdB, SPD)
Jan Korte (MdB, Die Linke)
Agnes Krumwiede (MdB, Bündnis 90/Die Grünen)
Stefan Liebich (MdB, Die Linke)
Nicole Maisch (MdB, Bündnis 90/Die Grünen)
Agnieszka Malczak (MdB, Bündnis 90/Die Grünen)
Angela Marquardt (SPD, Geschäftsführerin der Denkfabrik)
Dr. Matthias Miersch (MdB, SPD)
Sönke Rix (MdB, SPD)
André Schönewolf (Die Linke)
Frank Schwabe (MdB, SPD)
Raju Sharma (MdB, Die Linke)
Dr. Carsten Sieling (MdB, SPD)
Malte Spitz (Bundesvorstand Bündnis 90/Die Grünen)
Halina Wawzyniak (MdB, Die Linke)
Nicole Wloka (SPD, Vorstand der Denkfabrik)

“Hintenrum zu Rot-Rot-Grün?”

Wie steht es eigentlich um Rot-Rot-Grün? Hat dieses Projekt überhaupt eine Zukunft? Jan Korte von den LINKEN und andere Abgeordnete haben sich darüber ihre Gedanken gemacht. Heute Abend feiern sie sogar gemeinsam ein Fest. Das kommentiert die „Mitteldeutsche Zeitung” und andere:

“Hintenrum zu Rot-Rot-Grün” (MZ vom 29.06.2010)

“Hellseher mit blanken Nervern” (MZ vom 02.07.2010)

“Politiker werben für eine rot-rot-grüne Regierung” (welt online vom 01.07.2010)

“Rot-Rot-Grün: Der Kampf geht weiter” (taz vom 02.07.2010)

Späte Sühne

Bild 5

Die Opfer des Kalten Krieges in der Bundesrepublik der 50er und 60er Jahre endlich zu rehabilitieren und zu entschädigen – das verweigert die bundesdeutsche Politik seit Jahrzehnten. Die PDS hatte in den 90er Jahren im Bundestag einen – gescheiterten – Versuch unternommen; jetzt nimmt die Linksfraktion erneut Anlauf. Sie hat einen Antrag im Parlament vorgelegt, mit dem der Widerstand von Kommunisten gegen den Nationalsozialismus anerkannt und vom NS-Regime Verfolgte rehabilitiert werden sollen. Das berichtet das Neue Deutschland. Es geht um jene Kommunisten, die in den 50er und 60er Jahren wieder Opfer einer politischen Strafjustiz wurden. Im antikommunistischen Klima der Adenauer-Ära wurden nicht nur die KPD und weitere Organisationen verboten, auch viele ihrer Mitglieder waren Gegenstand von Ermittlungsverfahren und Prozessen, wurden verurteilt – teils von den gleichen Richtern, die schon in der Hitler-Zeit über sie entschieden hatten – und verloren ihre Arbeit sowie Entschädigungsansprüche wegen der NS-Verfolgung. Der Grund: Sie hätten die freiheitliche demokratische Grundordnung bekämpft. Mit ihrer Initiative will die Linksfraktion dafür sorgen, dass die Kommunisten als gleichberechtigter Teil des antifaschistischen Widerstandes anerkannt werden und die noch lebenden Betroffenen endlich Gerechtigkeit – auch materielle Gerechtigkeit – erfahren. Sollte sich der Bundestag wieder nicht dazu durchringen, wäre wohl die letzte Chance verspielt, sich vor den letzten Vertretern der betroffenen Generation ehrlich zu machen. Ein weiterer Versuch irgendwann in der Zukunft hätte wahrscheinlich nur noch posthumen Charakter. Im vergangenen Jahr hatte der Bundestag auf Antrag der Linksfraktion die Wehrmachtsdesertreure rehabilitiert und entsprechende Urteile der NS-Justiz aufgehoben – auch das eine Entscheidung, die nicht mehr viele der damals Betroffenen erleben durften. (wh)