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Posts mit dem Tag ‘Medien’

Protest extrem

Neues aus der Extremistenrubrik: Die Proteste gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 drohen von “Extremisten” unterwandert zu werden. Behauptet jedenfalls der baden-württembergische Verfassungschutz. Dessen Vizepräsident Frank Dittrich erzählte dem Focus, dass die DKP, die MLPD und die Linke versuchten, die Proteste zu instrumentalisieren, “die Unzufriedenheit in der Bevölkerung aufzunehmen und mit ihrer Kritik am politischen System  zu verbinden”. Bild brachte die Verschwörungstheorie wie immer etwas griffiger auf den Punkt. Zwar versuchen bekanntlich alle Parteien, irgendwelche Unzufriedenheiten in der Bevölkerung “aufzunehmen” und für sich zu nutzen, aber wenn Extremisten das tun, ist es natürlich ganz gefährlich. Zwar ist es diesen vermeintlichen Extremisten laut Verfassungsschutz noch nicht gelungen, breite Bündnisse im Stuttgarter Protest zu erzielen, und über “Störabsichten militanter extremistischer Gruppen” oder einen etwaigen schwarzen Block liegen auch keine Erkenntnisse vor, aber beobachten muss man natürlich weiter. Leider wurde nicht mitgeteilt, wie viele Beobachter im Einsatz sind; deshalb kann ihre Anzahl im Sinne einer korrekten Berichterstattung nicht von der Masse des “bürgerlich-demokratischen Spektrums” abgezogen werden, das die Proteste laut Verfassungsschutz glücklicherweise immer noch dominiert und sich gegen eine Unterwanderung Stuttgarts durch ein Milliardengrab wehrt. Vielleicht aber findet ja auch mancher Verfassungsschützer Stuttgart 21 blöd und verbindet beim Beobachten das Dienstliche mit dem Privaten. Hauptsache, er lässt sich nicht aus Versehen von Extremisten instrumentalisieren! (wh)

Abgelehnte Anzeige

Weil sich mit dem neuen Schuljahr in der Berliner Bildungslandschaft einiges ändert, haben Bildungsexperten der beiden Senatsparteien SPD und Linke in dieser Woche auf einer Info-Hotline Fragen zur Schulreform beantwortet. Es ging um alle Veränderungen, die mit der integrierten Sekundarschule (Zusammenführung von Haupt-, Real- und Gesamtschule) und der Abiturstufe zu tun haben. Um das Abgebot publik zu machen, schalteten die beiden Parteien Anzeigen. Die Berliner Morgenpost weigerte sich, die Anzeige zu drucken. Wie das Neue Deutschland berichtet, beruft sich die Morgenpost aus dem Springer-Konzern bei der Ablehnung auf einen Unternehmenskonsens, demzufolge es “ein Verstoß gegen die eigenen Grundsätze” wäre, “wenn bezahlte Werbung von Absendern angenommen würde, die politisch gegen fundamentale Grundsätze eines funktionierenden Gemeinwesens eintreten”. So steht es in einem Springer-Brief an den Parlametarischen Geschäftsführer der Berliner SPD-Fraktion, Christian Gaebler. Zu den genannten Grundsätzen gehören laut Springer “das Eintreten für die Marktwirtschaft und die Aussöhnung mit dem jüdischen Volk”. Die sieht Springer durch Parteien der extremen Rechten und Linken gefährdet. (wh)

