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Zum Jahrestag der CSSR-Intervention des Warschauer Pakts

Die letzte Chance verpasst – Mein Kommentar zum Jahrestag der Intervention des Warschauer Paktes in der ČSSR und zum gewaltsamen Ende des Prager Frühlings. Veröffentlicht vor zwei Jahren zum 40. Jahrestag in der ehemals SED-nahen Tageszeitung Neues Deutschland (am 21.08.2008), nachzulesen ist der Artikel auf der Website des Magazins »prager frühling«.

Die Privatspähre schützen

Wer seine Privatsphäre schützen will, sollte keine Angst vor Street View haben, sondern sich beispielsweise um die Privacy-Einstellungen seines Facebook-Accounts kümmern. Facebook hat nämlich gerade einen neuen Dienst namens Facebook Places eingeführt. Der ist zwar derzeit nur in den USA aktiv, aber die entsprechenden Einstellungen kann man jetzt schon vornehmen. Das macht Sinn, denn bei Facebook Places sendet das Smartphone mit Facebook-Zugang den jeweiligen Standort an Facebook und veröffentlicht ihn in der Timeline. Das kann natürlich sehr ungünstig sein. Und weil man bei Facebook immer einen größeren Aufwand schaffen muss, um seine Privatsphäre zu schützen, habe ich hier kein kleines Erklärvideo gemacht:

Ein kleines Angebot: Volkszählung 2011 statt Streetview

Bin ich froh, wenn die Sommerpause endlich vorbei ist und man über Politik wieder normal sprechen kann. Beispielsweise über die Privatsphäre und das Recht auf eine solche. Das Thema ist zwar gerade wegen Streetview in aller Munde, aber das geht daneben. Wikipedia beschreibt Privatsphäre unter anderem so:

Die Privatsphäre einer Person bezeichnet den Bereich, der nicht öffentlich ist, in dem nicht im Auftrag eines Unternehmens, Behörde oder ähnliches gehandelt wird, sondern der nur die eigene Person angeht.

Dass das nicht für eine Hausfassade gelten kann, liegt zumindest für mich auf der Hand. Trotzdem ist eine von German Angst angeheizte Hysterie um die Privatsphäre entbrannt, die sich auf Streetview bezieht. Selbst die Bundesregierung, sonst mit dem Einkommensregister Elena, der elektronischen Gesundheitskarte, den biometrischen Ausweisdokumenten, der einheitlichen Steuernummer, dem BKA-Gesetz usw. sonst nicht gerade zimperlich, wenn es um den Schutz des Privaten geht, hat das Thema für sich entdeckt und kündigt an, noch in diesem Jahr eine Regulation für geodatenbasierte Internetdienste zu schaffen. Welche Stilblüten das treiben kann, zeigt ein Vorschlag der FDP, die sich sonst immer für Deregulierung stark macht (das freilich in aller Konsequenz dann, wenn es darum geht, öffentliches Geld in die Taschen privater Unternehmen zu leiten): Google soll nach dem Willen der FDP, so schreibt der Stern, sich erst die Erlaubnis holen und dann fotografieren. Abgesehen davon, dass das ein negatives Sonderrecht für Google wäre, während für alle anderen die Panoramafreiheit gilt, kann man sich den bürokratischen Aufwand, den die “Liberalen” entfesseln wollen, gut vorstellen. Kein Wunder, dass die bigotten Grünen auch gleich mit von der Partie sind und jetzt schreien, dass ihnen nicht schnell genug reguliert wird, nachdem sie Jahre lang in der rot-grünen Koalition jedes Schnüffelgesetz von Otto Schily mit abgenickt haben. Ich finde: Wer mit Schilly stimmte, soll bei Streetview das Maul halten.

