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Posts mit dem Tag ‘SPD’

Vier Prozent hinter Kohl

Während der Zirkus Sarrazin die öffentliche Aufmerksamkeit ursupiert, haben die Sozialdemokraten ihren Leitantrag für den Parteitag Ende September beschlossen. Darin geht es unter anderem um die Beteiligung von besser Verdienenden an der Finanzierung des Gemeinwesens. Die Liberalen halten schon das für „obszön“, die Linksfraktionsvize Bartsch hingegen meint, die SPD korrigiere „eigene Fehler“ und bewege sich in die richtige Richtung. Auch Linkenchefin Lötzsch bescheinigte der SPD, sie habe dazugelernt. Gemeint ist u.a. die Forderung nach Anhebung des Spitzensteuersatzes von 42 auf 49 Prozent, in Wahrheit allenfalls ein kleiner Schritt. Die Linkspartei selbst will deutlich mehr und auch der SPD-Linken geht die Gabrielsche Korrektur nicht weit genug.

Immerhin hatte der Satz zu Zeiten der sozialistischer Umtriebe eher unverdächtigen Regierung Kohl noch bei 53 Prozent gelegen und war dann erst von den Sozialdemokraten gesenkt worden. Die nun angepeilte Regelung kehrt aber nicht nur nicht zu der Kohlschen Marke zurück, die SPD will den Spitzensteuersatz auch erst ab einem Einkommen von 100.000 (Ledige) bzw. 200.000 (Verheiratete) ansetzen – derzeit greift die „Spitzensteuer“ bereits ab 53.000 Euro. Einen Aufschlag für Spitzenverdiener wie bei der von der Großen Koalition eingeführten „Reichensteuer“ (45 Prozent ab 250.001 bzw. 500.002 Euro) soll es nicht mehr geben – einen solchen Zuschlag als Teil des neuen sozialdemokratischen Steuerkonzept hatte zum Beispiel Schleswig-Holsteins SPD-Chef Ralf Stegner gefordert.

Der Juso-Vorsitzende Sascha Vogt hat nun erklärt, die Anhebung des Spitzensteuersatzes gehe zwar „im Grundsatz in die richtige Richtung“. Eigentlich sei es aber notwendig, diesen „noch deutlicher zu erhöhen“ und zugleich bei einem Aufschlag von drei Prozent zu bleiben, und zwar bereits „ab einem Jahreseinkommen von 125.000 Euro für Alleinverdienende“. Da Wohlhabenden in den vergangenen Jahren „unter anderem durch die Steuerpolitik von Rot-Grün“ massiv entlastet wurden, müsse genau hier angesetzt werden, so Vogt. Derzeit zahlen rund 40.000 Menschen in Deutschland die „Reichensteuer“, die Einnahmen lagen 2009 bei rund 610 Millionen Euro. Die Anhebung des Spitzensteuersatzes auf 49 Prozent soll rund fünf Milliarden Euro bringen.

Man wird abwarten müssen, ob sich die Linken in der SPD noch erfolgreich in die Debatte einschalten können. Ein umfassendes Steuer- und Abgabenkonzept wollen die Sozialdemokraten erst auf einem Parteitag 2011 beschließen. Bereits jetzt setzt die SPD auf „die Wiedereinführung einer privaten allgemeinen Vermögensteuer“, aus der dem Staat rund zehn Milliarden Euro zufließen könnten. Außerdem soll die Abgeltungssteuer von 25 Prozent für Kapitaleinkünfte angehoben und geprüft werden, „ob künftig private Kapitaleinkünfte wieder mit dem allgemeinen Einkommensteuertarif versteuert werden sollten“. Außerdem will die Partei „das nicht mehr zeitgemäße Ehegattensplitting“ reformieren. (tos)

Nomen ist Angst vorm Omen

(c) Frank Kopperschläger kopperschlaeger.net http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/3.0/de/oder auch „Der letzte Sarrazene“

Herr Thilo Sarrazin sorgt für Aufsehen in Deutschland, sein neues Buch ist bei Amazon auf Platz 1. Wenn man wissen will, was einen Menschen dazu bringt solchen menschenverachtenden und rassistischen Schwachsinn zu verfassen, dann sollte man unbedingt einmal das Buch „Mein Kamm“ von Ephraim Kishon lesen, dort wird eine Ursache für rassistische Äußerungen erläutert. Eine andere Ursache, für die Absonderung solcher Thesen, ist möglicherweise Thilo Sarrazins Angst vor dem eigenen Omen, nach dem Motto „Nomen est Omen“.