Die nächste Runde

Beim Spiegel ist das Thema Klaus Ernst inzwischen ganz hinten unter „Personalien“ gelandet. Was freilich nicht heißt, dass die Saison schon zu Ende wäre. Kronzeugen der Karteileichenaffäre der bayerischen Linken wie Ulrich Voß und Franc Zega halten sich weiterhin gern bereit. Der eine erklärt in der Süddeutschen, er könne „nicht beweisen, aber auch nicht mit Sicherheit ausschließen, dass da manipuliert wurde“, fordert aber trotzdem den Rücktritt Ernsts. Der andere behauptet gegenüber dem Focus, es sei „erklärtes Ziel eines großen Teils der Partei (…), Klaus Ernst als Parteichef zu stürzen“. Das Magazin lässt sich die Angelegenheit sogar eine Umfrage kosten und die ergibt dann überraschenderweise auch das richtige Ergebnis: 62 Prozent der Deutschen halten den Linkenchef angeblich für untragbar, unter den Wählern der Partei sollen es noch 37 Prozent sein. Was heißt das? Dass eine Mehrheit der Genossen und immerhin 38 Prozent der Bundesbürger trotz aller Vorwürfe Klaus Ernst für repräsentabel halten, weit mehr also, als die Linke je bei Wahlen erreicht hat. Und wie viele Deutsche waren eigentlich vorher der einen oder der anderen Meinung? Hörte man nicht gerade noch, dass Klaus Ernst bei den meisten gar nicht als Politiker bekannt sei? Nun gut: Das hat sich in den vergangenen Wochen sicher geändert. Und der Spiegel hat schon die nächste Runde im großen Klaus-Ernst-Sommer eingeläutet: Diesmal wird es um „die dubiosen Spesenabrechnungen“ des Linkenchefs gehen. Mehr als „angeblich“ weiß man zwar bisher nicht. Aber die bloße Mutmaßung, Ernst könnte etwas Falsches getan haben, hat ja auch bei der Karteileichenaffäre gereicht. (vk)

„Nicht in unserer Hand“

Bild 2„Schwere Vorwürfe“, „massive Ungereimtheiten“ – der Bayern-Teil in der Süddeutschen Zeitung wird am Wochenende in der Linken bundesweit Beachtung finden. (Inzwischen hat die Meldung auch die Nachrichten im Deutschlandfunk und die Agenturen erreicht.) Wieder einmal geht es um den Parteichef: Unter Berufung auf ein internes Dossiers des Landesschatzmeisters Ulrich Voß berichtet das Blatt über „mögliche Verstöße gegen das Parteienfinanzierungsgesetz und etwaige Manipulationen bei internen Wahlen“. Und von letzteren habe Klaus Ernst als „Nutznießer“ profitiert. Die Landesspitze hat die Vorwürfe zurückgewiesen und Voß aufgefordert, sein Amt unverzüglich niederzulegen. Aber die Geschichte ist damit wohl nicht zu Ende. Denn auch der Spiegel hat sich bereits für Voß und sein Dossier interessiert.

Es steht der Vorwurf im Raum, dass Kreisverbände im Freistaat Mitglieder in ihren Listen geführt haben, die entweder seit Monaten keine Beiträge bezahlen, nie in die Partei eingetreten oder längst verstorben sind. All dies sei, so behauptet Voß in seinem Dossier, womöglich geschehen, „um die Mehrheiten auf Parteitagen zu verändern“. Und die Süddeutsche fragt sich schon, ob Klaus Ernst im Frühjahr 2009 die knappe Mehrheit als bayerischer Spitzenkandidat für die Bundestagswahl „ohne Manipulationen bei den Mitglieder- und Delegiertenzahlen“ erhalten hätte. Die Linkenspitze in Bayern ist wenig amüsiert – nach den internen Streitereien der vergangenen Monate, der Neuwahl der Landesspitze und dem Rücktritt von Linkensprecher Michael Wendl hatte man auf ruhigeres Fahrwasser gehofft. Die Vorsitzende Eva Mendl hat in der Süddeutschen die Vorwürfe des Kassenwartes zurückgewiesen, Voß arbeite mit „konstruierten Milchmädchenrechnungen“ und erhebe „pauschale Vorwürfe, die durch nichts bewiesen sind“.

