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Gespräch übers Bloggen

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Die Kollegen von Analyse & Kritik (Nr. 547 vom 19. Februar) wollten
von uns wissen, warum wir dieses Blog überhaupt machen. Gute Frage. Informationen und Kommentare zur Linkspartei bringen weder Geld noch Ruhm, sie verursachen höchstens Arbeit. Die uns Spaß macht, auch wenn lautes Rufen am Schreibtisch für hochgezogene Augenbrauen bei unseren MitbewohnerInnen sorgt:  “Diese Linkspartei, das kann doch nicht wahr sein!” Wir regen uns aber gern auch über anderes auf. Übrigens wird eine zuletzt immer wieder gestellte Frage in dem Interview beantwortet: Der Name lafontaines-linke.de bleibt.

Wolfgang Hübner und Du haben 2007 das Buch “Lafontaines Linke – Ein Rettungsboot für den Sozialismus?” veröffentlicht. Die FAZ lobte es als “das beste Buch” über die neue Partei. Die Geschichte der Linkspartei wollt Ihr in Eurem blog weitererzählen – so steht es zumindest dort. Warum habt Ihr die Form des blogs gewählt?
Weil es uns technisch sinnvoll erschien als wir damit begannen. Das war schon eine ganze Zeit vor der Drucklegung des Buches, wir haben Teile davon gewissermaßen „im Internet“ geschrieben. Auch in der Hoffnung, mit einem öffentlichen Arbeitsverfahren neue Anregungen zu bekommen und uns von Irrtümern abbringen zu lassen. Als das Buch fertig war, wollten wir, dass es gelesen wird – also kann man es im Netz herunterladen. Und schließlich haben uns die Grenzen des Printjournalismus ins Netz getrieben: Es gab immer noch eine Anekdote, ein Zitat von einem Nicht-Promi, eine regionale Wendung, die es verdient hatten, der großen medialen Vereinheitlichungsmaschine entrissen zu werden.

Was ist Euer vorrangiges Interesse? Gegeninformation? Kommentierung?
Wir sind kein Watchblog. Man kommt als Linker ohne Parteibuch aber auch nicht an dieser Organisation vorbei. Das Problem ist, dass „Die Linke“ in den Medien oft anders erscheint, als sie wirklich ist. Auf der Grundlage lässt sich schlecht über die Partei reden. Wir behaupten auch nicht, „die Wahrheit“ über den Laden zu kennen. Aber wir versuchen es. Insofern kann man wohl am ehesten von einer Mischung aus persönlichem Kommentierung und nachrichtlicher Begleitung sprechen. Und schließlich geht es uns darum, die Debatten zusammenzubringen, die in und um die Partei herum sonst oft völlig losgelöst voneinander ablaufen.

Ist Euer blog Bezugspunkt für die Debatte innerhalb und über die Linkspartei?
Das wäre schön – aber ob lafontaines-linke.de nun eher ein Diskurshai ist oder doch nur ein kleiner Fisch, das müssen andere beurteilen. Was wir ohne Angeberei sagen können: Es gibt nicht viele Orte im Internet wo man so umfangreich über diese Partei auf dem Laufenden gehalten wird.

Warum die Zuspitzung auf Lafontaine?
Als im Winter eine gruselige Debatte um den Bundesgeschäftsführer der Linkspartei lief und wir das teils denunziatorische Spiel kritisierten, empörte sich ein Leser, wir sollten das Blog doch gleich „Bartschs Linke“ nennen. Dem lag offenbar das Missverständnis zugrunde, wir hätten den Titel gewählt, weil wir Oskar-Groupies wären. So ein Quatsch. Die Über-Personalisierung haben nicht wir erfunden, sondern sie ist mit allen ihren großen Problemen ein Kern der Gründungsgeschichte der Linken. Lafontaine hat dieser Partei entscheidend seinen Stempel aufgedrückt. Das wird jetzt noch einmal sehr deutlich, wo er seinen Rückzug angekündigt hat.

Müsst Ihr Euer blog jetzt nicht umbenennen?
Man könnte vielleicht ein Schild dranhängen: „Jetzt in neuer Besetzung.“ Aber der Titel bleibt.