Wenn man einmal schaut, was der Name „Sarrazin“ bedeutet, kommt man schnell auf die „Sarazenen“. Das war ein auf der arabischen Halbinsel siedelnden Volksstamm, der 700 n. Chr. infolge der islamischen Expansion in den Mittelmeerraum vordrang. Ist es also vielleicht eine auf diesen historischen Grundlagen in Verbindung mit seinem Namen fußende Psychoneurose, der dieser Mann erlegen ist? Man sagt ja, dass bei den Völkern des Orients ein Name auch eine prophetische Aussage über das Leben des jeweiligen Menschen war. So bedeutet beispielsweise „Abraham“ (hebr. ‏אַבְרָהָם‎ Avraham , im Islam arabisch ‏إبرَاهِيم‎ Ibrāhīm) „Vater der Völker“.

Interessant ist auch der etymologische Zusammenhang des Namens, der in einer seiner arabischen Wurzeln sariq, Plural sariqin, lautet, was auf deutsch „Plünderer“ bedeutet. Möglicherweise ist es also doch eine prophetische Aussage, da sich ja Herr Thilo S. auch im Vorstand der Deutschen Bank befindet und auch bis 2009 das Amt als berliner Finanzsenator inne hatte. Ist vielleicht der etymologische Zusammenhang ein Grund für dessen gezielten Beschuss der deutschen Unterschicht, oder ist Herr Thilo Sarrazin vielleicht einfach nur das Opfer seines Namens in Form einer Psychoneurose, oder vielleicht beides? Der geneigte Leser möge selbst entscheiden.

Zur besseren Entscheidungsfindung hier ein paar Zitate aus seinem neuen Buch:

„Fast an jeder Straßenecke ruft heute der Muezzin. Jedes dritte deutsche Mietshaus ist zur Moschee umgebaut. Burka-Läden verdrängen die einheimischen Brautkleidergeschäfte, Döner-Buden dezimieren die letzten Dackelbestände. Und unter jedem zweiten Weihnachtsbaum steht mittlerweile eine Wasserpfeife. Aber die deutsche Politik tut so, als gäbe es das alles nicht. Ich sage: Politik beginnt mit dem Aussprechen dessen, was ist. Diesen Mut muss man in Deutschland endlich wieder lernen.“ (S.14)

„Als die deutschen Frauen auf unseren Marktplätzen noch ohne schlechtes Gewissen verkauft werden durften, bekamen sie auch wesentlich mehr Kinder. Aber das darf man ja in gewissen Kreisen nicht mehr laut sagen!“ (S.18)

„Seit 40 Jahren verschließen wir die Augen vor der Tatsache, dass schwarze Einwanderer aufgrund ihrer genetischen Belastung nachts besser klauen können als Weiße. Aber wenn ich das bei Beckmann oder Anne Will erwähne, werde ich öffentlich geschlachtet! Die Wahrheit will niemand hören!!“ (S.33)

„Hierzulande reden Politiker ja gern über den Klimawandel. Doch der wahre Grund, warum es Jahr für Jahr wärmer wird, liegt in der Tatsache, dass wir den Homosexuellen immer mehr Rechte geben und sie auf diese Weise in unser Land locken. Das sagt natürlich keiner! Die wahren Gründe dürfen Sie heute höchstens hinter vorgehaltener Hand oder im Kohlenkeller äußern!“ (S.38)

„Fakt ist: Deutsche Akademikerinnen vermehren sich nicht mehr in ausreichendem Maße. Ihre Taillen sind um 50 bis 80 Prozent zu schlank, ihre Geburtskanäle um 50 bis 80 Prozent zu eng. Sie vermehren sich aber auch deshalb nicht, weil ihnen die breithüftigen muslimischen Frauen mit ihren Fließbandgeburten die Plätze in den Kinderkliniken streitig machen. Und dann päppeln wir die genetisch vorbelasteten Dummköpfe auch noch mit unseren üppigen Hartz-IV-Sätzen bis zur Geschlechtsreife. Aber wehe, Sie sprechen eine solche Wahrheit offen aus! Dann beschimpft man Sie als Rassisten und Brunnenvergifter. Es gibt in Deutschland ja kaum noch ein Fleckchen Zeitung, wo man eine ehrliche Meinung aussprechen kann, ohne von ideologischen Rechthabern bis ins dritte Glied verfolgt zu werden!“ (S.42)

„Zweifellos existiert ein Zusammenhang zwischen dem Rückgang des Intelligenzquotienten in der Unterschicht und dem Rückgang der Auflage der BILD-Zeitung. Die Deutschen wollen das nur nicht wahr haben! Sie schimpfen lieber auf die böse BILD-Zeitung als der Wahrheit ins Gesicht zu sehen und wieder in echte BILDung zu investieren.“ (S.45)