Voß war erst im April zum Landesschatzmeister gewählt worden. So richtig ins Amt hat der Mann aus dem Kreisverband Amberg-Sulzbach nach Angaben der Linkenspitze in Bayern jedoch noch gar nicht gefunden. „Er verweigert jegliche Arbeit, die ein Landesschatzmeister zu leisten hat“, heißt es in einer Antwort der Landesvorsitzenden auf Fragen des Spiegel. Die Behauptung, mit aufgebauschten Mitgliederzahlen seien „vor allem Entscheidungen zu Gunsten von Klaus Ernst erzielt“ worden, weisen Eva Mendl und der seit kurzem kommissarisch amtierende Xaver Merk zurück, der Bundesvorsitzende habe „für keine Funktion des Landesverbandes kandidiert“. Auch den zweiten Vorwurf, im Zusammenhang mit der Anmietung eines Büros in Nürnberg sei womöglich gegen die Regeln der Parteienfinanzierung verstoßen worden, halten Mendl und Merk für „Unterstellungen“, die „jeder Grundlage“ entbehren. Das Büro wird vom Bundestagsabgeordneten Harald Weinberg, der zu den „Ernst-Vertrauten“ gehöre, wie die Süddeutsche eigens anmerkt, und dem Nürnberger Kreisverband sowie der Bayern-Linken gemeinsam genutzt. Voß hat in seinem Dossier einen Verstoß gegen die Gesetze zwar nur als „eher wahrscheinlich als unwahrscheinlich“ bezeichnet, die Süddeutsche spekuliert trotzdem schon einmal über „Sanktionen des Bundestagspräsidenten gegen die Linke“. Weinberg weist in der Süddeutschen darauf hin, dass die Büros „strikt getrennt“ wären und von einer verdeckten Parteienfinanzierung durch seine Mietzahlungen daher keine Rede sein könne.

Differenzen zwischen den Mitgliederlisten und der tatsächlichen Zahl gibt es auch in anderen Landesverbänden. Im Saarland ist die Genossenkartei nach einer Prüfung unlängst um ein Viertel geschrumpft. Nun Schreibt die Süddeutsche, „gut ein Drittel“ der rund 3.000 Bayern-Linken würden keine Beiträge bezahlen. Ob das aber schon ein Indiz für „Manipulationen“ ist? Ebenso vorstellbar ist, dass in der Fusionseuphorie Leute in die Linke eintraten, es dann aber mit den Mitgliederpflichten nicht so genau nahmen. Eine Partei, die stets sehr stolz auf ihren Westzuwachs verwiesen hatte, wird diesen nicht gern nach unten korrigieren wollen. Außerdem mag es sein, dass die Linke gerade für Menschen attraktiv wurde, die sich Mitgliedsbeiträge nicht ohne Weiteres leisten können. Hinzu kommt, dass die Satzung ein recht zeitaufwendiges Verfahren für die „Bereinigung“ von Nichtzahlern vorschreibt. Der Rauswurf von 28 Aschaffenburger „Karteileichen“ wurde wieder zurückgenommen, weil es, so Mendl und Merk, an einem notwendigen Beschluss des Kreisvorstandes fehlte.

Was wirklich dran ist an den beiden Geschichten, lässt sich ohnehin schwer sagen. Denn die Vorwürfe stehen nicht im luftleeren Raum: Gut möglich, dass hier der Dauerzwist der bayerischen Linken mit anderen Mitteln fortgesetzt wird. Wenn Voß in seinem Dossier schreibt, im Landesverband gebe es „ausgeprägte undemokratische Strukturen“, die an den „Beginn der Stalin-Ära“ erinnerten; wenn der Vorwurf erhoben wird, es sei eine Gruppe um Klaus Ernst, die mit „politischen Niederträchtigkeiten, Dummheiten und fehlendem Unrechtsbewusstsein“ agiere, dann klingt das doch recht bekannt. Ähnliches war schon in der Vergangenheit zu hören, wenn sich die Partei öffentlichkeitswirksam über die „Bayern-AG“ und angebliche Vetternwirtschaft zankte. Dass auch Strömungsauseinandersetzungen im Landesverband durch die Neuwahl des Vorstandes nicht befriedet werden konnten, zeigte sich in der Debatte um Äußerungen des inzwischen zurückgetretenen Landesvorsitzenden Michael Wendl, der rückblickend von einem „Religionskrieg“ zwischen Antikapitalistischer Linker und Sozialistischer Linker sprach, „die seit mehr als zwei Jahren um die Vorherrschaft im Landesvorstand kämpfen“ und bei der Methoden eingesetzt würden, „vor denen es, grob bayerisch gesprochen, einer Sau graust“, so Wendl.