Wie auch immer: Wem es tatsächlich um den Schutz der Privatsphäre geht, dem kann ich ein anderes, lohnendes Thema anbieten, das tatsächlich die Privatsphäre von allen betrifft und nicht nur den Fassadenstriptease des Eigenheims: Die für das Jahr 2011 geplante Volkszählung. Die Volkszählung 2011 unterscheidet sich von der aus den 80er Jahren ganz wesentlich: Es werden keine Hansel mit Fragebögen losgeschickt, die von Tür zu Tür gehen. Vielmehr werden die Daten registergestützt erhoben. Innenminister de Maizière, der Streetview strikt regulieren will, verfolgt mit den Streetview-Regulierern von der SPD folgenden Plan:

Zunächst wird für die Volkszählung 2011 ein Register erstellt, in dem alle Häuser, Sondergebäude und Wohnungen vermerkt sind. Hierzu werden 33 verschiedene Datensätze erhoben. Beispiele: Anzahl der Wohnungen, Anzahl der Ausländer je Anschrift, Fluktuationsrate je Anschrift, Anschrift des Eigentümers.Weiterhin wird ein Ortsverzeichnis erstellt, in dem unter anderem Geburtsorte und Geburtsstaaten registriert werden.Die Meldebehörden übermitteln weitere 15 Datensätze wie Status der Wohnung, vorherige Anschriften, Familienstand, Geburtsort und Staat, aus dem der Zuzug erfolgt ist. Die Bundesagentur für Arbeit meldet, ob eine  Beschäftigung oder eine Arbeitslosigkeit vorliegt und darüber hinaus Adressdaten.All diese Angaben werden unter einer Ordnungsnummer zusammengeführt. Zusätzlich können Daten aus “allgemein zugänglichen Quellen” verwendet werden, wobei nicht hinreichend klar ist, was damit gemeint ist, weil dazu z.B. auch Daten zählen können, die von Adressbrokern gewonnen werden.

Kann mir jetzt mal einer erklären, was an Streetview schlimm ist und warum nicht der Funken eines Protestes gegen die Volkszählung 2011 läuft?

Kriegt euch mal ein, ihr Streetview-Schisser

Um mal eins vorweg zu sagen: Ich finde Googles Streetview klasse. Ich freu mich darauf, meine virtuellen Rundgänge bald nicht mehr nur durch triste Käffer wie Paris machen zu müssen, denn mit dem baldigen Deutschland-Start ist zum Beispiel auch Bielefeld oder meine Heimatstadt Berlin dabei. Ich find’s toll.

Jetzt aber zum Thema: Datenschutz ist endlich im Mainstream angekommen. Ich wünsche mir das schon seit vielen Jahren. Was ich damals nicht bedacht habe und erst eben gerade richtig bemerke, sind die Abgründe, die sich damit auftun: Besorgte Bürger, die kein Problem damit haben, wenn der Staat in ihren Konten schnüffelt, ihre Verbindungsdaten auf Vorrat speichert, Telefone abhört. Denn das alles ist für die Sicherheit. Und überhaupt – kann mal endlich jemand an die Kinder denken? Also, Datenschutz ist wichtig. OK, man verkauft auch seine Oma notfalls für 0,5 Prozent Rabatt bei Payback. Geschenkt. Wenn man sich erstmal an die staatliche Erfassung aller Einkommen (ELENA), an den Zensus 2011, an die Online-Durchsuchung, an die elektronische Gesundheitskarte, an Nacktscanner, biometrische Reisepässe oder Personalausweise usw. gewöhnt hat, ist Datenschutz sogar richtig cool.

Das hat sich wohl auch der Düsseldorfer Bauingenieur Erich Jeschkowski gedacht. Der findet, wie viele andere auch, dass alles Übel der Welt mit Streetview auf ihn herabregnet und hat sich mit seinen Nachbarn zusammengeschlossen, um sein Haus verpixeln zu lassen. Um das zu unterstreichen, stellt er sich mit seinen Nachbarn eben vor jenes Haus, lässt sich fotografieren, das Foto wird dann in der Zeitung gedruckt und ins Internet gestellt. Hammer, ein echter Blitzdenker.