Guido Westerwelle und der linke Zeitgeist

„Es mag mich der linke Zeitgeist kritisieren, ich bleibe dabei: Leistung muss sich lohnen, und wer arbeitet, muss mehr haben als der, der nicht arbeitet.“

Guido Westerwelle hat so was von Recht und … so was von Nicht-Recht! Viel mehr als ihm klar ist. Der linke Zeitgeist kritisiert ihn mitnichten dafür, dass derjenige, der arbeitet, mehr bekommt, als derjenige, der nicht arbeitet. Die Linken sind geradezu berüchtigt für diese Einstellung:

„Verschlemmen soll nicht der faule Bauch, was fleißige Hände erwarben!“ Heinrich Heine hatte damals, vor mehr als 150 Jahren, für diese schöne linke Forderung leider keinen so eloquenten Fürsprecher wie den FDP-Vorsitzenden, deshalb nannte er sie verschämt „Märchen“, „Wintermärchen“.

Nein, die Linken waren gar nicht gut zu sprechen auf die Couponschneider und Rentiers, die selbst nicht arbeiteten, sondern das Kapital arbeiten ließen, dessen Herkunft, Standort und Vermehrung schon immer im anrüchigen Dunkel lagen und dessen Dreck bis heute keine Schweizer Bank und kein Nummernkonto reinwaschen kann.

Na gut, die LINKE fordert heute nicht mehr die radikale Enteignung von Banken und Großkonzernen, was nach 1945 – siehe Ahlener Programm der CDU – durchaus noch zum guten Ton gehörte. Erbschaftssteuer, Vermögenssteuer, Anhebung des Spitzensteuersatzes heißen heute die vergleichsweise milden Forderungen der LINKEN, um denen ein wenig zu nehmen, die arbeiten lassen, damit „derjenige, der arbeitet, mehr bekommt …“

Ich weiß, diese Interpretation ist einseitig und ziemlich bösartig. Natürlich arbeiten auch die Inhaber der Nummernkonten und Nutzer der Steueroasen. Nicht immer mit Erfolg, wenn wir an die globale Finanzkrise, die lange Kette von Firmenpleiten und die seit Jahrzehnten anhaltende Vernichtung von Arbeitsplätzen denken. Vor allem arbeiten sie an der gigantischen Umverteilung von unten nach oben. Nein, auch hierbei lassen sie arbeiten, nämlich die schwarz-rot-grüne-gelbe Koalition. Und sie können sich der Früchte der Koalitionäre erfreuen: Von 1960 bis 2007 sind die Steuer- und Abgabenbelastungen der Unternehmen von 23,0 auf 11,4 Prozent geschrumpft und die Vermögenssteuer wurde von 27,8 auf 8,5 Prozent verringert. Unter Führung von Guido Westerwelle soll nunmehr der Spitzensteuersatz, unter Rot-Grün schon von 53 auf 42 Prozent gesenkt, auf 35 Prozent herabgedrückt werden.

Das ist es, was der „linke Zeitgeist“ kritisiert. Das wollte ich gern mal richtig stellen.

Anmaßung ist nicht immer schlecht

Für den aktuellen ak habe ich mit Thomas Seibert über das Institut Solidarische Moderne (ISM) gesprochen.

»Gesellschaftlich relevante Debatten haben immer schon auch in kleinen Kreisen angefangen. Entschieden werden sie stets anderswo, manchmal eben auf der Straße. Auf letzteres hoffe ich, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Gelingt das Institut, wird es mittendrin seinen Platz finden – was definitiv nicht heißt: in einer Position der Mitte.«

Das komplette Interview mit Bewegungstheoretiker Seibert, Aktivist bei der Interventionistischen Linken und einer der Sprecher des Instituts Solidarische Moderne findet sich hier.

