linkeblogs.de
Blogs rund um DIE LINKE

Posts mit dem Tag ‘LINKE’

Unterwegs zu Frida oder: Selbstveränderung der Verändernden

(22)

Ich blicke auf ihr Bild “Die Maske”: Kleine Tränen fließen rechts und links aus den Augen. Das maskierte Gesicht wirkt traurig und wild; hinter der Maske wähne ich Frida Kahlo. Eine große Retrospektive dieser mexikanischen Malerin, geboren 1907, gestorben 1954, geht in diesen Tagen in Berlin zu Ende.

Frida Kahlos Bilder treffen mitten ins Herz und gehen einem nicht aus dem Kopf. Andere verfassen Texte, deren Klarheit die Nebel des drumherum Redens vertreiben, Rosa Luxemburg schreibt so. Wieder andere bringen Steine zum Sprechen, indem sie kantiges Leben aus ihnen herausholen, wie die Berliner Bildhauerin Ingeborg Hunzinger.

Während ich mich durch die Ausstellungs-Säle des Berliner Gropius-Baus bewege, erdenschwer, Kahlos Bilder bringen einen nicht zum Schweben, höre ich in meinem Inneren den Canto General, den Großen Gesang von Pablo Neruda, vertont von Mikis Theodorakis. Kahlo, Luxemburg, Hunzinger, Neruda, Brecht, Theodorakis (heute ist sein 85. Geburtstag, Salut und Danke, Mikis!) und die vielen anderen, die zu nennen wären, sind Geistes- und Seelenverwandte in ihrer Leidenschaft und Klugheit für Veränderungen, Umwälzungen, Revolutionen, umfassend schön und sinnlich in ihrem Tun. Sie waren auch Kommunistinnen und Kommunisten. Auch, vielleicht nicht in erster Linie.

Ich bin glücklich über die riesige Schlange wartender Menschen. Sie stehen nicht bei irgendeiner nationalistischen Scheiße an, sondern sie setzen sich der Hitze aus, weil sie die Bilder von Frida Kahlo sehen wollen. Schon das gibt Hoffnung.

Wenn die Linke begreifen würde, dass Veränderungen nicht nur vom Verstand allein ausgehen, sondern von allen Sinnen, wie sie ihrerseits alle Sinne ergreifen; dass Kunst nicht Beiwerk ist, sondern Schubkraft von Umwälzungen; dass Leidenschaft nicht mehr stört, sondern Menschen auszeichnet, ja, wenn…Dann träte ein, dann wird eintreten, was Marx in den Feuerbachthesen beschreibt: Die Selbstveränderung der Verändernden.

Leidenschaft heißt auch Leiden. Frida Kahlo, die Leidenschaftliche und Liebende, nimmt kurz vor ihrem Tod, von Krankheiten gezeichnet, an einer Demonstration gegen die US-Besetzung von Guantanamo teil. Und auf ihr Gipskorsett, dass sie nach der letzten von 22 Operationen tragen muss, malt sie im Liegen mit Hilfe eines Spiegels Hammer und Sichel und den Roten Stern über einen Menschen in embryonaler Stellung.

Ihre Bilder wühlen auf, sie verstören auch. Wer ihre Schönheit, ihre Symbolkraft, Hoffnung und Hoffnungslosigkeit an sich herangelassen hat, kann sich ihnen kaum mehr entziehen. Was ihre Bilder ausdrücken, war Frida Kahlo, sie hat sich in ihrer Kunst gleichfalls selbst erschaffen. Wie auch wir uns erschaffen (selbst  verändern), indem wir die Umstände verändern so gut wir das können, individuell und gemeinsam. Die Selbstveränderung der Verändernden – mehr brauchen wir uns nicht abzufordern, weniger freilich auch nicht.