Jeschkowski ist ja jetzt kein Allerweltsname. Es gibt davon in Düsseldorf nur zwei, die ins Telefonbuch eingetragen sind, nur einer heißt Erich. Und weil ihm Datenschutz wichtig ist, hat er auch noch seinen Beruf ins Telefonbuch eintragen lassen, was ich wirklich sehr ungewöhnlich finde. Dank Erich Jeschkowski, dem Telefonbuch und er Rheinischen Post weiß ich jetzt nicht nur, wie sein Haus aussieht (auch wenn er es verpixeln lässt), wo er wohnt, welchen Beruf er hat, sondern auch, wo seine Nachbarn wohnen…. und so weiter. Immerhin: Hätte er das Interview mit BILD gemacht, dann wüsste ich auch sein Alter. Das ginge so: Der Bauingenieur Erich Jeschkowski (süße 57)…

Ich hab schon jetzt ein neues Hobby: Ich werde gezielt verpixelte Häuser aufsuchen, fotografieren und dann bei Panoramio hochladen. Und damit werde ich erst dann aufhören, wenn Erich Jeschkowski und seine Gang auf der nächsten Freiheit statt Angst-Demo auflaufen. Vielleicht ruf ich en Erich heut Nach mal an, um das mit ihm zu diskutieren. Seine Telefonnummer hab ich ja auch.

Merk das Sommerloch verhageln

Eine Frau Merk aus Bayern hat also herausgefunden, wer und was für die Missbrauchsfälle bei dieser Ferienfreizeit verantwortlich ist. Mein Vorschlag: Wir machen ihr Kalkül, mal schnell mit sowas in die Medien zu kommen, weil sonst keiner Notiz von ihr nimmt, kaputt, indem wir uns nicht darüber aufregen. Wir kommentieren es nicht und stellen es nicht richtig. Lasst uns die Schweigespirale starten, statt derartiges Verhalten durch Aufmerksamkeit, die wichtigste Währung im Netz, zu belohnen. Danke für die Aufmerksamkeit.

Foto: flickr / merze (cc-by-nc-nd)

Foto: flickr / merze (cc-by-nc-nd)

Zeit, kritisch über direkte Demokratie nachzudenken

Es ist mir eigentlich zu plump, nach dem Ergebnis eines Volksentscheides, das mir nicht gefällt, generell über den Sinn und Nutzen von direkter Demokratie nachzudenken. Die Entscheidung, ob und wie direkte Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern stattfinden soll, ist nämlich keine, die anhand von Tagespolitik und schon gar nicht nach der Konjunktur der Ergebnisse bewertet werden sollte. Dennoch: Das Ergebnis des Hamburger Volksentscheids über die Primarschule bringt ein Problem (wieder) so offenkundig auf die Agenda, dass man es diskutieren muss – gerade in linken Kreisen, die sich sonst vorbehaltlos hinter die direkte Demokratie stellen.

Zahlreiche der verschiedenen Volksentscheide beispielsweise in Berlin oder jetzt auch in Hamburg offenbaren vor allem eines: Direkte Demokratie artikuliert die Interessen des wohlhabenden oberen Randes der Mittelschicht. Die Interessen derer, die in der Gesellschaft ohnehin benachteiligt sind, fallen hinten runter.

Hamburg ist dafür ein besonders prägnantes Beispiel: Während in den wohlhabenden Stadtteilen Blankenese oder Othmarschen gut die Hälfte der Wahlberechtigten zur Abstimmung gegangen sind, lag die Quote in den Quartieren mit sozialen Problemen nur bei 20 Prozent (Quelle). Dazu kommt, dass beispielsweise Migranten gar nicht an der Abstimmung teilnehmen durften. Gerade deren Kinder hätten aber besonders von der Schulreform profitiert. Zusammengefasst kann man sagen, dass die Wohlhabenden, die Zeit und Geld haben, ihre Interessen zu artikulieren und in einem Volksentscheid durchzukämpfen, das auf Kosten der Benachteiligten auch tun. Und zwar Gnadenlos. Zugespitzt: Der Schutz von berechtigten Minderheitenpositionen findet hier nicht statt, der Volksentscheid belohnt die mit den stärksten Ellbogen.