Die amtierende Landesspitze sieht sich angesichts der „medienmäßigen Entwicklung, ausgelöst durch den Landesschatzmeister“ in einer „schwierigen Situation“. Kassenwart Voß sei vom Finanzrat der Bayern-Linken unlängst ohne Gegenstimme aufgefordert worden, „seinen satzungsgemäßen Aufgaben umgehend nachzukommen“ – was bei diesem „leider auch keinerlei Reaktion ausgelöst“ habe. Einfacher wird die Angelegenheit nach dem Aufschlag der Süddeutschen nun sicher nicht. Zumal die Spitze der Linkspartei im Freistaat fürchtet, bei dem erwarteten Spiegel-Beitrag zeige „die Art der Fragestellung“ durch den Redakteur schon „die beabsichtigte Richtung“. Was nun die Medien daraus machen, so Mendl und Merk, „liegt nicht in unserer Hand“. (tos, Foto: Linke/Flickr)

Reden über Geld

Über Gehälter leitender Mitarbeiter wird gern geredet, es wird nach Transparenz verlangt – ob es nun um Parteien, Unternehmen oder öffentlich-rechtliche Einrichtungen geht. Im Zuge der Debatte über die Reform der Rundfunkgebühren sind die Gehälter der Rundfunk-Intendanten und -Direktoren ins Gerede gekommen. Nachdem der WDR dieser Tage offengelegt hat, dass seine Intendatin Monika Piel 308.000 Euro verdient (mit Zulagen sogar 352.000 Euro), zogen andere Anstalten nach: SWR, NDR, RBB, Saarländischer Rundfunk und Radio Bremen. Die Summen können sich sehen lassen; bei den großen Anstalten bekommen die führenden Leute Einkünfte, die über dem Niveau von Bundesministern und auch der Bundeskanzlerin liegen. Einige gebührenfinanzierte Häuser allerdings zieren sich noch, obwohl klar sein dürfte, dass am Ende auch sie zur Offenlegung genötigt sein werden – allein schon wegen der stärker werdenden öffentlichen Erwartungshaltung. Für den Mitteldeutschen Rundfunk, in dessen Staatsvertrag keine Veröffentlichungspflicht enthalten ist, steht nun immerhin eine Erörterung des Problems im Verwaltungsrat an. Darauf will sich aber Thüringens Linksfraktionschef Bodo Ramelow nicht verlassen: Er will eine entsprechende Initiative im Erfurter Landtag einbringen, denn wenn man über Gebühren rede, “gehören die Gehälter mit zur Debatte”. Bei Krankenkassen und Aktiengesellschaften sei eine Offenlegung der Führungsgehälter schließlich bereits Pflicht. (wh)

Schütz spekuliert

Wie kam der Spiegel an Klaus Ernsts Terminkalender?, fragt Hans
Peter Schütz und schlägt damit ein neues Kapitel in der Debatte um die so genannte „Flugaffäre“ auf: Der Verdacht des Linkenchefs: „Redakteure des Magazins hätten illegal auf seinen elektronischen Terminkalender zugegriffen und seine gesamten Termine als Bundestagsabgeordneter ausgespäht“. Bereits Ende Juli, unmittelbar nachdem der Spiegel die Vorwürfe veröffentlichte, hatte Ernst in einer Email von „äußerst zweifelhaften Recherchemethoden in meiner engsten Privatsphäre“ berichtet. Der Spiegel, schreibt nun Schütz, habe auf Anfrage erklärt: „Wir sind nicht in den Computer von Klaus Ernst eingedrungen.“ Ernsts Fraktionskollege Wolfgang Neskovic hat schon eine „rechtliche Beurteilung“ abgegeben. Man kann gespannt sein, ob da noch etwas nachkommt. Schütz spekuliert nun, ob womöglich ein Passwort dem Spiegel „zugespielt“ oder Kalenderdaten in Kopie „weitergereicht“ wurden. Ein Motiv liegt ihm „auf der Hand“: Genossen im Osten würden sich am Gehalt des Linkenchef „stören“. Befremden war zwar dort tatsächlich schon im Juni geäußert worden, doch diesen Dreh bekam die Diskussion eigentlich erst nach Beginn der „Flugaffäre“ Ende Juli. Man erinnert sich: Eben jener Hans Peter Schütz hatte in der Diskussion um Dietmar Bartsch im vergangenen Winter dem damaligen Bundesgeschäftsführer vorgeworfen, Gerüchte über eine Liason zwischen Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht an den Spiegel weitergetratscht zu haben. Das wiederum war von der Jungen Welt genüsslich zitiert worden, worauf das Blatt eine Gegendarstellung von Bartsch veröffentlichen musste. Und dem Neuen Deutschland war damals vorgeworfen worden, die Kritiker von Bartsch kritisiert zu haben. Wer mit wem? So kompliziert ist das mit der Parteipresse. (tos)