Sommerinterview mit Gregor Gysi

Bericht aus Berlin, 18.07.2010

Verfassung als Kampfinstrument der »politisch-moralischen Ausbürgerung«

Der Thüringer Fraktionschef Bodo Ramelow (DIE LINKE) ist bis vor das Bundesverwaltungsgericht gezogen, um eine Grundsatzentscheidung darüber abzuholen,

»inwieweit die Erhebung personenbezogener Daten über ein Mitglied des Deutschen Bundestages oder eines Landtages aus allgemein zugänglichen Quellen ohne Einsatz von nachrichtendienstlichen Mitteln … durch das Bundesamt für Verfassungsschutz zulässig ist, falls der betreffende Abgeordnete Mitglied und Spitzenfunktionär einer Partei ist, hinsichtlich derer tatsächliche Anhaltspunkte … für gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung gerichtete Bestrebungen … vorliegen.«

Und das Bundesverwaltungsgericht hat heute entschieden, dass der Verfassungsschutz Dossiers aus allgemein zugänglichen Daten anlegen darf, eine »offene Beobachtung« zulässig. Das gilt nicht nur für Ramelow, sondern für alle Funktionäre der Linkspartei.

Dem Fass den Boden schlägt der Anwalt des Verfassungssutzes aus, der wähernd der Verhandlung erklärte, dass doch die Bundespräsidentenwahl gezeigt habe, also die Ablehnung von Joachim Gauk, dass die Linkspartei beobachtet werden müsse. Hallo?!

Inzwischen widerspricht derartigen bodenlosen Ausfällen niemand mehr so richtig. Auf die Kommentare in der morgigen Tagespresse kann man gespannt sein (Ausnahmen bestätigen die Regel). Da wirken ein paar Texte aus den 1970er manchmal wie Rohrputzer für Hirn und politsichen Sachverstand. So ein kleiner Auszug 1 aus dem netten Bändchen »Über den Mangel an politischer Kultur in Deutschland« aus dem Jahre 1978. Dort heißt es:

»Nach dem klassischen Legalitätssystem des liberal-repräsentativen Staates sind Emotionen, Gedanken und Wertvorstellungen Privatangelegenheiten privater Subjekte, ›und das, was ihren gesellschaftlichen Zusammenhang konstituierte und zusammenhielt, war die formelle öffentliche Gewalt‹ (U.K. Preuß, Legalität-Loyalität-Legitimität, in: Leviathan 4/77, S. 463). Wird aber – und das ist in der Bundesrepublik geschehen – eine vom Legalitätssystem abgekoppelte inhalts- und wertorientierte Sphäre der Legitimität etabliert, dann ist die Verfassung nicht mehr in erster Linie das Organisationsprinzip aller staatlicher Gewalt, durch das der Bürger vor dieser Gewalt geschützt wird, sondern der Staat macht sich zum Träger einer Wertidee, er verwirklicht gegenüber dem Bürger die Verfassungswerte – und das heißt: Kriterium der Legalität ist nicht mehr die Übereinstimmung von bestimmten Handlungsweisen mit den Gesetzen, sondern die Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung von politischen Zielsetzungen, Einstellungen, Emotionen und Gedanken mit dieser Wertidee, als deren legitime Verkörperung der Staat, die staatlichen Machtorgane sich darstellen.«

In Ulrich Preuß‘ Aufsatz 2, den Heinz Brüggemann zitiert, heißt es weiter:

»Eine Ordnung, die ihre eignen sozialen Voraussetzungen und ihre politische Funktionsweise in Gestalt einer ›Verfassungstreue‹ tabuiert und der Veränderung entzieht, bildet sich zu einer Zwangs-Wert-Ordnung zurück. … Es entbehrt daher nicht einer gewissem Logik, dass das in Art. 20 Abs. 4 GG konstitutionalisierte Widerstandsrecht nicht als ein Recht des Volkes gegen eine illigitim gewordenen Regierung, sondern als ein Recht jedermanns gegen ›Illoyale‹ ausgestattet worden ist. Ein Wert-Zwangsverband findet seine Identität nicht zuletzt in dem Kampf gegen Dissidenten. Die weitere Entwicklung ist vorgezeichnet: die öffentliche Gewalt als Organ der zwangsweise kollektivierten Wertüberzeugungen der Bürger wird auch deren übriggebliebene Rechte zwangsweise kollektivieren und treuhänderisch im Namen der gemeinsamen Werte verwalten, um endlich zu einer vollkommenen Kongruenz von objektiver Wertordnung und subjektivem Wertbewusstsein zu gelangen« (Preuß, ebenda, 456)

