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Posts mit dem Tag ‘SPD’

Dohnanyi donnert

Einmal abgesehen von der Frage, ob es wirklich eine so gute Idee wäre,
in Nordrhein-Westfalen auf ein rot-rot-grünes Bündnis hinzuarbeiten – an Gegnern einer solchen Koalitionsvariante fehlt es nicht. Die CDU kann sich dabei auch auf Sozialdemokraten verlassen: Bei einem von der schwarz-gelben Landesregierung veranstalteten „Zukunftskongress“ begrüßt Ministerpräsident Jürgen Rüttgers den Ex-SPD-Minister Klaus von Dohnanyi, und der weiß, was er am Rande einer solchen Veranstaltung zum geflissentlichen weiterzitieren in den Medien aufzusagen hat: „Wenn die SPD an ihrem eigenen Untergang graben will, dann sollte sie mit der Linken koalieren. Das wäre nach meiner Meinung auch das berechtigte Ende, weil man mit dieser Partei nicht koalieren kann.“ Genau. Beziehungsweise: Basta. Sieht man ja auf Bundesebene, wie erfolgreich eine SPD ist, die jeden den Gedanken an eine Zusammenarbeit mit der Linkspartei wie eine ansteckende Krankheit behandelt: 23 Prozent. (vk)

Matschie-SPD bleibt zerrissen

Eigentlich wollte Christoph Matschie am Wochenende die Versöhnung
der Thüringer SPD zelebrieren. Gelungen ist ihm das nicht – der Landesverband bleibt weiter zerstritten, wenn nicht sogar gespalten, wie die Ergebnisse der Vorstandswahl zeigen. Offenbar sitzen die Differenzen über den Umgang mit der Linkspartei vor und nach der Landtagswahl 2009 viel zu tief, als dass sie in ein paar Monaten und mit ein paar pastoralen Worten und Gesten überwunden werden könnten.

Im letzten Herbst hatte sich Matschie strikt geweigert, eine rot-rote oder rot-rot-grüne Koalition unter Führung der mit Abstand stärksten Partei, der Linken, einzugehen. Das hatte zu Verärgerung nicht nur bei den potenziellen Regierungspartnern, sondern auch in der SPD selbst geführt. Denn die war mit dem Ziel angetreten, die Althaus-CDU von der Macht abzulösen – gelandet sind die Sozialdemokraten als kleiner Partner der CDU. In der SPD-Mitgliedschaft hatte es deshalb heftig rumort; eine Gruppe von Rot-Rot-Verfechtern um den Erfurter Oberbürgermeister Andreas Bausewein hatte sogar eine Mitgliederbefragung für Rot-Rot versucht, die aber nicht zum Erfolg führte. Immerhin hatte Matschie auf die Auseinandersetzungen mit dem Versprechen reagiert, seine Kritiker wieder stärker in die Führung der Landespartei einzubinden.

Das sollte auf dem Parteitag am Wochenende in Ilmenau passieren. Und genau davon hatte sich Matschie eine Stärkung auch seiner eigenen Position versprochen. Die Ergebnisse sprechen eine andere Sprache: Matschie erreichte bei der Wiederwahl zum Landesvorsitzenden ohne Gegenkandidaten 78,4 Prozent, kaum mehr als bei der letzten Wahl 2008. Seine vier Stellvertreter schnitten auch nicht besser ab. Drei von ihnen, dem Matschie-Flügel zugehörig, kamen auf 74 bis 79 Prozent. Der vierte, Matschie-Kritiker Bausewein – der wegen Erkrankung fehlte – bekam sogar nur knapp 57 Prozent der Stimmen. Das heißt: Rund ein Viertel der Parteitagsdelegierten ist nach wie vor sauer auf Matschie; andererseits wurden dessen Kritiker von der Mehrheit auch nicht mit offenen Armen empfangen. Versöhnung sieht anders aus. Immerhin wurden einige weitere politische Freunde Bauseweins in den Landesvorstand gewählt.