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Griechenland aus dem Würgegriff befreien

… der Banken und der EU-Administration

Christiane Reymann & Wolfgang Gehrcke

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Viele dachten, das Schlimmste sei überstanden und die Krise würde sich im Licht am Ende des Tunnels auflösen. Doch vorerst sind nur die Banken gerettet, nicht aber das Finanzsystem und die Gesellschaft schon gar nicht. Staatsbankrott, ein Wort, das wir bislang nur in Zusammenhang mit Drittweltländern kannten, kommt bedrohlich nah. Island, Ungarn, Lettland, Rumänien und jetzt kann er Griechenland ereilen als erstes Land der Eurozone. Geht Griechenland pleite, werden im Dominoeffekt Spanien, Portugal, Irland, eventuell Italien folgen – und dann gäbe es kein Halten mehr für den Euro. Schon jetzt schwächelt die europäische Währung und daran haben die Rating-Agenturen und die Banken erheblichen Anteil. Sie trauen sich wieder unter dem Schirm hervor. In Deutschland mit 480 Milliarden gerettet, können die Verursacher der Krise weiter ihr Unwesen treiben. Auslöser der nächsten Krisenwelle wäre dann nicht mehr nur der Bankrott einer Bank, sondern eines Staates. Doch der Reihe nach:

Griechenlands Notlage sei verursacht durch Schlendrian, hellenistische Lebenslust, mediterrane Dekadenz, Faulheit … soll uns weisgemacht werden. Alles Unsinn. Griechenland wurde traditionell ausgeplündert, noch verschärft im neoliberalen Kapitalismus. Zudem musste Griechenland einen hohen Preis dafür zahlen, dass es im vergangenen Jahrhundert Bollwerk des Westens gegen den Osten war, nicht zuletzt in der blutigen Militär- und Folterdiktatur, 1967 mit Hilfe der Nato an die Macht geputscht, um eine mögliche Machtübernahme von Linkskräften einschließlich Kommunisten im Keim zu ersticken. Bis 1974 haben die Obristen das Volk nicht nur politisch, sondern auch ökonomisch geknechtet. In kaum einem Land der Europäischen Union ist die Klassenspaltung so tief wie in Griechenland. Eine Handvoll Familien, Reeder und Finanzkapitalisten, besitzen fast 90 Prozent des Reichtums und zahlt kaum Steuern. Mit dem Rest, der übrig bleibt, ist kein Staat zu machen. Und das Fünftel der Bevölkerung, das unterhalb der Armutsgrenze lebt, ist sicherlich nicht in diese beklagenswerte Lage gekommen, weil es „getrickst, getäuscht und geprasst“ hat (BILD v.11.02.).

Die Staatsverschuldung Griechenlands war schon immer höher als die Kriterien für die Eurozone erlauben – wie sich herausstellt mit tätiger Mithilfe von Goldman Sachs und seinen dreckigen Finanzprodukten. Wenn sich die EU-Oberen darüber erst jetzt, kurz nach Ablösung der konservativen Regierung Karamanlis durch den (Rechts-) Sozialdemokraten Papandreou, empört aufblasen, dann glauben wir ihnen kein Wort! Ihre Finanziers wie die Geheimdienste der diversen Länder werden gut informiert gewesen sein.

Griechenlands Staatsschulden belaufen sich derzeit auf 112,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, das nur 244 Milliarden Euro beträgt. Mit 88 Prozent seines BIP ist der griechische Staat bei ausländischen Banken verschuldet. Seine Gläubiger sind – in dieser Reihenfolge – Schweizer Banken, französische und deutsche, allein bei der Deutschen Bank steht der griechische Staat mit 47 Milliarden Euro in der Kreide steht.

Aktuell waren es die Ratingagenturen – ach, ja, da sind sie wieder, ungebrochen ihre Macht, über Wohl und Wehe zu entscheiden! -, die den griechischen Staat herabgestuft und damit die Lawine ausgelöst haben. Dringend braucht Griechenland Geld, um seine Schulden zu refinanzieren, Kredite kosten Athen zurzeit aber weit über sechs Prozent Zinsen plus 3,75 Prozent „Risikozuschlag“ macht mindestens zehn Prozent, während der Leitzins der Europäischen Zentralbank bei ein Prozent liegt! Zu Recht fordert die LINKE, dass die EZB und einzelne europäische Staaten als Soforthilfe griechische Staatsanleihen kaufen, um dem Land im Würgegriff der Banken eine Atempause zu verschaffen.