„Damit er bleibt“

Oskar Lafontaine, das kann man im aktuellen Stern nachlesen, wirft
einen „langen Schatten“ auf die Linke. Mehr noch, er „beherrscht die Partei, immer noch“. Man erfährt, dass der Saarländer und Gregor Gysi einmal die Woche telefonieren. Und dass es Politiker in der Partei gibt, die beklagen, dass sich andere Politiker der Partei als Gralshüter irgendeiner Linie aufspielen. „Ideologische Saalwächter“, werden die genannt, „Lafontaine-Kritiker“ die anderen. Während man das Stück (eine Art Gegenmodell zu Jörges Kolumne in der vorigen Woche, sonst das Übliche: Realos gegen Radikale, bockige Linke, Klima der Denunziation etc. etc.) noch kaum zu Ende gelesen hat, meldet derwesten.de, dass Gregor Gysi tun wolle „was in meinen Kräften steht, damit er bleibt“. Wer? Lafontaine, und zwar als Parteivorsitzender. Denn, sagt sein Fraktionschef, „ohne Oskar wären wir deutlich geschwächt“, das müssten auch die begreifen, die ihn nicht mögen. Wer jetzt denkt, er habe Wichtiges verpasst und vielleicht sei da Gesine Lötzschs „Charlie-Chaplin-Strategie“ am Werk (Stern lesen!), kann hier beruhigt bzw. enttäuscht werden: Die WAZ-Gruppe hat lediglich eine alte Agenturmeldung ins Netz gestellt, die sich auf ein Gysi-Interview vom letzten Dezember in der Berliner Zeitung bezog. Der lange Schatten des Oskar Lafontaine, er verdunkelt offenbar auch manche Online-Redaktion. (tos)

Acht der Loveparade-Toten macht der “Berliner Kurier” ein zweites Mal zu Opfern

Wenn es um die Befriedigung von Sensationsgier geht, dann machen (nicht nur) die Boulevardzeitungen keine Gefangenen: Der Berliner Kurier druckt heute auf seiner Titelseite Portraitfotos von acht der 20 Todesopfern der Loveparade ab – nebst Vornamen, verkürztem Nachnamen und Alter. Manche der Fotos machen aufgrund ihrer geringen Auflösung den Eindruck, dass sie einfach aus dem Internet zusammengeklaubt wurden.

Richtlinie 8.1 des Pressekodex besagt:

Bei der Berichterstattung über Unglücksfälle, Straftaten, Ermittlungs- und Gerichtsverfahren (s. auch Ziffer 13 des Pressekodex) veröffentlicht die Presse in der Regel keine Informationen in Wort und Bild, die eine Identifizierung von Opfern und Tätern ermöglichen würden. Mit Rücksicht auf ihre Zukunft genießen Kinder und Jugendliche einen besonderen Schutz. Immer ist zwischen dem Informationsinteresse der Öffentlichkeit und dem Persönlichkeitsrecht des Betroffenen abzuwägen. Sensationsbedürfnisse allein können ein Informationsinteresse der Öffentlichkeit nicht begründen.

Ich finde, dass der Kurier ganz klar gegen diese Richtlinie verstößt und die Persönlichkeitsrechte der Opfer und deren Familien mit den Füßen tritt. Ich habe mich daher heute als Denunziant betätigt und eine Beschwerde beim Presserat gegen den Kurier eingereicht. Kann ja nicht sein, dass es nur gegen die Bild geht, über die sich fast 200 Leute deswegen beschwert hatten. Hier der Text der Beschwerde:

Der Berliner Kurier bringt auf seiner Titelseite vom 27. Juli 2010 die Fotos von acht Todesopfern des Unglücks, das sich während der Loveparade ereignete. Die Gesichter sind gut erkennbar und mit dem Vornamen sowie dem abgekürzten Nachnamen betextet. Darüber hinaus machen die Fotos aufgrund ihrer niedrigen Auflösung den Eindruck, einfach im Internet zusammengeklaubt worden zu sein.