Damit wird, so Preuß, die Verfassung zu einem Kampfinstrument der »politisch-moralischen Ausbürgerung« (ebenda) 3

Die politischen Verfahren gegen Linke in den letzten Jahren haben gezeigt, was das konkret bedeutet. Und da hilft es auch nicht weiter, wenn taz-Autor Christian Rath meint, dass der Rechtsstaat noch funktioniert. Nein, es liegt einiges im Argen.

Nachtrag (22.7.): Ein Überblick über die Zeitungskommentare zeigt die doch recht kritische Ressonanz – wenn auch nicht in dem von mir angestimmten Ton.

Siehe auch:

- Bundesgerichtshof: Überwachung war von Beginn an illegal
- Verfassungsschutzbericht 2010: Zur ›freien‹ Deutungshoheit der Verfassungsschutzämter

Anmerkungen:

  1. Brüggemann, Heinz (1978): Strategien der inneren Kolonisation, in: Gottschalch, Wilfried/ Preuß, Ulrich K., et al. (Hg.): Über den Mangel an politischer Kultur in Deutschland, Berlin, 50-66, hier: S. 59
  2. Preuß ist inzwischen Professor an der Hertie School of Governance
  3. Im Gegensatz zum zitierten Aufsatz aus dem Leviathan ist Preuß’ wichtige Aufsatzsammlung Legalität und Pluralismus. Beiträge zum Verfassungsrecht der Bundesrepublik Deutschland von 1973 online zu haben

Related posts:

  1. Vom Gehege der Verfassung zur kommissarischen Diktatur? Langsam könnte man es mit der Angst zu tun bekommen....
  2. Zum Tod von Werner Maihofer Wie erst gestern bekannt wurde ist der frühere Innenminister Werner...
  3. Zu weit auseinander In der Wochenzeitung Freitag wird seit einiger Zeit über ein...

Ähnliche Artikel bereitgestellt von Yet Another Related Posts Plugin.

Der Gebrauchsanleitungs-Kapitalismus

In einem der letzten Postings hatte ich Sabine Nuss’ Besprechung des Buchs Der gute Kapitalismus erwähnt. Die in meinem Prokla-Artikel zu Keynes geführte Debatte zu keynesianischen Hoffnungen wird hier anhand des populären Buchs weitergeführt. Der Beitrag von Sabine Nuss ist zusammen mit einem Debattenbeitrag von Sebastian Dullien, Hansjörg Herr und Christian Kellermann selbst nun auf der Seite der Zeitschrift Luxemburg online einzusehen.

Related posts:

  1. Export und Krise – aufgeschoben ist nicht aufgehoben Gestern hatte ich Paul Krugman als Sprachrohr einer keynesianistischen Interpretation...
  2. Vor Veränderung kommt Verstehen. Die Commons liefern nur ein schräges Bild vom Kapitalismus Bereits für Marx stellte die Zerstörung der Commons eine zentrale...
  3. DER BLUTIGE ERNST: KRISE UND POLITIK | Diskussionsveranstaltung zum neuen Prokla-Heft Ist die aktuelle Krise wirklich schon “Schnee von gestern”? Hat...

Ähnliche Artikel bereitgestellt von Yet Another Related Posts Plugin.