„Was wird unseren Kindern denn heute im Religionsunterricht beigebracht? Dass sie Ungläubige ungestraft töten dürfen? Nein. Es wird ihnen beigebracht, dass sie fremden Kulturen mit Toleranz begegnen sollen! Dass sie Rücksicht nehmen sollen auf Türken, Neger, Araber, Zigeuner, ja sogar auf Albaner. Diese Fremden nehmen selbst aber wenig Rücksicht auf uns Deutsche. Sie klauen unseren Kindern die Reclamhefte und Blockflöten und bezeichnen sie auch noch höhnisch als ‚Opfer’. Und wenn man sich wehrt, wird man von ihren Anwälten wegen Körperverletzung verklagt. Das ist die Realität! Das darf aber kein deutscher Lehrer so sagen, sonst kriegt er sofort eine Dienstaufsichtsbeschwerde!“ (S.68)

„Wahr ist, dass eine deutsche Frau in ihrem ganzen Leben lediglich 0,7 Töchter zur Welt bringt. Und in der nächsten Generation werden es nur noch 0,5 sein. Wer will denn diese halben Portionen überhaupt schwängern? Und wer soll die 100 Millionen Türken, die dann allein in einer Stadt wie Castrop-Rauxel leben, ernähren? Ich garantiere Ihnen: Sobald Sie dieses Tabu auch nur streifen, springen Ihnen die deutschen Feministinnen schon an die Gurgel. Ich weiß, wovon ich rede. Ich habe seit langem Sprechverbot in diesem Land.“ (S.74)

„Polizeibeamte sagen mir unter der Hand, dass die hohe Kriminalitätsrate türkischer Einwanderer nur durch die Tatsache verschleiert wird, dass deutsche Polizisten extreme Schwierigkeiten haben, die komplizierten türkischen Namen mit den vielen Üs ins Protokoll zu tippen. Diese Erkenntnis darf aber nicht an die Öffentlichkeit gelangen, weil es sofort wieder heißt, deutsche Polizisten hätten Vorurteile und lehnten es ab, sich von Türkengangs als Scheißnazis beschimpfen zu lassen. Gelungene Integration heißt für mich, dass Türken sich endlich einfache deutsche Namen geben – wie Müller oder Schmidt – und dass sie sich taufen lassen.“ (S.89)

„Wie lange sollen die Deutschen ihre hochstehende Schweinefleischkultur eigentlich noch vor den frechen türkischen Gemüsehändlern verstecken? Wir ersticken doch längst in Peperoni, Bulgur und Kreuzkümmel. Aber selbst wenn man diese Frage nur leise antippt, wird man schon schief angesehen!“ (S.90)

„Heute werden die Unterschichtenkinder von 1000 ehrenamtlich betriebenen Tafeln mit Unmengen von kostenlosen Lebensmitteln vollgestopft. Und sie bekommen dort nicht etwa eine Portion Fruchtzwerge, sie bekommen sie palettenweise. Und wenn das Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist, essen sie alle Fruchtzwerge auf einmal – mitsamt den Paletten. Da ist es natürlich kein Wunder, dass 90 Prozent dieser Kinder fettleibig sind. Und die restlichen 10 Prozent sind zu dumm und zu faul zum Aufstehen. Natürlich mache ich mir mit solchen Aussagen keine Freunde. Aber die Wahrheit tut manchmal weh. Und einer muss den Mut haben, solche Wahrheiten auszusprechen, auch wenn er dafür ans Kreuz genagelt wird.“ (S.98)

„Die Finanzkrise hat uns gelehrt, wie klug die deutschen Banker unser Geld investiert haben. Nach neuesten Studien der Bundesbank liegt der Intelligenzquotient deutscher Banker vererbungsbedingt bei 135. Aber haben Sie im Vorstand der Commerzbank oder der Hypo Real Estate schon mal einen Muslim entdeckt? Oder eine Frau? Oder einen Fettleibigen aus der Unterschicht? Ich nicht. Und deshalb bin ich der Meinung: So wie bei der Hypo Alpe Adria oder der HSH Nordbank müsste es überall in Deutschland aussehen. Doch wenn ich das laut sage, mischt sich sofort Rita Süßmuth ein, nennt meine Auffassungen menschenverachtend und verbietet mir den Mund.“ (S.108)

Bild: (c) Frank Kopperschläger kopperschlaeger.net http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/3.0/de/