Dass diese Einschätzung kein Hamburger Unikum ist, zeigt der Blick auf eine ganze Batterie von Volksentscheiden, die in den vergangenen Jahren in Berlin stattgefunden haben, nachdem SPD und LINKE per Gesetz die Schwellen für Volksentscheide deutlich gesenkt haben.

Ein solches Beispiel ist der Volksentscheid um die Offenhaltung des Flughafen Tempelhofs, wo es den Initiatoren auch vor allem um die Wahrung des eigenen Besitzstandes und um ein wenig Traditionspflege ging. Die Interessen der gesamten Stadt waren völlig egal. Das Plebiszit scheiterte am Ende nur daran, dass nicht genug Stimmen zusammen kamen. Ein anderes Beispiel ist der Volksentscheid um das Entwicklungsprojekt Mediaspree. Der Bürgerentscheid dagegen setzte sich einerseits nachvollziehbar gegen Gentrifizierungstendenzen in Kreuzberg ein, beförderte aber vor allem die Interessen von kommerziellen Clubs am Spreeufer, die kurzerhand in der öffentlichen Debatte zu öffentlichen Projekten umgedeutet wurden (siehe dazu auch hier). Gewonnen hat die private und gewinnorientierte Nutzung des Ufers für wenige, verloren hat beispielsweise ein (mit 10 Metern zu schmaler) Uferwanderweg für alle.

Weil die bisher gemachten Erfahrungen mit Bürgerentscheiden die Tendenz haben, Partikularinteressen auch gegen den Willen der Mehrheit durchzusetzen, weil das Instrument Volksentscheid praktisch vor allem denen zu Gute kommt, die sich sonst auch Parlamentarier kaufen könnten, muss über Direkte Demokratie neu nachgedacht werden. Zur weiteren Umsetzung von direkter Demokratie sollten daher verschiedene Standards berücksichtigt werden, die man auch sonst an Akteure im politischen Raum stellt:

  • Transparenz bei der Finanzierung: Auch Initiativen sollten Rechenschaft über ihre Kasse ablegen und Spender veröffentlichen – allein damit es nicht zu handfesten Verdachtsmomenten kommt wie bei der Tempelhof-Ini seinerzeit.
  • Die Quoren müssen so gestaltet sein, dass sie im Erfolgsfall tatsächlich eine Mehrheit der Bevölkerung abbilden.
  • Die Quoren müssen so organisiert werden, dass nicht die Minderheit einer Region über die Mehrheit des Rests triumphieren kann – siehe Hamburg
  • Kritisch diskutiert werden muss, wie und welche Sicherungen zum Schutz von Minderheiteninteressen eingebaut werden können.

Ich persönlich bin mit dem Thema direkte Demokratie relativ fertig. Alle Entscheide haben gezeigt, dass das Instrument wenn überhaupt nicht von der gesamten Bevölkerung, sondern nur von Interessengruppen angenommen wird. Und vielleicht ist es auch schlicht und ergreifend so, dass eine komplexe Frage nicht einfach mit Ja oder Nein beantwortet werden kann.

Update: Hier gibt es noch eine spannende Analyse: Wahlbeteiligung spiegelt Armutsverteilung

Update: Hier ist noch ein interessanter Beitrag von Panorama über die Initiative “Wir wollen lernen”:

Amnesty-Kampagne gegen Polizeiwillkür in Deutschland

Amnesty International hat eine Kampagne gestartet, die sich für mehr Transparenz bei der Polizei einsetzt. In einem Bericht dokumentiert die Organisation Fälle von mangelnder Aufklärung von mutmaßlichen Misshandlungen durch die Polizei in Deutschland. Auf der Kampagnenwebsite gibt es unter anderem eine Online-Demonstration, an der man sich beteiligen kann, umfassende Informationen und auch dieses Kampagnenvideo:

Der Traum von Rot-Rot-Grün

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Eines hat die ganze Diskussion um die Bundespräsidentenwahl gezeigt: Es gibt bei vielen Menschen einen starken Wunsch nach der rot-rot-grünen Alternative; und die Wahl des Bundespräsidenten sollte ein Schritt in diese Richtung sein. Ob dieser Wunsch realistisch war, soll vorerst dahin gestellt bleiben. Die Motive für einen solchen Wunsch sind ganz offensichtlich sehr unterschiedlich. Das reicht vom schnöden Willen, einfach nur wieder die Regierung zu stellen, bis zu dem tiefen Wunsch, endlich einen neuen politischen Weg einzuschlagen, der die soziale Spaltung der Gesellschaft überwindet, Gerechtigkeit schafft, die Kriege und Auslandseinsätze beendet, die großen Menschheitsprobleme endlich anpackt und wieder eine lebenswerte Zukunft in Sichtweite bringt.