Angesichts dieser unübersehbaren Kluft nutzte auch die von Matschie vorgetragene Erfolgsbilanz nicht viel. Er sieht die SPD als Reformmotor in Thüringen, ein Politikwechsel beispielsweise in der Bildung sei erreicht worden. Außerdem macht er ein neues Klima aus – weg von der Verkrustung unter Dieter Althaus, hin zu offenem Nachdenken über die richtigen Wege. Linksfraktionschef Bodo Ramelow freilich kann den Politikwechsel nicht erkennen. Bei Lichte betrachtet seien die Erfolge der SPD „nicht viel mehr als ein Pyrrhussieg“. Wenn die SPD glaube, sie sei als Juniorpartner der Modernisierer des Landes, sei dies „im Kern pure Selbstüberhebung“. (wh)

Alles muss raus!

Datei:Schuldenuhr 2006 08.jpgEs ist mal wieder an der Zeit, der deutschen Bevölkerung die Schuldenuhr vor die Nase zu halten. Immer öfter bekommt man nun wieder die Zahlen vorgesetzt und es werden in den Nachrichten Bilder der tickenden Schuldenuhr gezeigt. Ich erinnere mich, dass während der letzten Legislaturperiode dieses “Stilelement” eher selten Anwendung fand. Ganz deutlich erinnere ich mich aber daran, dass das permanente Erwähnen der deutschen Staatsverschuldung in den Anfangsjahren der rot-grünen (gazprom-)schröderschen Regierungszeit Anwendung fand, als man das Volk darauf einschwor, den Gürtel enger zu schnallen und dann als man die Agenda 2010 als notwendiges Übel verkaufen musste, denn schließlich sollten nicht die zukünftigen Generationen für unsere Schulden bezahlen. War das ein ehrenwerter Zug, oder steckt da vielleicht etwas ganz anderes dahinter?

Ja, es ist bemerkenswert, wie oft  die deutsche Staatsverschuldung dem Bürger im Moment wieder vor Augen geführt wird und mir drängt sich der Verdacht auf, dass dieses plötzlich häufige Erwähnen vielleicht einen Grund hat. Diese ewig langen Zahlen, die sich kein Mensch vorstellen kann. Im Moment sind es laut Bund der Steuerzahler 1.680.213.907.770 Euro, hinzu kommen 4.481 Euro pro Sekunde. Das sind 20.553 Euro pro Kopf. Wir haben also 1680 Milliarden Schulden und eine Milliarde entspricht Tausend Millionen (109). Kann sich jemand diese Zahl vorstellen? Dem gegenüber betrug das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Jahr 2007 39 979 Milliarden US-Dollar = 29 381,2009 Milliarden Euro. Seither ist unser BIP gesunken. Ich bin kein Volkswirtschaftler, aber selbst mir als Laien drängt sich hier die Frage auf, wie man diese hohen Schulden mit Zins und Zinseszins denn zurückzahlen will (dazu kann man gern die Kommentarfunktion unten benutzen) und es erhärtet sich bei mir der Verdacht, dass das überhaupt nicht möglich ist. Sollte das so sein, was will man dann mit dem ständigen präsentieren der Staatsverschuldung erreichen. Ich denke, hier soll der Bürger auf Sparmaßnahmen eingeschworen werden.

Gegenwärtig sehen wir im Euroland, wie ein Staat nach dem anderen in den Staatsbankrott zu rutschen droht. Irland, Island, Griechenland, wer kommt als nächstes dran? In Griechenland wird gerade darüber fabuliert, ob man denn nicht paar Inseln verkaufen könnte, um dem Problem angeblich Herr zu werden. Und hier fängt dann der “Spaß” an, den man schon aus anderen Ländern dieser Welt kennt. Dort wurden gezielt Staaten in den Bankrott und die Abhängigkeit getrieben, und es mussten – erzwungen von Weltbank & Co – Bodenschätze, Land und Wasser- und Energievorkommen an Privatinverstoren verkauft werden. Gerade Grund und Boden und vor allem Wasservorkommen sollten eigentlich Gemeingut sein, da die Menschen und deren Überleben davon abhängt. Wie sich so etwas auswirkt, kann man gern im Film “Der große Ausverkauf” oder “Lets make Money” ansehen. Jetzt wird in Griechenland diese Systematik des totalen Ausverkaufs angewandt, um angeblich die Verschuldung in den Griff zu bekommen. Es drängt sich der Verdacht auf, als wäre das nicht alles einfach nur von langer Hand geplant.