Sigmar à la française

Bild 2

Der SPD-Vorsitzende hat vorgeschlagen, über den nächsten Kanzlerkandidaten seiner Partei in einer Art Vorwahl zu entscheiden. Dabei sollen „nicht nur die Parteimitglieder abstimmen können, sondern auch Sympathisanten, Wähler und Wahlhelfer“, so Gabriel im Interview mit dem Stern. Mit der Idee, so liest man nun, wird der Niedersachse seinem Ruf gerecht, Gedanken nur schwer für sich behalten zu können. Auch kokettiert der Vorstoß mit basisdemokratischem Morgenrot, einem Erneuerungsversprechen, dass der Sozialdemokrat bei seiner Wahl zum Parteichef abgegeben hat. Vor allem aber dient die Offerte der Pflege seines eigenen Images, es ist eine Art Bewerbung. Gabriel hat die inoffiziellen Vorwahlen in der SPD eröffnet.

Natürlich wird kein Sozialdemokrat den Fehler machen, sich selbst zu früh oder zu laut ins Spiel zu bringen. Wer wie Frank-Walter Steinmeier gerade kein Parteichef ist, verweist auf dessen „Vorschlagsrecht“. Wer wie Gabriel das Amt bekleidet, erklärt, er habe „noch nie viel davon gehalten, dass der SPD-Vorsitzende das erste Zugriffsrecht auf eine Kanzlerkandidatur haben soll“. Seit der Hängepartei von 2008, als die Sozialdemokraten Kurt Beck so lange öffentlich demontierten bis der auf jener Klausur zurücktrat, auf der Steinmeier als Kanzlerkandidat präsentiert wurde, gilt mehr noch als in anderen Parteien der umgekehrte Moonwalk als die vorteilshafteste sozialdemokratische Gangart zur Kandidatur: Es muss beim Vorwärtsschreiten so aussehen, als ob man sich vom Ziel wegbewege.

Immer wieder seit der Wahlpleite vom Herbst 2009 hat Sigmar Gabriel das Thema Kanzlerkandidatur angesprochen und gefordert, es müsse antreten, „wer die größten Chancen hat“. Das war aus dem Blickwinkel einer 23-Prozent-SPD gesprochen. Inzwischen wird die Partei in mancher Umfrage sogar schon wieder vor der Union taxiert, und da stellt sich die Kandidatenfrage schon ein wenig anders. Gabriels Problem dabei: In der Bevölkerung steht Steinmeier höher im Kurs. Ende Juli meinten 48 Prozent in einer Umfrage des Stern, der Fraktionschef wäre am ehesten als Bewerber geeignet – nur 27 Prozent trauten Gabriel den Job zu. Bei den SPD-Wählern waren die Verhältnisse sogar noch klarer. Lediglich die Anhänger von Linkspartei und Grünen favorisierten damals mehrheitlich den SPD-Chef als Kanzlerkandidat – kein Wunder, gilt der doch eher als Befürworter einer rot-rot-grünen Option als Steinmeier. Gabriel weiß, dass über diese zentrale strategische Frage angesichts möglicher Mehrheiten gegen Schwarz-Gelb bei gleichzeitiger Neigung des Steinmeier-Flügels zur Großen Koalition oder einer Ampel nicht zuletzt anhand der K-Frage entschieden wird. Gabriel hat einen Fingerzeig gegeben, der bisher wenig Beachtung fand: Er sagte, Vorwahlen seien für ihn vorstellbar, „wenn es mehrere Bewerber gibt“.

Überdies: Mit Basisdemokratie haben Vorwahlen nicht allzu viel zu tun, eher dienen sie als Marketinginstrument, mit dem eine Partei Aufmerksamkeit schon vor dem eigentlichen Wahlkampf zu gewinnen sucht. Vorwahlen verstärken die Tendenz zur Personalisierung, der immer auch ein wenig Entpolitisierung beiwohnt. Was die Welt bereits als „eine Revolution“ ansieht, bei der „die Partei als Herrschaftsorganismus“ der Ämter verteilt, nicht lange überleben würde, läuft in Wahrheit bloß auf eine kleine Änderung in den Apparaten hinaus: Kandidaten für die Vorwahlen würden ja genauso ausgeklüngelt und nach machtpolitischen Maßstäben ins Rennen gehen. Überhaupt ist zu fragen, ob ein „Schritt vom Parteienstaat zur Personendemokratie“ einer in die richtige Richtung wäre. Von der Gabrielschen Casting-Methode könnte der Weg zu echter Beteiligung, zur praktischen politischen Selbstermächtigung der Menschen sogar noch länger werden, als er es derzeit ohnehin schon ist. (tos, Foto: nrwspd/Flickr)

Linke soll regieren

Jetzt hat es Sachsen-Anhalts Linke schwarz auf weiß: Die Mehrheit
der Landesbewohner – genau 58 Prozent – meint, dass die Partei den Ministerpräsidenten stellen solle, wenn sie nach der Landtagswahl im März 2011 stärkere Kraft in einer Koalition mit der SPD ist. Das jedenfalls haben die Meinungsforscher von emnid im Auftrag der Linkspartei ermittelt und auch herausbekommen, dass nur 29 Prozent der Befragten vom demokratischen Normalfall abweichen und der Linken die Regierungsführung verweigern würden.