Dies stellt m.E. einen Verstoß gegen Ziffer 8.1 (1) des Pressekodex dar. Die Opfer sind gut erkennbar und damit identifizierbar. Die reißerische Aufmachung der Seite dient wohl ausschließlich der Befriedigung von Sensationsbedürfnissen.

Beim Presserat kann man sich jetzt übrigens auch online beschweren.

Neuer, alter Appell

“Neuer Appell verlangt weitere Korrekturen”, teilte am Montag die Frankfurter Rundschau mit. Unter der Überschrift “SPD-Linke gegen Rente mit 67″ wird über einen Aufruf von Sozialdemokraten berichtet, in dem es unter anderem auch um Korrekturen bei Hartz IV, die Abschaffung von Mini-Jobs und die Anhebung des Spitzensteuersatzes geht. “Reichtum nutzen, Armut bekämpfen, Mittelschicht stärken” lautet der Titel. Wirklich neu ist er freilich nicht. Ein solcher Appell von der gleichen Initiatorin – der baden-württembergischen SPD-Bundestagsabgeordneten Hilde Mattheis – ist nämlich schon aus dem Jahre 2008 bekannt; so berichtet es korrekt die Berliner Zeitung. Beide Blätter hängen seit einiger Zeit am Kölner Verlag DuMont Schauberg und haben einen heftigen Artikelaustausch inklusive doppelter Autorennutzung entwickelt. Die Bearbeiter des Textes in der Frankfurter Rundschau kürzten genau den Teil, der darauf hinweist, dass der neue Appell eine Fortsetzung des Aufrufs von 2008 ist, wie man in der Berliner Zeitung nachlesen kann, wo im entscheidenden Moment entweder mehr Platz oder mehr Sachkenntnis (oder beides) vorhanden war.

Wenn man sich beide Textfassungen ansieht, findet man viele Übereinstimmungen – aber auch einge Unterschiede. Beispielsweise will man inzwischen nicht mehr nur Minijobs begrenzen, sondern Mini- und Midijobs oberhalb einer Bagatellgrenze abschaffen. Einige Veränderungen sind der aktuellen politischen Entwicklung geschuldet – etwa die neue Forderung nach Aussetzung des Gesundheitsfonds. Der entscheidende Unterschied aber besteht in den Rahmenbedingungen innerhalb der SPD. Vor zwei Jahren gehörte sie noch zur Regierung; als kleine Partnerin in der großen Koalition und zuvor als Führungskraft bei Rot-Grün hatte die SPD vieles von dem verursacht bzw. verschuldet, wogegen sich die Parteilinke wandte und wendet. So war der erste Appell 2008 auch eine Kampfansage an die eigene Parteispitze. Heute ist die SPD in der verdienten Opposition und baut unter dem neuen Parteichef Sigmar Gabriel ein wohl dosiertes Protestimage auf. Dazu gehört: Bruch mit den größten sozialen Untaten aus der Schröder-Müntefering-Ära, aber immer nur in dem Maß, wie es für die Partei und ihren Frieden zumutbar ist. Insofern rennen Mattheis und Genossen inzwischen teils offene Türen ein. Allerdings sitzen vor allem mit Frank-Walter Steinmeier, aber eben auch mit Gabriel Leute an den SPD-Schalthebeln, die allein schon in ihrer Person die Kontinuität seit Schröder verkörpern. Aus dieser Zwickmühle wird die SPD mindestens bis zur nächsten Bundestagswahl nicht herauskommen – und die Partelinke wird mindestens bis dahin damit zu kämpfen haben. (wh)