Zurück in Deutschland sieht es so aus, dass unsere Tigerentenregierung eben genau jenen Kurs befährt. Das anständige Volk soll mit dem permanenten Vorhalten der Schuldenuhr zu dem Einsehen gebracht werden, dass es gar nicht anders geht, als dass man sparen muss, denn es ist ja für eine gute Sache. Schließlich soll man ja die Schulden nicht an die nächste Generation weitervererben. Dazu entlastet aber gerade diese Regieung ganz besonders die großen Vermögen. Dabei ist die Verteilung der Vermögen in Deutschland zunehmen ungleicher und die Entwicklung (gleich wie die Verschuldung) exponentiell: während die untersten 5/10 der dt. Bevölkerung insgesamt 6,9% des Nettovermögens besitzen, haben die restlichen 5/10 insgesamt 93,1% des Nettovermögens. Das reichste 1/10 besitzt allein 46,4% (Quelle: Hans-Böckler-Stiftung). Diese reichsten Zehntel werden zunehmend entlastet, während die armen Zehntel das Problem bezahlen sollen.

So werden durch die CDU-FDP-Regierung die Lasten für Bildung und Soziales auf Länder und Kommunen verteilt, die aufgrund der extrem schwachen Binnenkaufkraft überhaupt nicht mehr in der Lage sind, dieses Problem zu schultern, es wird schlicht unbezahlbar. Das ist ein taktischer Zug, um durch die Hintertür den Sozialstaat komplett zu ruinieren und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass die vielen übriggebliebenen Leckerbissen aus Ländern und Kommunen an Privat verkauft werden, um kurzfristig den Haushalt aufzubessern. Verkauft werden Energieversorger, Boden, Wasserver- und Abwasserentsorgung, die Abfallwirtschaft, kommunale Dienstleistungen, Schulen, Immobilien uvm. Projekte wie Crossborder-Leasing (CBL) oder Private Public Partnership (PPP) haben Konjunktur und versprechen für den Moment eine Entlastung der Haushalte, doch nachhaltig ist dies alles nichts. Es kommen aufgrund dieser Wirtschafterei in Zukunft wesentlich höhere Kosten auf die Kommunen zu, da nicht das öffentliche Interesse im Vordergrund steht, sondern die Gewinnerwartungen der Shareholder. Die Leidtragenden sind die Bürger und die Profiteure sind Privatinvestoren und Banken.

Für mich bleibt die provokante Frage, ob die Krise mit ihren Auswirkungen von gewissen Kreisen der Wirtschaft und der Banken nicht bewusst in Kauf genommen wurde, um effektiv und günstig an die letzten Reste öffentlichen Eigentums heran zu kommen, den Sozialstaat zu zerstören und dieser Verdacht erhärtet sich, wenn man sich anschaut, was Schwarz-Gelb in Gang gesetzt hat und man sieht, wo öffentliche Haushalte im nächsten Jahr angekommen sein werden – in den roten Zahlen. Jetzt bleibt nur noch die Frage, was der Bürger nun tun will, ob sie dem tatenlos zusehen wollen und ob vielleicht führende Politiker sich auf ihren Eid besinnen und vernüftigerweise die Binnenkaufkraft stärken wollen, zB. mit einem flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn…