Zugleich plädierten laut der Umfrage 59 Prozent dafür, die große Koalition zu beenden und einen politischen Wechsel herbeizuführen, für den es schon nach der letzten Wahl eine Mehrheit gegeben hätte. Wie dieser Wechsel im kommenden Frühjahr aussehen könnte, sagt die Umfrage ebenfalls: Demnach bekämen die CDU derzeit nur noch 30 Prozent, die Linke 27, die SPD 22, die Grünen 7 und die FDP 5 Prozent. Das heißt: Eine deutliche rot-rote Mehrheit ist möglich. Hinzu kommt, dass die Befragten drei politische Aufgaben zu den wichtigsten erklärten, die in den Kernbereich linker Politik gehören: Arbeitsplätze schaffen, von denen man vernünftig leben kann; gute Bildung für alle; bessere Lebensbedingungen für Kinder. Sachsen-Anhalts Linke-Spitzenkandidat Wulf Gallert findet es hervorhebenswert, dass bei der Frage, welche Partei am besten in der Lage wäre, vernünftig bezahlte Jobs zu schaffen, die Linke (21 Prozent) im Bürgeransehen nur noch wenig hinter CDU (27) und SPD (24) liegt.

Mit der Umfrage will die Linke nun offenbar Druck in Richtung Rot-Rot machen (einige Teile der Befragung, die wohl für die Linke eher problematisch sind, wurden nicht veröffentlicht, sondern sollen nach Aussage von Landesparteichef Matthias Höhn intern analysiert werden). Nachdem sich jüngst zum ersten Mal Vertreter von Linkspartei und SPD zu einem Stammtisch getroffen haben, um Gemeinsamkeiten auszuloten, will man die SPD-Position erschüttern, sich keinesfalls einem Linkspartei-Regierungschef unterzuordnen. Die SPD-Landesvorsitzende Katrin Budde umgeht in einer kurzen Erklärung zu der Umfrage die Führungsfrage und interpretiert ihre 22 Prozent als Zeichen dafür, dass man “noch reichlich Potenzial nach oben” habe.

Das von emnid ermittelte Ergebnis ist übrigens ein ziemlich genaues Abbild des Thüringer Landtagswahl-Ergebnisses vom Sommer 2009 (CDU 31,2; Linke 27,4; SPD 18,5; FDP 7,6; Grüne 6,2). Damals war eine Vereinbarung zwischen Linkspartei, SPD und Grünen vor allem an der Weigerung von SPD-Spitzenkandidat Christoph Matschie gescheitert, als Minister unter einem Ministerpräsidenten Bodo Ramelow zu dienen. Ramelow hatte letztlich sogar auf den Führungsanspruch verzichtet, doch Matschie bevorzugte die Rolle des Juniorpartners in einer Koalition mit der CDU. Ähnliche Töne sind nun von den SPD-Spitzenleuten in Sachsen-Anhalt zu hören. Sie können sich schon einmal ein paar Argumente für den Fall zurechtlegen, dass sie Schwarz-Rot weiterführen wollen und damit der CDU zum Weiterregieren verhelfen, die sonst in die Opposition müsste. In der Linken war jedenfalls nach den gescheiterten Thüringer Verhandlungen letztes Jahr erklärt worden, im Falle eines entsprechenden Wahlergebnisses auf die Führung in einer Linksregierung nicht noch einmal verzichten zu wollen. (wh)

Mehr als die Rente

Das kommt einem irgendwie bekannt vor: Eine Partei streitet in einer zentralen Frage über den Kurs, einst führende Politiker schalten sich mit Briefen und via Medien in die Debatte ein, die einen warnen davor, einmal getroffene Entscheidungen zu revidieren, die anderen appellieren an die Fähigkeit zur Selbstkorrektur. In den Zeitungen gerät die Diskussion zur Auseinandersetzung zwischen Pragmatikern, die auch mal bereit sind einen unpopulären aber richtigen Schritt zu tun – und den Anhängern „alter Muster“, die nachträglich die „eigenen Einsichten“ umstoßen wollen. Und die Konkurrenz spricht der Partei die Politikfähigkeit ab, teilt öffentlich in gute „Realisten“ und böse „Ideologen“. Erraten? Genau, es geht ausnahmsweise mal nicht um die Linke, sondern um die SPD.