Stattdessen nehmen die europäischen Staats- und Regierungschefs und die Kommission ihrerseits Griechenland in den Würgegriff und verordnen Athen die Rezepte, die zur Krise geführt haben. Das sind, so einfallslos wie gefährlich: Kürzung der Ausgaben für Öffentliches, Soziales, Infrastruktur, drastische Lohnsenkungen und Verlängerung der Lebensarbeitszeit, Steuerreform zugunsten der Reichen. Um das durchzusetzen, steht die Regierung Papandreou, ihre Haushaltspolitik, unter noch nie dagewesener Kontrolle der EU – auch der Europäischen Zentralbank und des Internationalen Währungsfonds. So sieht das Einige Europa nach Art des Lissabon-Vertrages aus.

Die beiden Linksparteien in Griechenland, die KP und Synaspismos, und die Gewerkschaften wehren sich, eine politische Streikwelle beginnt. Eine andere Entwicklungsrichtung durchsetzen, wird sehr schwer, denn auch in Griechenland ist die Arbeiterbewegung gespalten. Und ob in der Gegenwehr gegen das neoliberale Diktat das Pendel nach links ausschlägt, ist offen, auch rechts ist möglich.

Für unsere eigene Politik werden einige unserer Kritiken durch die aktuelle Lage unterstrichen, einige unserer Vorschläge erlangen große Aktualität und einige unserer Sorgen nehmen zu. Kritisiert haben wir, dass sich die Europäische Union nicht allein im Geld ausdrücken kann und darf. Dem Euro fehlt die Basis einer gemeinsamen Wirtschafts-, Sozial-, Steuer- und Rechtspolitik, das ist der Geist von Lissabon, nicht zuletzt deshalb hat die LINKE diesen Vertrag abgelehnt. Im Sinne von Lissabon konzentriert sich die Europäische Krisenlösung wiederum auf Geld, blendet die Gesellschaft(en) aus und wiederholt gebetsmühlenartig: Niedrigere Sozialausgaben, niedrigere Löhne, niedrigere Steuern für die Reichen. Das ermuntert aktuell auch in Deutschland die Metallunternehmer, Lohnerhöhungen generell abzulehnen, auch das ist ein Novum! Große Aktualität hat unser Vorschlag, das Recht auf politischen und Generalstreik endlich auch in Deutschland durchzusetzen, wir werden es noch brauchen. Größer wird die Sorge um die politisch-gesellschaftliche Entwicklung Europas. Politiker und Journalisten auf BILD-Niveau nutzen die Krise Griechenlands für eine ekelhafte Hetze nach dem Motto: „Wir“ Fleißigen zahlen nicht für eure Faulheit, euer Wohlleben, für Euren Schlendrian! Das sind die Muster, die Westerwelle und die Seinen auch gegen die Hartz IV Beziehenden hierzulande mobilisieren. Mit einem Unterschied: Aus unserem Land können wir die Armen, sofern sie deutsche Staatsbürger sind, (noch) nicht rausschmeißen, Griechenland aber können „wir“ aus der Eurozone verbannen, was wohl derzeit eine Mehrheit der in Deutschland Befragten befürwortet, oder wenigstens hart bestrafen, jetzt muss die Peitsche her!

Gegen dieses Kesseltreiben brauchen wir Solidarität wie die Luft zum Atmen. Bitte, redet über Griechenland, fragt nach, schreibt unseren griechischen Genossinnen und Genossen, auch gern in deutsch. Die Sprache der Solidarität wird überall verstanden:

intrelations@syn.gr


Debatte linke Mitte

Robert Zion führt die freitag-Debatte zur sog. linken Mitte weiter: Eine Mehrheit ist noch keine Agenda. Er ist weitaus optimistischer. Vor allem was er zum Schluss seines Beitrags ausführt mag zwar bei enigen linken SPDlern gut ankommen, kaum aber beim Rest der Partei und bedarf bei den Grünen und der Linkspartei sicherlich noch einiges an Überzeugungsarbeit.

Mein Beitrag in der Debatte: Zu weit auseinander. Wer nicht über die begrenzenden Logiken von Partei, Parlament und Staat reden will, sollte von einem linken Reformprojekt besser schweigen.