Sozialistische Linke

banner_programmdebatte

Stellungnahme der Sozialistischen Linken zum Programmentwurf der Partei DIE LINKE

1. Der Programmentwurf gibt Antworten auf die wichtigsten Entwicklungen unserer Zeit. Er konzentriert sich auf die großen Krisen des modernen Kapitalismus: Die Krise des Finanzmarktkapitalismus, soziale Spaltung und Krieg, die Auflösung der Demokratie und die ökologische Katastrophe. Der Programmentwurf beschreibt realistische Etappen und Brüche einer Politik des demokratischen Sozialismus, die über den Wahltag hinausweisen. DIE LINKE steht als sozialistische Partei in der Tradition der ArbeiterInnenbewegung und ihrer sozialistischen, sozialdemokratischen und kommunistischen Parteien in Deutschland. Sie beruft sich auf das humanistische Erbe der Arbeiterbewegung und ihre Errungenschaften, aber benennt auch die Fehler und die Verbrechen, die im Namen des Sozialismus verübt wurden.

2. Die Sozialistische Linke begrüßt, dass es der Programmkommission durch intensive Diskussion gelungen ist, den Entwurf einstimmig zu verabschieden. Dies verdeutlicht: Die Verständigung unserer Partei auf breite und tragfähige Positionen ist möglich. Es war richtig, die Breite der Partei in der Programmkommission abzubilden. Die SL unterstützt die grundsätzliche Ausrichtung des Programmentwurfs und setzt sich dafür ein, diese zu erhalten und weiter zu entwickeln. Ziel der Programmdiskussion sollte es sein, die Partei zusammenzuführen und unser gemeinsames Profil zu schärfen. Eine fair geführte Programmdebatte hat das Potential, die Mitglieder zu qualifizieren, gesellschaftliche Bündnisse zu stärken sowie Sympathisantinnen und Sympathisanten für die aktive Parteiarbeit zu gewinnen. Dazu wird die SL einen aktiven Beitrag leisten.

3. Der Programmentwurf fordert zu Recht eine Politik, die Vollbeschäftigung mit verkürzten Arbeitszeiten verwirklicht und eine globale Finanz- und Währungsordnung zur Überwindung der Diktatur der Finanzmärkte anstrebt. Zukunftsinvestitionsprogramme und die massive Ausweitung öffentlicher Beschäftigung, höhere Löhne und Sozialeinkommen sollen die inländischen Nachfrage steigern und Millionen neue gute Arbeitsplätze schaffen. Zugleich sollen hochwertige Bildung und soziale Dienstleistungen für alle verwirklicht und der radikale ökologische Umbau eingeleitet werden. Der Kampf gegen Massenarbeitslosigkeit und für die Verwirklichung des Rechts auf „gute“ Erwerbsarbeit für alle ist das zentrale soziale Interesse der Beschäftigten wie der Erwerbslosen. Er darf nicht aufgegeben oder anderen, schlimmstenfalls rechtspopulistischen Kräften, überlassen werden.

4. Arbeit ist die Quelle des gesellschaftlichen Wohlstands. Die Arbeiterbewegung führt seit jeher soziale Kämpfe gegen kapitalistische Ausbeutung und Herrschaft. Es gibt keinen Weg zum Sozialismus, der an diesen Kämpfen für höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen und eine demokratische Neuorganisation von Arbeit und Produktion vorbeiführt, etwa durch das bedingungslose Grundeinkommen. Der Programmentwurf fordert eine gerechte Verteilung von Erwerbs-, Familien- und anderer gesellschaftlich notwendiger Arbeit auf Frauen und Männer. Die Überwindung der kapitalistischen Lohnarbeit bzw. des Klassengegensatzes bleibt eine langfristige Perspektive sozialistischer Politik. Das Grundsatzprogramm soll für die nächsten 10-15 Jahren gelten. Es muss sich darauf konzentrieren, die Kräfteverhältnisse nach links zu bewegen. Dies leistet der Programmentwurf.

5. Linke Sozialpolitik soll jedem Menschen ein gutes, menschenwürdiges Leben und Teilhabe an der Gesellschaft ermöglichen. Das erfordert verlässliche, individuell bedarfsdeckende und repressionsfreie soziale Sicherung. Darüber hinaus müssen die Sozialversicherungen den erarbeiteten Lebensstandard sichern. Die SL unterstützt, dass der Programmentwurf die paritätisch finanzierten Sozialversicherungen solidarisch erneuern und die sozialen Sicherungssysteme dem Zugriff der Finanzmärkte entziehen möchte.