Die ist sich in ihrer Haltung zur Rente mit 67 uneins, will aber in den kommenden Tagen einen Kompromiss festzurren, der allerdings weder den Sozialdemokraten noch den Älteren helfen wird. Im Gegenteil: Die sich nun abzeichnende Linie verschiebt lediglich eine Entscheidung, die zu treffen die Kräftekonstellation in der SPD offenbar derzeit nicht erlaubt. Der für 2012 festgelegte Einstieg in die Anhebung des Rentenalters soll bis mindestens bis 2015 verschoben und an die Bedingung geknüpft werden, dass mindestens 50 Prozent der 60- bis 64-Jährigen noch sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind. Mit dieser seltsamen Quote wird zugleich eine völlig willkürliche und politisch kaum erklärbare Interpretation der rentengesetzlichen Überprüfungsklausel vorgelegt: Denn was, die Frage stellt sich nicht nur Ulrike Hermann in der Tageszeitung, ist mit der anderen Hälfte der älteren Arbeitnehmer?

Abgesehen davon unterminiert die SPD ihren nach dem Wahldesaster von 2009 erklärten Anspruch, bei künftigen Richtungsentscheidungen auf die Mitglieder zuzugehen. Nun wird einmal mehr vorbeschlossen – und auf Abnicken gehofft. Der engere Führungszirkel der Sozialdemokraten will am Sonntagabend einen Beschluss zur Rente mit 67 vorbereiten, den das Präsidiums am Montag fassen soll. Die Kompromisslinie sieht bisher noch vor, heißt es in den Zeitungen, dass sich der Parteitag am 26. September vorerst nicht mit dem Thema befassen wird. Stattdessen soll der SPD-Vorstand am 30. August eine Position zur Rente mit 67 beschließen, die danach in den sozialdemokratischen Ortsvereinen debattiert und die Ergebnisse dieser Basisbefassung dann später von einer Kommission ausgewertet werden.

Der von mancher Zeitung groß aufgemachte Abschied von der Münteferingschen Rentenpolitik ist das nicht. Man kann nicht einmal davon sprechen, dass hier überhaupt signifikanter Fortschritt in der Diskussion über soziale Sicherung, Teilhabe und Freiheitsansprüche in einer alternden Gesellschaft angepeilt wird. Die SPD debattiert unter der machtpolitischen Glocke, es geht um Flügelbesänftigung und Traditionspflege, Zeitgewinn wird zur politischen Zielmarke – die einen hoffen, die demografische Entwicklung werde es schon richten, die anderen hoffen auf andere Mehrheitskonstellationen. Dass der Unterschied zwischen der Rente mit 65 und der Rente mit 67 zwar ein wichtiger ist, die eigentlichen Fragen aber deutlich darüber hinausgehen, kann oder will sich die SPD derzeit nicht eingestehen.

Und bei der Konkurrenz sieht es nicht viel besser aus. Die Reaktionen aus der Union erinnerten – wie schon angedeutet – an SPD-Schelte gegenüber der Linkspartei. Fraktionschef Volker Kauder warf den Sozialdemokraten vor, sie kehre zu einem „alten Muster zurück“ und setze auf „Ideologie statt Vernunft“. Mehr noch „Realisten wie der Fraktionsvorsitzende Steinmeier“ würden „zur Seite geschoben werden“. Und für CDU-Generalsekretär Gröhe disqualifiziert sich die SPD „endgültig für jegliche Regierungsverantwortung“. Von der Hoffnung abgesehen, die Arbeitsmarktlage werde sich alsbald deutlich schneller zu Gunsten Älterer ändern, hat die Union aber nichts im Köcher. Die Linkspartei wiederum hat es einmal mehr mit der Versuchung zu tun, die SPD vor sich herzutreiben ohne selbst über die gegenwärtige Konfliktlage hinausdenken. „Ich kann nur hoffen, dass sich die Reformer in der SPD durchsetzen und auf ihrem Parteitag Voraussetzungen dafür vereinbart werden, die Rente ab 67 wieder abzuschaffen“, sagt Parteichefin Gesine Lötzsch. Die Linke will zunächst eine Verschiebung des Einstiegs auf das Jahr 2016. Über einen entsprechenden Gesetzentwurf solle der Bundestag am 2. Dezember abstimmen, berichtet das Hamburger Abendblatt.