Die Bandbreite der Motive zeigt uns aber, dass wir von der realen Möglichkeit, mit Rot-Rot-Grün substanziell etwas zu verändern, weit, weit entfernt sind. Die Option, einfach Rot-Grün mit Unterstützung aber ohne Beteiligung der LINKEN neu aufzulegen, die Neuauflage von Rot-Grün 1998 also, das wäre die Realisierung meines Alptraums. Das würde Sigmar Gabriel und Klaus-Walter Steinmeier ganz gut gefallen. Da würden sie vielleicht sogar das wütende Rumhacken in Kauf nehmen, das dann einsetzen würde. Insofern ist NRW ein willkommener Probelauf.

Um nach den Vorgaben von SPD und Grünen „koalitionsfähig“ zu werden, müsste die LINKE zuerst all die geforderten Abschwörrituale leisten, den alten Antikommunismus bedienen und „sich von ihrer Vergangenheit lösen“. Dazu wäre die Bundespräsidentenwahl gut geeignet gewesen. Das hätte aber nicht gereicht, sie müsste sich auch politisch anpassen, also kriegs- oder auslandseinsatzfähig werden, bereit den so genannten “Sparkurs” mit zu tragen, die Haushaltskonsolidierung auf Kosten der Einkommensschwachen zu lösen, weiter Sozialstaatsabbau und Ordnungsstaatsaufbau zu betreiben u.v.m. Es ist nicht notwendig, hier vollständig aufzuzählen, wir wissen, was gemeint ist. Politische Anpassung also nur von der Linken, ganz einseitig, das war die Forderung in NRW und bei der Präsidentenwahl. Nie darf die Frage stehen, ob die SPD oder die Grünen sich etwa verändern müssten, also zum Afghanistankrieg eine andere Haltung einnehmen könnten (was ja nicht nur die LINKE sondern die Mehrheit der Menschen in Deutschland wollen), ob sie sich „von der Agenda 2010 lösen“ und eine grundlegend neue Sozial- und Arbeitsmarktpolitik einleiten wollten, die nicht der so genannten Standortsicherung oder der Umverteilung von unten nach oben verpflichtet wäre.

Man wollte die LINKE zum Nulltarif – das wäre aber das Ende von Rot-Grün-Rot noch ehe es überhaupt begonnen hat. Es wäre das Ende der LINKEN. Eine andere Politik, das war der Grund, warum die LINKE überhaupt entstand und warum seitdem tausende Menschen eingetreten sind. Das aufzugeben, hieße sich selbst aufgeben. Selbst ein unabhängiger, gut bezahlter Berater würde der LINKEN das nicht raten, warum tun es in den Medien viele, darunter auch einige ihrer Anhänger?

Gauck wählen, um der schwarz-gelben Regierung eins auszuwischen, ist sicher ein verständlicher, aber keinesfalls ein ausreichender Grund. Nein, es gab offensichtlich bei vielen Anhängern des Rot-Rot-Grünen Projekts (das erst in den Babyschuhen, wenn nicht gar erst in der 12. Schwangerschaftswoche steckt) viele Illusionen. Die erste war schon, dass in der Bundesversammlung eine Mehrheit für Gauck vorhanden gewesen wäre. Das zeigte der dritte Wahlgang, in dem Wulff die erforderliche absolute Mehrheit erhielt. Die zweite Illusion war, dass mit der Nicht-Wahl von Wulff die Regierung stürzen würde und Neuwahlen anstünden, in denen sich dann eine rot-rot-grüne Mehrheit realisieren würde.