6. Der sozial-ökologische Umbau muss mit alternativer Wirtschaftspolitik verbunden werden. Es geht um ein radikales Schrumpfen des Verbrauchs endlicher Ressourcen und der Belastung der Natur mit den „Exkrementen“ der Produktion und Lebensweise, nicht um geringere Wertschöpfung und Einkommen. Notwendigen sind massive Zukunftsinvestitionen in den ökologischen Umbau der Wirtschaft, der Infrastruktur und der Lebensbedingungen, die Ausweitung öffentlicher und sozialer Dienstleistungen und höhere Masseneinkommen. Dies bedeutet in den kommenden Jahren eine Politik des qualitativen, sozial-ökologisch gesteuerten Wachstums des Bruttoinlandsprodukts. Zugleich muss die Ungleichheit der Einkommens- und Vermögensverteilung zurückgeführt werden.

7. Der Kampf um die umfassende Verwirklichung von Bürgerrechten und die Verteidigung und Erweiterung der Errungenschaften der Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sind eine zentrale Aufgabe unserer Partei. Als sozialistische Partei ist DIE LINKE aber nicht nur Bürgerrechtspartei, sondern will die sozialen Grenzen der bürgerlichen Freiheiten sowie die Deformation der Demokratie durch die Macht des Kapitals überwinden. Wir wollen Freiheit durch Sozialismus. Deshalb müssen der Ausbau der Wirtschaftsdemokratie und die Veränderung der Eigentumsverhältnisse im Mittelpunkt der demokratischen Erneuerung stehen. Wir wollen die Demokratisierung aller Gesellschaftsbereiche und mehr direkte Demokratie.

8. Die Kämpfe um sozialen Fortschritt hierzulande und in Europa sowie gegen rassistische und imperiale Unterdrückung weltweit gehören zusammen. Die Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Alternative zum Kapitalismus besteht überall. Die Sozialistische Linke begrüßt daher die im Programmentwurf vermittelte internationale Solidarität mit den Befreiungsbewegungen in Lateinamerika und ihrem Projekt eines Sozialismus des 21. Jahrhunderts.

9. Wir unterstützen, dass der Programmentwurf demokratischen Sozialismus als ein anderes, sozial gerechtes Gesellschaftssystem begreift, das wir anstreben. Die Grundlage dafür ist eine demokratische, gerechte und rationale Wirtschaftsordnung. Sie muss die Dominanz des kapitalistischen Eigentums und des Profits brechen, die Marktsteuerung sozialen und ökologischen Kriterien unterordnen und eine demokratische Rahmenplanung verwirklichen. Die Daseinsvorsorge und Infrastruktur, Energie und Bahnverkehr sowie der Finanzsektor und strukturbestimmende Großbetriebe gehören in öffentliches Eigentum. Auch die moderne Kommunikationsinfrastruktur, das Internet ist ein öffentliches Gut. Die Konzepte der demokratischen Vergesellschaftung und Kontrolle von Unternehmen im öffentlichen Eigentum unter Beteiligung der Beschäftigten und gesellschaftlicher Interessengruppen sollten weiter entwickelt werden. In den meisten Bereichen soll es weiter private kleine und mittlere Unternehmen geben, bei ausgeweiteten Arbeitnehmerrechten, Mitbestimmung und Wettbewerbskontrolle, und kräftiger Umverteilung von oben nach unten. Der Programmentwurf weist hier in die richtige Richtung. Er bedarf lediglich einer inhaltlichen Qualifizierung, etwa hinsichtlich der Demokratisierung der Wirtschaft auf betrieblicher, regionaler, branchen-, gesamtwirtschaftlicher und internationaler Ebene.