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„Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist“

Zur Ankündigung von Oskar Lafontaine, nicht wieder als Parteivorsitzender zu kandidieren

Wolfgang Gehrcke und Christiane Reymann

Die Entscheidung von Oskar Lafontaine, nicht wieder als Parteivorsitzender zu kandidieren und sein Bundestagsmandat zurückzugeben, ist für DIE LINKE ein dramatischer Einschnitt. Lafontaine gehört zum Bild und Selbstbild der LINKEN, er hat es mit gezeichnet, programmatisch, strategisch, taktisch, kulturell. Wie kaum ein anderer, personifiziert er im In- und Ausland die Hoffnung auf eine starke Linke, die den Neoliberalismus angreift, um den Kapitalismus zu Fall zu bringen.

Zum ehrenhaften Rücktritt Oskar Lafontaines als SPD-Vorsitzender und Minister der Regierung Schröder schrieben wir 1999, für seine Gegner sei „eine Bastion … gefallen, das strategische Ziel aber noch nicht erreicht… Rot-grün selbst soll die Alternativlosigkeit, die scheinbare Ausweglosigkeit aus dem globalen Karussell des Marktes besiegeln.“ Das hat die Schröder-Fischer-Regierung leider getan, zerstörerisch und selbstzerstörerisch. So entstand die Partei DIE LINKE, denn die Ideen von sozialer Gerechtigkeit, Selbstbestimmung, Frieden, einem Leben im Einklang mit der Natur erwachsen fortdauernd aus der Kritik an der Spaltung der Gesellschaft, der Entwertung des Menschen, an Krieg, Zerstörung, am Kapitalismus, der alles zur Ware macht, selbst Wasser, Leben, Luft.

„Nichts ist so mächtig wie die Idee, deren Zeit gekommen ist“ war Oskar Lafontaines Motto im Bundestagswahlkampf 2005. Wirkungsmächtig wird diese Idee, sie wird zur materiellen Gewalt, wenn sie die Massen ergreift. Es ist der Sinn und Zweck der Partei DIE LINKE, dazu einen Beitrag zu leisten.

Die herrschende Klasse spürt, dass der Boden unter ihren Füßen bebt. Sie schlägt um sich, mobilisiert wieder den Antikommunismus, gerade in Europa. Die herrschende Klasse ist rachsüchtig gegen die Selbstorganisation der Ausgebeuteten und Unterdrückten. Ohne die Zerstörung, wie im britischen Thatcherismus, oder wenigstens entscheidende Schwächung der Gewerkschaften, wie bei uns, hätte der Neoliberalismus nie so umfassend die Geschicke der Welt bestimmt. Und die politischen Organisationen für sozialistische Alternativen würden die Herrschenden am liebsten zerschroten und zerreiben, damit die Idee nicht zur materiellen Gewalt wird, sondern zerbirst, sich atomisiert. Neben ermutigenden Erfolgen findet dieser Prozess von Zerstörung und Selbstzerstörung der Linken in Europa auch statt.

DIE LINKE ist eine Partei mit Flügeln und manche fragen sich jetzt bang: Wo sind die Kräfte, wo ist ein Zentrum, das alles zusammen hält? Ein Zentrum ist nicht die „Mitte“, ein Zentrum entsteht aus der Summe der Gemeinsamkeiten, das ist etwas anderes. Auf dem Weg zum Rostocker Parteitag werden wir kein starkes Zentrum schaffen, wenn wir die Führungspositionen proportional unter den Flügeln und nach Regionen aufteilen. Oskar Lafontaine zum Beispiel ist als Parteivorsitzender nicht Links- oder Rechtsaußen, auch wenn ihn die eine oder der andere in konkreten Fragen so gesehen haben mag. Er bildet vielmehr ein Zentrum der Partei, auf das sich alle beziehen, indem er argumentativ aufklärt, zuspitzt, den politischen Gegner angreift. Diese Fähigkeiten brauchen wir jetzt gemeinsam in unserer Praxis, Strategie und bei den Personen, die wir in die Leitungsgremien wählen.

Dabei setzen wir unsere Themen selbst. Wir lassen uns nicht von den Medien vorschreiben, worüber wir diskutieren und wen wir wählen. Das versuchen sie und sie haben Einfluss auf die Entwicklung der LINKEN. Doch über die Medien Parteipolitik zu machen, hat nichts mit Transparenz und Demokratie in unserer Partei zu tun. Der Spiegel ist um Welten undemokratischer als jede Kreismitgliederversammlung.