Die dritte Illusion ist die schwerwiegendste: es gäbe schon genügend tragfähige Gemeinsamkeiten zwischen SPD und Grünen einerseits und der LINKEN andererseits. Aber mal ehrlich, hätten die sich nicht spätestens bei den Koalitionsverhandlungen in NRW zeigen müssen?

Das rotgrünrote Projekt muss als tragfähiges gemeinsames Projekt erst noch entwickelt werden. Daran sind in der LINKEN viele beteiligt und noch mehr daran interessiert. Die Zahl der Unterstützer eines rotgrünroten Projekts, das wage ich zu behaupten, ist in keiner Partei größer als bei der Linken. Weil wir wirklich soziale und demokratische Veränderung wollen in diesem Land und das braucht ein breites gesellschaftliches Bündnis, nicht nur eine andere Regierung. Es ist ein falsches und mediengemachtes Bild, nur eine kleine Gruppe von Reformlinken suche das Gespräch und die Zusammenarbeit mit der SPD und den Grünen. Diese Bemühungen gibt es überall. Und weil es diese Bemühungen gibt, und weil es den starken Wunsch in der Gesellschaft nach RotGrünRot gibt, weil die Parteispitzen von SPD und Grünen das wissen, reagieren sie sehr gereizt und versuchen diesen Dialog zu verhindern. Der Antrag zu Gaza ist ein gutes Beispiel. Sowohl die SPD- als auch die Grünen-VertreterInnen wussten, dass mit der LINKEN ein gemeinsamer Antrag möglich war, das Signal dazu war klar. Aber lieber waren ihnen die CDU und die FDP im Boot. Wenn ein starkes Signal für eine andere Regierungsoption gewollt gewesen wäre, dann wäre es hier auf einer politischen Grundlage möglich gewesen. Geklappt hat es aber trotzdem, dank der LINKEN.

Und noch was: Eine rotgrünrote Option würde bedeuten, dass auch SPD und Grüne aus der Vergangenheit lernen müssten. Gerade auch aus der jüngsten. Um davon abzulenken, zetern sie rum, die LINKE müsse aus ihrer Vergangenheit lernen. Wer uns näher kennt, weiß, dass wir darauf großen Wert legen. Unsere Wurzeln sind nicht nur in der SED, sie sind genau so in SPD und KPD, in sozialen, ökologischen und feministischen Bewegungen.

Wir haben nicht nur aus der Vergangenheit der SED gelernt, auch aus der Vergangenheit der SPD und deren Zustimmung zu den Kriegskrediten 1914, aus dem NATO-Doppelbeschluss, den die SPD mitgetragen hat, der Zustimmung der Grünen zu den Kriegen etc., aus der Kritik der Feministinnen an den patriarchalen Strukturen in allen Parteien der Arbeiterklasse und in den Gewerkschaften. Die Reihe ließe sich lange fortsetzen. Eine entscheidende Erkenntnis ist, dass Menschen, Gruppen, Parteien … Fehler machen. Immer wieder. Fehler zu machen, ist keine Schande. Sich nicht zu bemühen, daraus zu lernen, schon.

Rauchzeichen aus dem Sommerloch

Die Sommerpause hat noch gar nicht richtig begonnen, doch das erste Sommerlochthema steht jetzt schon fest. Der sogenannte “Nichtraucherschutz” ist wieder einmal in aller Munde. Schuld daran ist diesmal ausnahmsweise mal nicht der Berliner Senat, sondern der Freistaat Bayern. Dort haben es ein paar Gesundheitsfanatiker tatsächlich geschafft per Volksentscheid ein striktes Rauchverbot in Kneipen durchzusetzen. Ausnahmen wie Raucherclubs soll es keine mehr geben, nicht mal vor Wind und Wetter geschützte Nebenräume will man den Rauchern mehr gönnen. Wer die Volksgesundheit gefährdet, der soll gefälligst richtig leiden. Nun möchte man als Berliner meinen: Bayern ist ganz schön weit entfernt und Berlin hat ja eh schon ein “Nichtraucherschutzgesetz”. Doch weit gefehlt. Jetzt werden Rufe nach einer bundeseinheitlichen Regelung laut, bezeichnenderweise kommen sie auch noch aus der SPD. Das Rauchen in Kneipen soll gefälligst bundesweit verboten werden. Alles zum Schutz der Nichtraucher.