Aber reicht das? Gregor Gysi hat jetzt erklärt: „Wir brauchen andere Reformen.“ Genau. Doch dazu müsste die Linke über den verteilungspolitischen Horizont hinausdenken. So richtig es ist, gegen die Rente mit 67 politisch Front zu machen, so wenig transformatorisches Potenzial steckt bisher im linken Forderungskatalog. „Die steigende Produktivität der Arbeit ermöglicht bei solidarischer Verteilung weiter steigende Renten ebenso wie Arbeitseinkommen trotz eines wachsenden Anteils Älterer an der Bevölkerung“, heißt es im Programmentwurf der Linken. Zudem ist von Altersbezügen die Rede, die „den erarbeiteten Lebensstandard weitgehend“ sichern, wer in seinem Leben zu wenig Chancen hatte, sich sozialversicherungspflichtig ausbeuten zu lassen, darf mit einer „erhöhten bedarfsgerechten Grundsicherung“ rechnen. „Alter“ wird so vorrangig zu einer Versorgungskategorie, zu einem Lebensabschnitt, in dem ein „aktiver Sozialstaat“ ein „sorgenfreies Leben in Würde garantiert“.

Für ein linkes Parteiprogramm ist das erstaunlich wenig. Was Frigga Haug für die feministische Perspektive beklagt, nämlich dass einzelne Forderungen nicht auf einer Idee der anderen „Verteilung der gesellschaftlichen Gesamtarbeit – also auf das Gesamt von Arbeits-, Lebens-, Bildungs- und Politikweise“ – beruhen, gilt auch für die „Altersdebatte“. Wolfgang Michal hat unlängst auf Carta.info in Erinnerung gerufen, dass sich die politische Rentendebatte lediglich auf der Oberfläche des eigentlichen Problems abspiele und „die revolutionäre Gruppe“ der Altersforscher bereits viel tiefer gehende Vorschläge diskutieren. Die „neue soziale Frage“ wirft die Gewissheit einer „linearen Dreiteilung des Lebens in eine 25-jährige Lernphase, eine 40-jährige Arbeitsphase und eine 25-jährige Ruhephase“ als nicht mehr zeitgemäß um: „Die jungen Alten werden im Ruhestand keine Ruhe mehr geben, die alten Jungen werden in ihren Warteschleifen nicht länger warten wollen, und die Berufstätigen werden schlicht zusammenklappen.“

Eine linke Alternative zur „Stilllegung der Älteren“, die als „passiv, kränklich und ‘unnütz’“ nur gelten, „weil das politische und ökonomische System sie dazu mache“, ist ohne umfassende Transformation der Arbeits- und Lebenswelten, der administrativen und kulturellen Institutionen und damit ohne grundlegende Umgestaltung der politischen und vor allem ökonomischen Machtverhältnisse nicht zu erreichen. Aber um nichts anderes sollte es ja in einem linken Programm gehen. (tos)

SPD hält Titanic-Kurs auf Rente erst ab 67

Matthias W. Birkwald

Matthias W. Birkwald

19.08.2010 – Pressemitteilung – Matthias W. Birkwald

„Tricksen, tarnen, täuschen, das bestimmt derzeit die Rentenpolitik der SPD. Erst inszeniert die SPD einen Streit, der keiner ist, und dann feiert sie einen Kompromiss, der so gut wie nichts ändert“, kommentiert Matthias W. Birkwald, rentenpolitischer Sprecher der Fraktion DIE LINKE, das Lavieren der SPD-Führung im Streit um die Rente erst ab 67.

die ganze Pressemitteilung


Tagged: Die Linke., Matthias W. Birkwald, Rente ab 67, Rente mit 67, Rentenpolitik, SPD, Titanic

Campact: Ba-Wü sagt Nein zu „Stuttgart 21″! Unterzeichnen Sie den Appell!

Stuttgart 21 Stoppen!

Stuttgart 21 Stoppen!

Stur hält die Landesregierung an Stuttgart 21 fest. Doch die die Angst vor einer Wahlschlappe im März verunsichert sie. Jetzt zeigen wir ihr, dass die Baden-Württemberger ein Prestigeprojekt ohne verkehrspolitischen Nutzen nicht dulden. 

Unterzeichnen Sie den Appell an Ministerpräsident Mappus, den FDP-Fraktionsvorsitzenden Hans-Ulrich Rülke und den SPD-Vorsitzenden Nils Schmid!