„Eine große Grauzone“

Der Fall Klaus Ernst, wenn man einen daraus machen will, lässt sich
nicht so einfach auf einen Nenner bringen. Auf der einen Seite drängt sich auf, dass sowohl das Zustandekommen der Vorwürfe wegen angeblich falsch abgerechneter Reisekosten als auch deren öffentlichen Bearbeitung von mehr motiviert sind als nur dem Wunsch nach Transparenz und kritischer Kontrolle des Politikbetriebs: Es wird natürlich Stimmung gemacht. Andererseits wirkt sich nun ein Bild aus, das der Bayer keineswegs nur bei Parteifreunden hinterlassen hat: alle reden nun vom “Porschefahrer”, der gerade noch eine  Debatte wegen seines Gehaltes als Linken-Vorsitzender entfacht hatte (mehr dazu hier und hier). In Wahrheit geht es aber gar nicht nur um ihn, sondern um das Reisemodell Bundestag und die Frage, ob angesichts der derzeitigen Regelungen und ihrer Interpretationsmöglichkeiten nicht auch viele andere Abgeordnete so gehandelt haben. Sechs Fragen zum „Fall Ernst“:

Wie kam es überhaupt zu der Geschichte? Den Anfang hatte Ende Mai der Spiegel gemacht. In einer Email an den Kreisverteiler der Linkspartei schreibt Ernst, der Bericht habe „auf, wie wir mittlerweise wissen, äußerst zweifelhaften Recherchemethoden in meiner engsten Privatsphäre beruht“. Der Spiegel selbst spricht von „internen Unterlagen und Aussagen von Insidern“. Ernst macht weiter geltend, dass Magazin „seinerzeit eine umfassende Stellungnahme von mir vorlag“, der Sachverhalt aber dennoch „verkürzt dargestellt“ werde. Auf Basis des Spiegel-Berichts erstattete dann, schreibt die Welt, eine Privatperson Strafanzeige, welche die Ermittlungen ins Rollen brachte. Das ist offenbar nicht ganz korrekt, denn die Staatsanwaltschaft hat mitgeteilt, dass die Vorwürfe ohnehin „von Amts wegen“ geprüft worden seien. Die Nachricht über das Verfahren gegen Ernst machte ausgerechnet an dem Tag die Runde, an dem das Urteil zur Überwachung von Bodo Ramelow durch den Verfassungsschutz erwartet wurde. Die Welt machte ihre Seite 2 am Tag danach mit der Überschrift “Staatsanwalt ermittelt gegen Linksparteichef” auf – darunter ein Bild von Ernst und Ramelow, die lachend vor dem Bundesverwaltungsgericht stehen.

Was sagt Klaus Ernst zu den Anschuldigungen? Der Linken-Chef hat in den vergangenen Tagen mehrfach die Vorwürfe zurückgewiesen. Er sei unter Umständen bereit, die umstrittene Reisekostenerstattung, die er vom Bundestag erhalten hat, an das Parlament zurückzuzahlen. „Wenn festgestellt werden sollte, dass ich mich unkorrekt verhalten habe, dann ist das für mich selbstverständlich.“ Ernst geht aber nicht davon aus: Er sei bei den in Frage kommenden Reisen zu Gewerkschaftertreffen und Aufsichtsratssitzungen „auch als Abgeordneter“ unterwegs gewesen, entweder bei diesen Terminen selbst oder am Rande davon. Das Abgeordnetengesetz sieht die Erstattung von Flugkosten, die „in Ausübung des Mandats“ angefallen sind, ausdrücklich vor. Offen bleibt die Frage, ob es nicht politisch besser gewesenw äre, die Reiskosten bei den Unternehmen bzw. der Gewerkschaft einzureichen, statt sie über den Umweg Bundestag dem Steuerzahler aufzubürden.

Wo liegen die Grenzen der Mandatsausübung? Inzwischen ist von einem Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags die Rede. In Auftrag gegeben von der Linksfraktion kommt eine Oberregierungsrätin darin zu dem Schluss, die Regelung sei „im Prinzip eindeutig“, umfasse aber auch „eine große Grauzone“. Da die Freiheit des Abgeordneten als hohes Gut angesehen wird, ist auch der Bereich der Tätigkeiten sehr weit zu fassen, die als Mandatsausübung angesehen werden, heißt es dazu im Stern. Es geht eben nicht nur um Aufgaben im engeren Parlaments- und Fraktionsbetrieb, sondern auch um solche darüber hinaus – etwa Reisen zu einer Sitzung eines Rundfunkrates. Weder die Rechtsprechung noch die Literatur ziehen, so die Expertise, klare Grenzen. „Es dürfte in erster Linie Aufgabe des Abgeordneten sein, eine bestimmte Tätigkeit einer bestimmten Sphäre zuzuordnen“, heißt es. Und weiter: „Mandatsbezogenheit wird auch in den Mischfällen zu bejahen sein, in denen ein Abgeordneter im Rahmen seiner Reise verschiedene Termine wahrnimmt, von denen er jedenfalls bei einem in Ausübung des Mandats tätig wird.“