Als Nichtraucher muss man sich aber so langsam fragen, ob einige aus der Politikerkaste einen für komplett bescheuert und unfähig halten. Ich zumindest fühle mich sehr wohl in der Lage, mich selbst zu schützen. Sollen die Raucher doch in einem Nebenraum rauchen. Ich muss da nicht rein, wenn ich nicht will. Sollen sie sich doch alle in Raucherclubs zuqualmen wie sie lustig sind. Niemand zwingt mich, solche Läden zu betreten.  Aber so sind Gesundheitsfanatiker eben. Denen reicht es nicht aus, auf ihre eigene Gesundheit zu achten, die müssen auch noch auf die Gesundheit der anderen achten. Danke, kann ich dazu nur sagen, nicht nötig. Ich achte schon selbst auf mich und brauche dafür keinen Politiker, keinen Staat und keinen Volksentscheid.

Man kann nur hoffen, dass die deutsche Fußballnationalmannschaft die Fußball-Weltmeisterschaft gewinnt. Vielleicht vergessen dann ja einige vor lauter Siegestrunkenheit diesen Blödsinn. Wenn das nicht klappt, dann bleibt aber wenigstens die Hoffnung, dass auch dieses Sommerlochthema so nachhaltig wirkt wie die der letzten Jahre und sich ganz, ganz schnell in Rauch auflöst.

Soll „Krähwinkel“ zum politischen Standort der LINKEN werden?

Ein Streitwort zur Präsidentenwahl

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Manchmal schlafe ich schlecht. Ich träume davon, die LINKE hätte Gerhard Schröder wieder zum Bundeskanzler gewählt. Irgendein Sprecher der Partei erklärte dazu, weil Gerhard Schröder für den Afghanistan-Krieg ist, weil Gerhard Schröder Hartz IV durchgesetzt hat, weil Gerhard Schröder ‚Fordern und Fördern‘ zur Sozialpolitik gemacht hat, weil wir hoffen, dass Gerhard Schröder zur Politik der Berufsverbote zurückkehrt, weil sein Freiheitsbegriff, die uneingeschränkte Freiheit des Privateigentums, überhaupt die Grundlage für die Freiheit des Individuums ist, verdient er die Stimmen der LINKEN. Außerdem, ruft in meinem Traum ein Zwischenrufer hinein, wäre eine solche Entscheidung der LINKEN das Signal, dass die LINKE es mit ihrer Vergangenheitsbewältigung und mit Rot-Rot-Grün ernst meint. Etwas leiser flüstert mir dann ein lieber Kollege der Grünen zu: „Lieber Wolfgang, durch diese Weißwaschanlage müsst ihr durch, damit ihr endlich in diesem Staat ankommt.“

Wie gerädert wache ich auf und denke, so verrückt kann doch keiner sein! Denkste! Genau das war die Situation Gauck. Wieso soll ich einen Kandidaten zum Bundespräsidenten wählen, der den Afghanistankrieg rechtfertigt, der Hartz IV für eine historische Leistung hält, der für sich selbst die Bezeichnung eines ‚bekennenden Antikommunisten‘ nicht ablehnt und für den individuelle Freiheit unauflösbar mit der Freiheit des Eigentums verbunden ist? Ganz einfach, sagen mir Freundinnen und Freunde aus SPD und Grünen, das ist eben Taktik! Jetzt geht es nicht um Gauck oder Wulff, jetzt geht es um die Ablösung der schwarz-gelben Bundesregierung, und da muss man schon mal sein Herz, oder besser gesagt, seine Wählerstimme, über die Hürde schmeißen. Keiner widerspricht mir, wenn ich einwende, dass es inhaltlich kaum Differenzen zwischen Gauck und Wulff gibt. Ein konservativer Reaktionär oder ein reaktionärer Konservativer – was ist das für eine Auswahl?