Robin Hood und die SPD

Debatten über den Mindestlohn sind, zumal wenn sie im Bundestag stattfinden, nicht unbedingt spannend. Im Prinzip ist die Aufstellung seit längerem bekannt: Die Linkspartei (hier) und die Grünen (hier) sind für gesetzliche Lohnuntergrenzen. Das schwarz-gelbe Lager ist gegen eine flächendeckende Regelung, weil dies angeblich Jobs gefährde. Und die Sozialdemokraten winden sich: Eigentlich sei man inzwischen ja auch davon überzeugt, dass nur ein gesetzlicher Mindestlohn helfe. Aber so, wie die Linkspartei das vorschlage, gehe es nun wirklich nicht. Das Argument des Abgeordneten Josip Juratovic am Freitag im Bundestag: Mit ihrer „Robin-Hood-Politik“ und der Forderung nach einem Mindestlohn von zehn Euro innerhalb dieser Legislaturperiode gefährde die Linksfraktion ein sonst akzeptables Ziel. Tut sie das wirklich?

Juratovic hat erklärt, dass man erst einmal so etwas wie gesellschaftliche Akzeptanz für den Mindestlohn brauche. Das war als Kritik am Zehn-Euro-Ziel gemeint, geht aber nach hinten los. Die Linksfraktion stützt sich in ihrem Antrag auf eine Umfrage des Instituts für Wirtschaft, Arbeit und Kultur an der Goethe-Uni in Frankfurt, das eine 70-prozentige Zustimmung für einen Mindestlohn von etwa zehn Euro ermittelt hat. Es gibt andere Studien, die zeigen, dass es die „gesellschaftliche Akzeptanz“ längst gibt. Es ist mehr eine Frage der politischen Kräfteverhältnisse, und in der Vergangenheit waren es Sozialdemokraten, die sich der theoretischen Mehrheit für einen gesetzlichen Mindestlohn verweigerten. Ob es immer klug war, wie die Linkspartei versucht hat, die SPD mit ihren eigenen Forderungen im Parlament vorzuführen, steht auf einem anderen Blatt. Der SPD-Abgeordnete Anton Schaaf hat am Freitag eingestanden, dass es „auch bei uns“ einen Erkenntniszuwachs bei dem Thema gegeben habe: Branchenlöhne, wie sie von der Großen Koalition eingeführt wurden, reichten der SPD demnach nicht mehr. Auch Juratovic plädierte für einen flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn. Weil man – wohl mehr aus Angst vor allzu großer Nähe, denn aus inhaltlichen Gründen – nicht mit der Linkspartei in einen Mindestlohn-Topf geworfen werden will, werden die Sozialdemokraten „in den kommenden Wochen“ einen eigenen Antrag einbringen, in dem dann, wegen der gesellschaftlichen Akzeptanz, ein „moderater“ Einstieg vorgeschlagen wird.

Was ist moderat? Die Gewerkschaften fordern derzeit 7,50 Euro. Der DGB-Kongress im Mai wird aller Voraussicht nach jedoch eine Erhöhung auf 8,50 Euro beschließen. SPD-Chef Sigmar Gabriel hat nach dem Karlsruher Hartz-Urteil erklärt, ein Mindestlohn müsse „zumindest oberhalb von 7,50 Euro“ liegen, damit Menschen mit Vollzeitjobs mehr verdienten als Empfänger von Sozialleistungen. Ein Blick über den nationalen Tellerrand zeigt: In 20 von 27 EU-Staaten gibt es einen allgemeinen gesetzlichen Mindestlohn. In acht Ländern wurde dieser zu Jahresbeginn trotz der Wirtschaftskrise erhöht. Die Lohngrenzen sind in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich: In Westeuropa zwischen 8,41 Euro (Belgien) und 9,73 Euro (Luxemburg). In Portugal (2,86 Euro) und Griechenland (4,28 Euro) liegen die Mindestlöhne dagegen viel niedriger. Und in Osteuropa noch einmal deutlich darunter. Nach Auffassung des gewerkschaftsnahen WSI der Böckler-Stiftung spiegeln sich darin aber „zum Teil die unterschiedlichen Lebenshaltungskosten wider“. Mindestlöhne gibt es natürlich auch außerhalb Europas: IN Australien liegt dieser bei umgerechnet 8,08 Euro, in den USA bei 5,20 Euro und in Brasilien bei 0,97 Euro – allerdings stieg er dort wurde der Mindestlohn in der letzten zeit um knapp 23 Prozent an.