10. DIE LINKE ist eine Antikriegspartei. Sie kämpft gegen Imperialismus und Krieg. Wir streiten für Frieden und Abrüstung und die Auflösung der NATO, gegen Rüstungsexporte und Militäreinsätze der Bundeswehr und insbesondere für ihren sofortigen Rückzug aus Afghanistan. Es bestehen aber noch Unklarheiten im Programmentwurf: Was ist mit „neuer Imperialismus“ in einem entdemokratisierten Raum gemeint? Die Außen- und Sicherheitspolitik sollte stärker in ihrer Ausrichtung analysiert werden, deutsche Wirtschaftsinteressen militärisch abzusichern. Es fehlt eine Positionierung zur Militarisierung des Öffentlichen und zur Bundeswehr allgemein. Was ist unser Verständnis von kollektiven Sicherheitsstrukturen. Was ist eine Alternative zur militarisierten (Energie-)außenpolitik, die gleichermaßen im Interesse der Menschen in Europa, der westlichen Welt und des globalen Südens ist?

11. Wir brauchen eine Neugründung der Europäischen Union (EU). Die Krise des Euro und der europäischen Integration zeigt, unsere Kritik am Vertrag von Lissabon war richtig. Wer die Europäische Integration verteidigen möchte, muss den gegenwärtigen Charakter der EU klar benennen: Die EU hat sich zu einem undemokratischen Projekt des Wirtschaftsliberalismus sowie der militärischen Aufrüstung entwickelt. Die EU wird von vielen Menschen zunehmend als Bedrohung empfunden. Wer die EU nicht von links kritisiert, verschafft Rechtspopulisten in Europa Auftrieb. Der Entwurf muss zudem präzisieren, mit welchen Instrumenten die wirtschaftliche Koordination und die sozial-ökologische sowie friedliche Ausrichtung der EU verwirklicht werden soll.

12. Wir unterstützen den strategischen Ansatz des Programmentwurfs. Demnach geht es zunächst um die Veränderung der Kräfteverhältnisse und die Durchsetzung eines Richtungswechsels. DIE LINKE ist grundsätzliche Opposition gegen den Kapitalismus, aber das schließt Regierungsbeteiligungen nicht aus, wenn die Lage der Menschen verbessert und eine Abkehr von neoliberaler, prokapitalistischer Politik eingeleitet werden kann. Wir dürfen uns aber nicht an einer Politik beteiligen, die linken Zielen zuwiderläuft und unsere Glaubwürdigkeit zerstört. Man muss DIE LINKE daran erkennen, was sie will und was sie auf keinen Fall tun wird.

13. DIE LINKE muss sich für gesellschaftliche Bündnisse und außerparlamentarischen Druck engagieren, um ihre Ziele durchzusetzen. Dies ist auch die Voraussetzung für erfolgreiche Regierungsbeteiligungen. Insbesondere die Interessen von Beschäftigten und Erwerbslosen, Lohnabhängigen und kleinen Selbstständigen, die Kämpfe um sozialen Fortschritt, für die Befreiung der Frauen und gegen Rassismus, Sexismus und andere Unterdrückungsformen müssen zusammengebracht werden. Dabei haben die Gewerkschaften eine zentrale Rolle als gesellschaftliche Kraft und Selbstorganisation der Lohnabhängigen. Die LINKE sucht die Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften, der Programmentwurf fordert die Stärkung der gewerkschaftlichen Rechte ein, insbesondere das Recht auf politischen Streik und Generalstreik. Diese Orientierung begrüßen und unterstützen wir. Im Mittelpunkt des politischen Profils der LINKEN muss auch weiterhin der Einsatz für Gerechtigkeit und für die sozialen Interessen der Mehrheit der Menschen stehen.

13. Wir sehen noch an einigen Stellen Potential für Verbesserungen, insbesondere klarere Formulierungen und größeren politischen Mut. Dies betrifft u.a. den Prozess der demokratischen Vergesellschaftung. Auch bei der Gesellschaftsanalyse sehen wir Verbesserungsbedarf. Die Grundstrukturen und Entwicklungen der kapitalistischen Produktions-, Geschlechter- und Klassenverhältnisse, sozialen Milieus und des Staates sollten analysiert werden. Der Text sollte noch klarer und verständlicher werden. Er muss populär geschrieben sein, zum Lesen einladen als auch Lernprozesse zur Erkenntnis der Welt und ihrer Widersprüche ermöglichen. Er soll motivieren, sich gemeinsam mit anderen Menschen bei der LINKEN für eine bessere Gesellschaft, den demokratischen Sozialismus zu engagieren.