Aber nehmen wir das Argument, dass es um eine rot-rot-grüne Zusammenarbeit gehe, für einen Moment ernst. Kann eine solche Zusammenarbeit auf eine Verlängerung der Schröder-Fischer-Politik über die Stationen Merkel-Steinmeier und jetzt Merkel-Westerwelle gehen oder bedarf es nicht geradezu, um Rot-Rot-Grün sinnvoll und möglich zu machen, eines Bruches mit dieser Politik? Wer hat Interesse daran, eine Regierung zu stürzen, ohne einen Politikwechsel herbeizuführen? Lafontaine hat es immer wieder gesagt, auch zu Zeiten, als die Mehrheitsverhältnisse im Bundestag es möglich erscheinen ließen: Deutsche Soldaten aus Afghanistan abziehen, Hartz IV aufheben, eine andere Steuergesetzgebung möglich machen, Privatisierung und Sozialabbau beenden – auf dieser Grundlage kann man viel miteinander beginnen. An der LINKEN ist der Politikwechsel in Hessen, im Saarland oder in Thüringen nicht gescheitert. Warum muss ausgerechnet die Wahl oder Nichtwahl von Gauck zum Bekennertableau für Rot-Rot-Grün werden?

Der Linken wird Mangel an strategischem Denken oder an taktischen Fähigkeiten vorgeworfen. Taktisch klug wäre es angeblich gewesen, sich den Wünschen von SPD und Grünen zu fügen. Wenn es Grünen und SPD aber ernst gewesen wäre mit einer Alternative zu Wulff, wäre der nahe liegende taktische Schritt von ihrer Seite gewesen, auf die Linke zuzugehen. Dieser so einleuchtende Gedanke ist im Trommelfeuer der Medien unter gegangen. Oder sollte untergehen? Wer sich nicht den Sinn vernebeln ließ, musste sich fragen, ob das alles ernst gemeint sein kann. Gauck wählen und sich damit von seiner Vergangenheit rein waschen? So einfach geht die Weißwäsche? Die Ost-Linke hat ihre Vergangenheit nach besten Wissen aufgearbeitet, wer das wissen will, kann es wissen. Die anderen Parteien sind mit ihrer Geschichte bei weitem nicht so zimperlich umgegangen. Sie haben sich den West-Parteien angeschlossen, damit war das Thema erledigt.

Glaubt wirklich jemand, mit der Wahl Gaucks wäre eine Rot-Rot-Grüne Option verbunden gewesen, wenn noch nicht einmal versucht wurde, einen gemeinsamen Präsidentenkandidaten zu finden? Glaubt wirklich jemand, mit dem Sturz von Angela Merkel wäre etwas anderes eingeläutet worden als höchstens eine Neuauflage der Großen Koalition? Im Übrigen hat, wie ich gerade im Freitag-Blog lese, Thomas Oppermann, SPD, die Katze aus dem Sack gelassen: man habe mit Gauck ins konservativ-bürgerliche Lager vorstoßen können, das sei eine wichtige Erfahrung für die „Erneuerung der SPD“.

Die Ergebnisse der Präsidentenwahl scheinen mir hingegen gar nicht so schlecht: Erstens, Schwarz-Gelb ist geschwächt. Zweitens, die LINKE hat sich als nicht käuflich erwiesen. Und Drittens, wenn Politik nicht mehr unterscheidbar ist, gibt Rechts die Richtung vor.

Im Übrigen: Politik geht kaputt, wenn nur noch um die Ecke gedacht wird. Ich bekenne, ich habe Luc Jochimsen gewählt, zweimal, weil sie gegen den Afghanistan-Krieg und für soziale Gerechtigkeit ist. Ich bekenne, ich habe mich im dritten Wahlgang der Stimme enthalten, weil keiner der beiden Kandidaten auch nur irgend etwas mit der Politik zu tun hat, für die ich eintrete. Ich bekenne, ich habe kein schlechtes Gewissen dabei. Und ich bekenne, darüber diskutiere und streite ich gern.