Gerade in Phasen, die manche von uns verunsichern – wie z.B. jetzt, da wir uns eine LINKE ohne einen Parteivorsitzenden Oskar Lafontaine vorstellen müssen -, ist es sinnvoll, sich auf das zu besinnen, was uns in der Partei zusammengeführt hat. Das ist unser Wille, alle Verhältnisse umzustürzen, die aus dem Menschen ein geknechtetes, verlassenes und verächtliches Wesen machen. Für diesen Weg haben wir in den programmatischen Eckpunkten und im Bundestags-Wahlprogramm Schritte skizziert. Diese unsere Strategie brauchen wir nicht zu ändern, sie ist erfolgreich. Ihretwegen haben uns so viele Menschen gewählt. Wir müssen unsere Strategie nur beharrlich verfolgen, indem wir sie zu Kristallisationspunkten der politischen Auseinandersetzung machen. Schon wirkt links in Ansätzen, etwa in unseren Alternativen zum Krieg in Afghanistan, zu Lohndumping, Leiharbeit und Hartz IV.

Geisterfahrer im U-Boot

Der streng geheime Strategiewechsel zum Afghanistankrieg

27. Dezember 2009 (13)

Voller Zorn denke ich an die letzte gemeinsame Sitzung der Obleute der Ausschüsse für Verteidigung und Außenpolitik mit den entsprechenden Ministerien kurz vor Weihnachten. Es ging um Afghanistan.

Mit der Afghanistan-Konferenz am 28. Januar in London wollen die direkt und indirekt am Krieg beteiligten Mächte einen Strategiewechsel am Hindukusch einleiten. Aber kein Wechsel zu einer Strategie des Friedens! Vielmehr wollen sie den Krieg gewinnbar machen, koste es, was es wolle. Diesen Strategiewechsel leiten auch die Bundesregierung, der Verteidigungsminister ein. Ihre Methode der „neuen Offenheit“ zielt darauf, dass die bundesdeutsche Bevölkerung die „kriegsähnlichen Zustände“ toleriert und die Bundeswehr in ihrem „zeitlich befristeten Einsatz“ am Hindukusch materiell, logistisch und vor allem ideell unterstützt.

In diesen Strategiewechsel sollen wir Abgeordneten mit einbezogen werden, über Mitwisser sollen wir zu Mittätern werden. Wir sitzen im sogenannten U-Boot, einem abhörsicheren Lagezentrum im Verteidigungsministerium. Alles, was im U-Boot geschieht, ist streng geheim, vom Belag der Brötchen, die morgens gereicht werden, bis zu den Informationen. Bei Strafe ist untersagt, dass aus dem U-Boot etwas nach außen dringt. Doch wir, die Abgeordneten, erfahren auch hier nicht mehr, als wir aus einem einigermaßen fleißigen Studium der internationalen Presse schon wissen, und die Ministerien geben nur das zu, was sie beim besten Willen nicht mehr leugnen können.

Unsere eigentlichen Fragen bleiben nicht nur im Plenum des Deutschen Bundestages, sie bleiben auch im U-Boot unbeantwortet:

Hat Oberst Klein am 4. September 2009 seine Entscheidung zum Bombardement einsam und allein getroffen? Eher unwahrscheinlich ist, dass Klein das größte Bombardement deutscher Truppen seit 1945 ohne Rücksprache einleitet. Nur, mit wem hatte er Kontakt? Mit dem Führungszentrum für Auslandseinsätze in Potsdam? Wenn ja, agieren die Militärs dort ohne Verbindung zum Außenministerium? Oder zum Verteidigungsministerium? Was wird eigentlich in der NATO abgestimmt? Unterstützt wurde Oberst Klein auch von Angehörigen der KSK, des Kommandos Spezialkräfte, das ebenfalls streng geheim irgendwo in Afghanistan operiert. Das stand im Spiegel und kann selbst im U-Boot nicht mehr geleugnet werden.