Was sagt die politische Konkurrenz? Klaus Ernst hat gegenüber einer Nachrichtenagentur gefordert, es müsste eine eindeutige Regelung für alle Abgeordneten gefunden werden. Dass die Kritik aus anderen Fraktion bisher eher verhalten geblieben ist, hängt womöglich auch damit zusammen, dass sich nun viele Parlamentarier an ihre eigenen „Mischreisen“ erinnern. Bild spielt bereits die “Privilegierte Politiker”-Karte. Mehr als sechs Millionen Euro sind in diesem Jahr für Inlandsreisen der Bundestagsabgeordneten vorgesehen. Von „auffälliger Zurückhaltung“ spricht die Süddeutsche. Lediglich aus den hinteren FDP-Reihen war die Forderung zu vernehmen, Ernst solle wegen der Vorwürfe seine Parteiämter ruhen lassen.

Wie reagiert die Linkspartei? Aus den eigenen Reihen ist zwar hier und da Grummeln zu vernehmen. Aber dabei weiß man nicht recht, ob das nicht Geräusche sind, die mit der umstrittenen Rolle des Linken-Chefs generell zu tun haben. „Die meisten Mitglieder warten jetzt die Klärung der Vorwürfe ab“, zitiert Reuters einen Bundestagsabgeordneten der Linken. Aus der Berliner Parteizentrale habe es geheißen, durch die Vorwürfe werde eher noch die Solidarität mit Ernst gestärkt. Fraktionsvize Dietmar Bartsch verteidigte den Bayern, nannte die Vorwürfe persönlicher Bereicherung „schlicht absurd“ und kritisierte, wie damit politisch Front gemacht wird. Am Donnerstag hatte der Kölner Stadt-Anzeiger ein anonymes Mitglied des Immunitätsausschusses des Bundestags mit den Worten zitiert, Ernst habe „einige 1.000 Euro zu Unrecht kassiert“ und werde „an einem Strafverfahren nicht vorbeikommen“. Das Ganze habe „ein Geschmäckle“ und „bei einigen Flügen ist eindeutig, dass sie nicht mandatsbedingt sind“. Der Linken-Chef gehöre augenscheinlich zu denen, „die Wasser predigen und Wein saufen“.

Und was ist mit dem Porsche? Klaus Ernst hatte im Frühjahr vor seiner Wahl zum Linken-Vorsitzenden ein Art Hobby öffentlich gemacht und davon erzählt, dass er sich vor zehn Jahren einen 911 Carrera gekauft habe. Der Porsche des Linken-Politikers verwandelte sich zum Negativsymbol, schon seinerzeit hoben sich viele Augenbrauen und Ernst musste darauf hinweisen, dass der Wagen lediglich so viel Wert ist wie ein Mittelklasseauto. Es hat nicht viel geholfen: „Schleuder-Gefahr für den Porschefahrer“, ist in dieser Woche ein Porträt von AFP betitelt gewesen. Im Kölner Stadt-Anzeiger hieß es bereits einen Tag zuvor „Porschefahrer ohne Bodenhaftung“. Der Berliner Kurier schreibt, Ernst werde „unter anderem wegen seines privaten Porsche 911 als ‚Luxus-Linker‘ verspottet“. Und die B.Z. meint zu den Reisekosten-Vorwürfen, die Geschichte errege „dieselbe Art von Aufsehen wie Ernsts Outing als Porsche-Fahrer“. Als sich vor einiger Zeit Oskar Lafontaine mit dem Vorwurf des Luxus-Linken plagte, nahm ihn Gregor Gysi mit den Worten in Schutz: „Ein Linker muss nicht arm sein, ein Linker muss gegen Armut sein.“ So ähnlich hatte auch Klaus Ernst sein Porsche-Bekenntnis umrahmt: „Außerdem fordern wir ja nicht, dass die Menschen in Armut leben sollen. Wir predigen Wein, aber wir trinken ihn auch.“ (tos)