Bleibt noch das wiederkehrende Argument, Mindestlöhne würden Jobs zerstören. Die zwei gegensätzlichen Positionen sind bekannt: Auf der einen Seite wird vor dramatischen Verlusten vor allem im Niedriglohnbereich und bei jungen Stellensuchern gewarnt; auf der anderen hervorgehoben, dass sogar positive Beschäftigungseffekte eintreten würden. Es ist nicht zuletzt eine Frage des Umgangs mit den Expertenmeinungen, die den Unterschied macht: Der CSU-Abgeordnete Paul Lehrieder hat am Freitag im Bundestag auf einen Bericht in der Frankfurter Allgemeinen vom 23. Februar verwiesen und erklärt, darin hätte selbst ein gewerkschaftsnaher Experte zugegeben, dass mit deutlichem Stellenabbau im Falle eines gesetzlichen Mindestlohns zu rechnen sei. In dem Blatt sucht man diese Passage vergebens. Es gibt zwar einen Beitrag zum Thema, in dem heißt es aber: “Reinhard Bispinck, Leiter der tarifpolitischen Abteilung der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, geht davon aus, ‘dass von einem Mindestlohn von 8,50 Euro mehr als 5 Millionen Beschäftigte profitieren’.” In der Bundestagssitzung hat es dazu ein kurzes Wortgefecht zwischen Lehrieder und Klaus Ernst von der Linksfraktion gegeben. Dieser verwies auf eine aktuelle Studie der Böckler-Stiftung, in der es genau darum geht: die wissenschaftlichen Meinungen über den Mindestlohn. „Weder die ökonomische Theorie noch Erfahrungswerte sprechen grundsätzlich gegen“ eine solche Untergrenze, heißt es darin. „Ein Überblick über den internationalen Forschungsstand macht deutlich: Eine gesetzliche Lohnuntergrenze muss keine Arbeitsplätze kosten, sondern kann sogar neue bringen.“

Die Linkspartei will „die Modalitäten der Einführung und die jährlichen Anpassungen“ der Bundesregierung überlassen. Diese soll über Einstieg und Erhöhung bestimmen – und zwar „nach Konsultation mit den Tarifvertragsparteien und wissenschaftlichen Experten“, die in einen Mindestlohnrat berufen werden. Den durchaus bedenkenswerten Einwand, damit sei das Parlament bei der Fortentwicklung der Lohnuntergrenze außen vor, es handele sich mithin eher um einen exekutiven als um einen gesetzlichen Mindestlohn, entwerteten die Redner der Regierungskoalition mit ihren ständigen und schiefen DDR-Vergleichen dann aber selbst. Der Antrag der Linksfraktion wurde am Freitag von einem wieder einmal spärlich besetzen Bundestag in die Ausschüsse verwiesen. Die ewige Debatte um den Mindestlohn geht also in die nächste Runde. (tos)

Kaffee und andere Drogen

Auf der nach unten offenen NRW-Wahlkampf-Skala kommen CDU und
SPD um einiges voran. Es ist ein Ziehen und Gezogenwerden: Die von der Sponsoring-Affäre leicht angeschlagene Union hält Stöckchen hin – und die Sozialdemokraten springen drüber. Ein Treffen beim Kaffee zwischen deren Landesvize mit der Sprecherin der NRW-Linken wird von der CDU zum Eklat hochgespielt, es handele sich um Verhandlungen im „engsten Umfeld“ der SPD-Spitzenkandidatin und Vorbereitungen zur rot-rot-grünen „Machtübernahme“. Hannelore Kraft macht die Sause mit und erklärt: Alles „absolute Alleingänge mit keinerlei Legitimation durch den SPD-Landesvorstand“. Also ohne. Nun, es geht wie gesagt um eine halbe Stunde beim Käffchen. 30 Minuten, die der CDU gut in den Kram passen.