Jetzt spricht der Bundesverteidigungsminister davon, dass man auch mit „radikalen Taliban“ gegebenenfalls verhandeln müsse. Wurden nicht genau diese – vermuteten – Kräfte am 04. September noch bombardiert? Im recht nebulösen Auftrag der streng geheim agierenden KSK heißt es sinngemäß, die Spezialkräfte sollen gegnerische Kommandozentralen ausschalten und Kämpfer gefangen nehmen. Von gezielten Tötungen ist nicht die Rede. Doch die militärisch und politisch Verantwortlichen, die an den gezielten Tötungen in Kunduz beteiligt waren, sind immer noch im Dienst und stehen nicht als Kriegsverbrecher vor Gericht.

Außenminister Guido Westerwelle dringt jetzt auf die rasche Einrichtung einer Sonderstaatsanwaltschaft für Auslandseinsätze der Bundeswehr. So soll der Krieg in unser Rechtssystem eingebaut und somit legal werden. Für legitim erklärt die Süddeutsche Zeitung den Krieg, wenn sie wie am 19.12.2009 titelt: „Wie viel Töten ist erlaubt?“ Nicht mehr kontrovers soll in der Öffentlichkeit diskutiert werden, ob sich die Bundeswehr an Kriegen beteiligen darf, sondern nur noch, wie viel Töten ihr unter welchen Bedingungen und mit welchen Mitteln erlaubt ist. Hier ist er wieder sichtbar, der Strategiewechsel, den die Bundesregierung betreibt. Sie will die Bevölkerung – und selbstverständlich die Medien – einbeziehen als aktiv Mitdenkende über die Frage: Wenn wir schon Krieg führen – was wir selbstverständlich bedauern und auch nur zeitlich befristet wollen –, was brauchen wir dann, um es richtig und siegreich zu tun?

Mord und Totschlag werden befohlen von Generälen und Ministern, von militärisch und politisch Verantwortlichen. Bundestagsabgeordnete erteilen dazu das Mandat. Von den Jasagern soll keiner sagen, das habe er/sie nicht gewollt und nicht gewusst. Doch selbst diejenigen, die wie unsere Fraktion immer gegen den Krieg gestimmt haben, können sich von ihrer Mitverantwortung nicht frei sprechen. Bislang waren wir nicht stark genug, um die Bevölkerungsmehrheit gegen den Krieg wirksam werden zu lassen als eine Kraft, die diesen Krieg beenden kann.

Dazu möchte ich im Neuen Jahr beitragen, gemeinsam mit Euch und Ihnen. Dafür wünsche ich uns Klugheit, Ausdauer, Selbstvertrauen.

Zu weit auseinander

In der Wochenzeitung Freitag wird seit einiger Zeit über ein ›Projekt‹ namens »linke Mitte« diskutiert. Ich habe mich in die Debatte eingemischt und dazu ein paar grundlegende Fragen aufgeworfen: »Wer nicht über die begrenzenden Logiken von Partei, Parlament und Staat reden will, sollte von einem linken Reformprojekt besser schweigen.«

Weiter beim Freitag.

Bisky für Fusion von Linkspartei und SPD

Linksparteivorsitzender Lothar schließt langfristig eine Fusion seiner Partei mit der nicht aus, berichtet die Tageszeitung junge Welt.

»Das ist vielleicht ein Projekt der nächsten Generation«, sagte er dem Spiegel. Es sei Zeit, über gemeinsame Wurzeln zu reden. Dabei müsse seine Partei »historische Fehler eingestehen, etwa die Unterwerfung der Sozialdemokratie in der DDR«, sagte . Als gemeinsame Figur für und Linkspartei nannte er die KPD-Mitbegründerin Rosa Luxemburg, die die in sich positiven Tendenzen beider Parteien vereinige. »Sowohl die soziale Frage als auch die individuelle Freiheit waren bei ihr miteinander versöhnt«, sagte .

Die junge Welt prescht da aber ganz schön weit vor. Auf die Frage danach, wann die „Zeit reif für einen Zusammenschluss von und Linken“ sei, antwortet der im kommenden Mai scheidende Parteivorsitzende: „So schnell nicht. Da bin ich skeptisch. Das ist vielleicht ein Projekt der nächsten Generation. Die Geschichte hat zu viele Narben hinterlassen.“ Nicht schnell, skeptisch, vielleicht – das hört sich doch schon ein bisschen anders an.