Filed under: Aufrufe, Stuttgart 21 Tagged: Apell gegen Stuttgart 21, Ba-Wü sagt Nein zu "Stuttgart 21"!, Bürgeraufstand gegen Stuttgart 21, Campact, CDU, FDP, Hans-Ulrich Rülke, Kopfbahnhof, Ministerpräsident Mappus, Montagdemo gegen S21, Nils Schmidt, Parkschützer, SPD, Stuttgart 21

Ein bisschen Taktik

Dass die SPD in Sachsen-Anhalt, wo im März 2011 gewählt wird, keinen  Ministerpräsidenten von der Linken mittragen will, ist inzwischen bekannt. Das Muster kannte man auch schon aus Christoph Matschies Thüringer Wahlkampf. Jetzt hat Sachsen-Anhalts SPD-Vorsitzende Katrin Budde aber erstmals klar und ohne alle rhetorische Bemäntelung die Strategie ihrer Partei erklärt. In einem Interview für Deutschlandradio Kultur sagte sie, man müsse die rot-rote Option offenhalten, denn ansonsten “hat man auch schon in den Koalitionsverhandlungen mit der CDU verloren”. Ein bisschen Taktik, mehr nicht. Und wenn die SPD schwächer abschneide als die Linke – was bei Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt schon mehrfach passiert ist und worauf die letzten Umfragen erneut hindeuten -, wenn sie also “tatsächlich im Osten als die schlechtere soziale Partei angesehen” werde, dann komm eine rot-rote Koalition erst recht nicht in Frage, sondern “dann muss die SPD sich noch länger erholen in Sachsen-Anhalt”, so Budde. Erholen? Vielleicht noch einmal vier Jahre an der Seite der CDU? Viel Spaß auch. Ebenso bei den nächste Woche beginnenden so genannten Stammtischgesprächen zwischen Vertretern der SPD und der Linken in Sachsen-Anhalt, die Möglichkeiten der Zusammenarbeit sondieren sollen. Falls Budde diese Gespräche nie wollte, hat sie das jetzt noch einmal deutlich durchblicken lassen. (wh)

Hartungs Schritt

Der Wechsel von Thomas Hartung in die Thüringer SPD-Fraktion hat
bei der Linken für einige Verärgerung gesorgt. Von einem „Treppenwitz“ sprechen die Genossen in Weimar, die Landesspitze sieht das Mandat „privatisiert“. Daran ändere auch die Tatsache nichts, dass Hartung 2009 per Diraketmandat den Sprung in den Landtag schaffte – Wahlkampf hätte er schließlich nicht allein gemacht. Ansonsten: Enttäuschung allerorten (etwa hier und hier) und manche Erinnerung an die gesundheitspolitische Kritik Hartungs an der SPD – in deren Landtagsfraktion er nun Gesundheitspolitik machen will. Die Ankündigung, dies als Parteiloser tun zu wollen, ist von dem 39-Jährigen inzwischen ein wenig relativiert worden.  Folgerichtig, denn die Landesverfassung schreibt vor, dass sich zu Fraktionen nur „Abgeordnete der gleichen Partei oder Liste“ zusammenschließen können. Mancher reagierte auf Hartungs Schritt übrigens nicht nur kritisch. Und die von dem Arzt mitgegründete „Neue Linke“ im Weimarer Stadtrat sieht ihre Zukunft jetzt auch nicht gefährdet: Sie bestehe schließlich „nicht nur aus ihm“. (tos)

Hartungs Schritt

Der Wechsel von Thomas Hartung in die Thüringer SPD-Fraktion hat
bei der Linken für einige Verärgerung gesorgt. Von einem „Treppenwitz“ sprechen die Genossen in Weimar, die Landesspitze sieht das Mandat „privatisiert“. Daran ändere auch die Tatsache nichts, dass Hartung 2009 per Diraketmandat den Sprung in den Landtag schaffte – Wahlkampf hätte er schließlich nicht allein gemacht. Ansonsten: Enttäuschung allerorten (etwa hier und hier) und manche Erinnerung an die gesundheitspolitische Kritik Hartungs an der SPD – in deren Landtagsfraktion er nun Gesundheitspolitik machen will. Die Ankündigung, dies als Parteiloser tun zu wollen, ist von dem 39-Jährigen inzwischen ein wenig relativiert worden.  Folgerichtig, denn die Landesverfassung schreibt vor, dass sich zu Fraktionen nur „Abgeordnete der gleichen Partei oder Liste“ zusammenschließen können. Mancher reagierte auf Hartungs Schritt übrigens nicht nur kritisch. Und die von dem Arzt mitgegründete „Neue Linke“ im Weimarer Stadtrat sieht ihre Zukunft jetzt auch nicht gefährdet: Sie bestehe schließlich „nicht nur aus ihm“. (tos)