SPD-Mann Jochen Ott, der es immerhin „für richtig“ hält, „dass man mit dem politischen Gegner spricht und ihn kennenlernt, wenn man sich eine Meinung bilden will“, muss nachträglich den Kraft-Satz aufsagen, „Dass die Linke weder regierungswillig noch regierungsfähig ist.“ Das Treffen mit Katharina Schwabedissen habe ohnehin nur erbracht, was Wahlkampfstrategie der Sozialdemokraten an Rhein und Ruhr ist. Es ist ein Kurs, den sich die SPD aufzwingen lässt. Die Ypsilanti-Angst steckt tief drin in der Partei, jetzt hat man rigoros die Tolerierungsvariante ausgeschlossen, weil sich ein so großes Bundesland wie NRW damit angeblich nicht regieren lasse. Auch müssen regelmäßig Selbstverständlichkeiten tabuisiert werden, etwa dass da bei der Linken Menschen Politik machen, und dass man mit denen auch mal redet. Kraft hat Ende Januar erklärt, es gebe keine Gespräche mit der Partei.

Bei der CDU wird man sich freuen, dass die WAZ-Gruppe ausgerechnet jetzt mit der Geschichte kommt. Die Partei hatte gerade ihr „Rotbuch“ vorgestellt, „eine Dokumentation über Programm, Strategie und Führungspersonal der NRW-Linkspartei“. Es ist bei Licht betrachtet ein ziemlich lustiger 32-Seiten-Versuch von Propaganda, eine Parodie dieses heutigen Anti-Sozialismus hätte es nicht besser gekonnt. Die Linke sah sich an das Ergebnis einer “feuchtfröhlichen Runde” erinnert und unterstellte abnehmende Urteilsfähigkeit bei “steigendem Alkoholkonsum”. Die CDU “im Suff”. Womit man rechnen muss, wenn die “Radikalen” demnächst ans Ruder kommen: „Alle privaten Hausbesitzer werden enteignet, (…) „sozialistische Planwirtschaft wird eingeführt“. Schüler sollen „den Konsum von Rauschgift an Schulen lernen“ und „jedes Kind Haschisch im Supermarkt kaufen“ dürfen. Und die Leute „hätten dann nur noch einen Tarifvertrag und ein Einheitshandy“. Nun ja.

Es geht dabei aber gar nicht wirklich darum, dass sich irgendwer vor der Einführung des Sozialismus fürchtet. Die Linkspartei muss nicht beteuern, dass es mit ihr „kein Dönerkombinat und kein VEB Pommes geben“ wird. Die CDU hat es allein auf die SPD abgesehen. Sie kann mit einiger Berechtigung davon ausgehen, dass die Sozialdemokraten mit dem Eiertanz um die Linkspartei eher an Zustimmung verlieren. Versuche der SPD, die Debatte auf inhaltliche Themen zu bringen, etwa auf die Bildungspolitik für Nordrhein-Westfalen, werde an den Rand gedrückt. Dass die Bundes-SPD versucht, mit der „Abstimmung über die Gesundheitsreform“ den Wahlkampf bundespolitisch zu imprägnieren, verengt den Raum für landesspezfische Diskussionen zusätzlich.

Die CDU bleibt dran. Da werden schonmal Umfragen in Auftrag gegeben, die so ausfallen: 62 Prozent der Nordrhein-Westfalen lehnen eine Koalition von SPD und Linkspartei ab. „Auch 48 Prozent der SPD-Anhänger sind gegen ein rot-rotes Bündnis. Nicht mal jeder fünfte SPD-Anhänger wünscht sich eine rot-rote Koalition. Gleichzeitig sind mehr als die Hälfte der SPD-Anhänger (54 Prozent) davon überzeugt, dass die SPD eine solche Koalition eingehen würde, wenn sie nach der Wahl die Möglichkeit dazu hätte.“ Man sieht, die Strategie zahlt sich aus: Die SPD-Anhänger sind dagegen, trauen Kraft aber anderes zu. „Heute hat die Linkspartei bestätigt, dass es Gespräche mit der SPD gibt.“ Achherrje. Und falls die Umfrageergebnisse doch nicht ganz richtig waren, werden die ganz rostigen Geschütze herausgeholt. Eine Koalition mit der Linkspartei „verbietet sich für jeden aufrechten Demokraten“. Einen schönen Gruß an Klaus Wowereit und Matthias Platzeck. (tos)