Denk ich an Deutschland in der Nacht …

4. Dezember 2009 (12)

Die Verantwortung für die umfassende Desinformationspolitik in Sachen Afghanistan

Der Bundestag stimmt über die Verlängerung des Afghanistan-Mandats ab. Die Regierungsmehrheit steht, aber die Kriegsfront bröckelt. Bei allen Parteien, auffällig bei SPD und Grünen. Alle linken Abgeordneten haben gegen den Krieg gestimmt. Ich habe ein gutes Gefühl. Die Arbeit lohnt sich. Nicht dass ich glaube, Linke seien die besseren Menschen, schon gar nicht nur, weil sie links sind. Aber wie schläft jemand, der oder die ja sagt zum Krieg. Was träumt jemand, der sich sagen muss, die Soldaten, die ich geschickt habe, haben das Massaker von Kundus angerichtet. Das Buch von Heike Groos geht durch meine Träume ….

Wie können Sie es wagen?

Heike Groos: Ein schöner Tag zu Sterben. Als Bundswehrärztin in Afghanistan (Frankfurt/M. 2009)

Routinemäßig gab es VIP-Besuche, Gefechtsfeldtourismus nannten wir das, und immer wurde groß aufgefahren und ein roter Teppich ausgerollt ….

Heike Groos, die als Bundeswehrärztin in Afghanistan eingesetzt war, hat dort Krieg erlebt. Sie berichtet darüber, wie deutsche Politikerinnen und Politiker die Lage vor Ort erkunden. Unwissenheit trifft auf Vertuschungsgebot – also: Gefechtsfeldtourismus.

Kein Wunder, dass sie einen falschen Eindruck bekamen. Kein Wunder, dass sie dachten, alles sei unter Kontrolle. Und kein Wunder, dass eines dieser hohen Tiere sich wunderte, als es während seines Besuches einen Raketenangriff auf das Lager gab.

“Wissen sie denn nicht, dass ich heute zu Besuch bin?”, sagte unser prominenter Besucher erstaunt, und wir dachten, er hätte einen Witz gemacht. Aber es lachte niemand … Und auch er lachte nicht, sondern meinte es ernst. “Wie können sie das Lager an einem Tag angreifen, an dem ich hier bin?”, wiederholte er. Aber niemand antwortete.

Der Bundestagsabgeordnete aus einem der alten Bundesländer fragt weiter: Ob wir Frauen denn auch mal in die Stadt gehen dürften. „Shoppen oder so?“ Und wozu denn eigentlich die Bunker im Lager gedacht seien? Ob wir denn vorher wüssten, dass ein Angriff bevorstünde, denn danach würde es ja keinen Sinn machen …

Die Bundeswehrärztin ist fassungslos über so viel Ignoranz, kocht vor Wut und fragt sich:

Wie hatten sie über diesen Einsatz abstimmen können, wenn sie doch gar nichts darüber wussten? Ich hatte mir nie klargemacht, dass auch Bundestagsabgeordnete nur Menschen sind, aber ich hatte mir das Ganze doch irgendwie professioneller vorgestellt.

Sie fasst sich ein Herz und bittet, selbst eine Frage stellen zu dürfen. Sie durfte – und sie fragt:

Meine Frage ist folgende: “Wie können Sie mich hierher schicken? Sie sind es doch, die dafür verantwortlich sind, dass ich hier bin, oder? … Wie können Sie es wagen? Mich, eine Mutter von fünf Kindern, zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres hierher zu schicken? Wie konnten Sie das tun, wo Sie doch offensichtlich nicht den Schimmer einer Ahnung davon haben, was sich hier abspielt.“

Der frühere Verteidigungsminister Jung ist über seine Desinformationspolitik gestürzt.

Aber ich frage mich: Wer alles ist dafür verantwortlich, dass Abgeordnete und die in Afghanistan eingesetzten Militärs, Regierungsmitglieder wie auch die Bevölkerung ganz offensichtlich und umfassend desinformiert sind, nicht wissen, was in Afghanistan passiert, was die Kriegsgründe sind, die Situation der Bundeswehr und die Lage ihrer in Afghanistan eingesetzten Soldatinnen und Soldaten?