Der BundessprecherInnerat der Sozialistischen Linken, 17.07.2010


Copyright © 2008
This feed is for personal, non-commercial use only.
The use of this feed on other websites breaches copyright. If this content is not in your news reader, it makes the page you are viewing an infringement of the copyright. (Digital Fingerprint:
)

Raus aus der Kuschelecke: Die Utopie wird weiter vermessen. Interview mit Raul Zelik

Raul Zelik hat zusammen mit Elmar Altvater ein langes Gespräch über Kapitalismus und was danach kommen könnte in Buchform gebracht – das war bereits 2009. Das Buch Vermessung der Utopie steht zum freien Download zur Verfügung. Die website bietet einen virtuellen Raum für Diskussionen. Diese ist leider bisher noch nicht so recht in Gang gekommen. Das ist jedoch kein Ausdruck für mangelndes Interesse. Raul hat das Buch (mit und ohne Elmar Altvater) auf zig Veranstaltungen (nicht nur in Berlin) vorgestellt und die dort verhandelden Fragen und Thesen diskutiert. Dass die Debatte weitergeht zeigt ein Interview, das Jörg Sundermeier vom Verbrecher Verlag mit Raul für de:bug geführt hat. Dies ist eines der wenigen Gesprächen über das Buch (siehe auch hyperbaustelle), das den Gesprächsfaden nochmals aufnimmt. Eine Knoten werden wir wohl aber auch in näherer Zukunft nicht dran machen können. Also: Weiterspinnen!

Related posts:

  1. Come on! Commons als neue Stars am linken Diskurshimmel und konkrete Utopie? Der kommende BUKO hat u.a. commons als Thema. Der aktuelle...
  2. Interview mit Marc Thörner zu Afghanistan Im letzten ak habe ich Thörners Buch Afghanistan-Code besprochen. Vor...
  3. Riccardo Bellofiore: Magdoff-Sweezy and Minsky on the Real Subsumption of Labour to Finance Bei der Analyse der gegenwärtigen Krise wurde oft auf Thesen...

Ähnliche Artikel bereitgestellt von Yet Another Related Posts Plugin.

Keynes-Diskussion unter sich

Nicht nur Marx, sondern auch Keynes wurde mit der Krise wieder en vogue. Dafür sprechen die vielen Publikationen, aber auch Abgrenzungen von links. Dass Keynes ernst genommen bzw. als intellektuelle und politische Gefahr angesehen wird, zeigen die Auseinandersetzungen, die bis heute u.a. in der FAZ oder unter dem Dach von der Zeit stattfinden. Eines der prominentesten blogs, das Keynes immer wieder hoch hält ist u.a. weissgarnix. Traurig aber wahr ist, dass auch dort eine radikale Kritik von links nicht wahrgenommen wird. Mit den Neoliberalen hat man schon genug zu tun. Positionen a la Wagenknecht werden zwar als politisch vernüftig apostrophiert (woran man zweifeln kann), aber sonst bleibt die Diskussion stets unter sich. Dies auch deshalb, weil es leider nur wenig gute Auseinandersetzungen mit Keynes gibt und sich die Linkspartei ihr realpolitisches Standbein nicht amputieren will. Das ist aber leider kein Ausdruck von Stärke, da die Krise es großen Teilen der Grünen und der SPD leicht gemacht hat, sich mit Keynes anzufreunden. Was aber die Linkspartei vom Block Wir-sind-alle-Keynesianer_innen unterscheidet, bleibt leider meist sehr unklar. Außer dass sie natürlich einen Kriegs-Keynesianismus ablehnen.

Related posts:

  1. Export und Krise – aufgeschoben ist nicht aufgehoben Gestern hatte ich Paul Krugman als Sprachrohr einer keynesianistischen Interpretation...
  2. Linksreformistisches An allen Ecken und Enden tut sich was – zumindest...
  3. Re-Sozialdemokratisierung und Parlamentarisierung La Repubblica aus Italien bringt auf den Punkt, was nach...

Ähnliche Artikel bereitgestellt von Yet Another Related Posts Plugin.

Ermittlungen gegen Andrej Holm eingestellt. Ein Interview mit Anwältin Christina Clemm

Die Bundesanwaltschaft stellt die Ermittlungen gegen Andrej Holm ein. Vermutungen führten jahrelang zu tiefgreifenden Einschränkungen nicht nur seiner Grundrechte. Die Praxis der RichterInnen war skandalös, entlastende Beweise wurden unterschlagen etc. pp. Das FSK sprach mit seiner Rechtsanwältin Christina Clemm aus Anlass der Bekanntgabe des Einstellungsbeschluss.

http://www.freie-radios.net/mp3/20100713-einstellung-35066.mp3

Siehe auch:

- Bundesgerichtshof: Überwachung war von Beginn an illegal
- Verfassungsschutzbericht 2010: Zur ›freien‹ Deutungshoheit der Verfassungsschutzämter
- Vom Gehege der Verfassung zur kommissarischen Diktatur?

Ergänzung (14.7.): gesammelte Reaktionen auf die Einstellung bei annalist

Related posts:

  1. Linkspartei: Kontrolle von Telefon-Überwachung muss dringend verbessert werden Auf das Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH) zur 7jährigen illegalen Überwachung...
  2. Bundesgerichtshof: Überwachung war von Beginn an illegal Vor zwei Tagen hatte ich etwas zu unseren deutschen Musterdemokraten...
  3. Interview mit Marc Thörner zu Afghanistan Im letzten ak habe ich Thörners Buch Afghanistan-Code besprochen. Vor...

Ähnliche Artikel bereitgestellt von Yet Another Related Posts Plugin.

Ronald M. Schernikau zum 50

Am kommenden Sonntag wäre der Schriftsteller Ronald M. Schernikau 50 Jahre alt geworden. Das nahm die junge welt zum Anlass, einen Briefwechsel zwischen ihm, Gisela Elsner und Elfriede Jelinek abzudrucken. Daneben findet sich sein Antrag auf Einbürgerung in die DDR. Nicht nur das konnten wenige verstehen – schließlich war es 1989. Noch kontroverser wurde – bis heute! -  seine Rede vor dem DDR-Schriftstellerkongress im März 1990 diskutiert (siehe ak 543).

Welch großer Verlust sein früher Tod darstellt, zeigen auch die kleinen Ausschnitte, die man hier und da im Netz findet (offizielle website).

Im club2 sprach er 1980 über seine Kleinstadtnovelle. Die Talkshow anlässlich der Buchmesse hatte den Titel deutschland – woher – wohin und fand unmittelbar nach der Bundestagswahl statt.

Sechs Jahre später studiert er in Leipzig und hatte drei Jahre Zeit, die Stadt und ihre Menschen intensiv zu beobachten. Daraus entstand Die Tag ein L. (gelesen und kommentiert von Schernikau selbst).

Die neusten Veröffentlichungen findet sich beim Verbrecher Verlag (Die Königin im Dreck) und bei Rotbuch (Porträt seiner Mutter mit einem Vorwort von Dietmar Dath). Am Sonntag wird in Anwesenheit seiner Mutter in Leipzig eine Gedenktafel enthüllt.

Related posts:

  1. Generationengerechtigkeit? Auch in der aktuellen jungle world ist das Wochenthema der...

Ähnliche Artikel bereitgestellt von Yet Another Related Posts Plugin.

Weder Fritz Teufel, noch gutes Benehmen vergessen

No related posts.

Ähnliche Artikel bereitgestellt von Yet Another Related Posts Plugin.