Nachbeben in Erfurt

Die einen “regierungsunfähig”, der andere “postenfixiert” – dass
die Auseinandersetzungen um die Regierungsbildung in Thüringen im vergangenen Herbst tiefe Verletzungen hinterlassen haben, die noch lange nachwirken werden, war zu erwarten. Zu heftig hatten sich SPD und Linke schon vor der Landtagswahl beharkt, vor allem um die Frage, warum die Sozialdemokraten unter Christoph Matschie in einer rot-roten Landesregierung keinen Ministerpräsidenten der Linkspartei akzeptieren würden. Letztlich scheiterte Rot-Rot bzw. Rot-Rot-Grün an dieser Frage, wenn nicht Matschie sowieso von vornherein auf eine große Koalition fixiert war. Neben den politischen Differenzen dürfte es da mittlerweile auch verfestigte persönliche Animositäten geben, die in die Landespolitik hineinspielen. Diesen Hintergrund muss man wohl immer im Auge behalten, wenn man Äußerungen der einen Partei über die andere bewertet. Kurz vor dem SPD-Landesparteitag am 6. März und den Regionalkonferenzen der Linken hat sich der Ton jetzt wieder verschärft, der MDR spricht von “neuem Polit-Zoff” im Freistaat.

Christoph Matschie, inzwischen Vize-Regierungschef in Erfurt und Kultusminister, erklärte jetzt wieder, die Linke sei nicht regierungsfähig. Sie wisse programmatisch nicht wohin und zerfalle in verschiedene Lager. Dabei meinte er freilich vor allem den Streit in der Bundes-Linken. Angesichts dessen sei die Entscheidung richtig gewesen, keine Koalition mit der Linkspartei einzugehen. Mal abgesehen davon, dass Matschies Kurs im Wahlkampf und nach der Wahl irrational bleibt und mit demokratischen Grundsätzen nicht viel zu tun hat, ist es ziemlich simpel, nun ein paar Beweise für die Unfähigkeit der Linken zu verlässlicher Politik zu sammeln. Auseinandersetzungen gibt es in jeder Partei, und was Grundsatzstreit betrifft, hat die SPD derzeit auch jede Menge zu bieten. Thüringens Linksfraktionschef Bodo Ramelow ließ sich die Vorlage denn auch nicht entgehen und bemühte gar nicht erst die Sinnsuche in der Bundes-SPD, sondern nahm sich gleich die Thüringer Sozialdemokratie vor. Die bestehe aus zwei konkurrierenden Lagern. In der Tat hatte es in der Thüringer SPD starke, am Ende aber unterlegene Bemühungen für eine Koalition mit Linkspartei und Grünen gegeben. Diese Bestrebungen waren vor allem aus Kreisverbänden und großen Städten gekommen, nachdem Matschie den Landesvorstand langfristig auf Linie gebracht und vor allem ihm genehme Genossen dort platziert hatte.

Seine Kritiker hatte Matschie mit der Aussicht besänftigt, ihnen bei vorgezogenen Wahlen wieder Sitz und Stimme im Landesvorstand zu gewähren. Das soll am kommenden Wochenende geschehen, und mit den Oberbürgermeistern von Gera und Erfurt streben namhafte Rot-Rot-Befürworter in die Landesspitze. Ob es auch zu inhaltlichen Auseinandersetzungen über die Rolle der SPD an der Seite der CDU in der großen Koalition kommt, wird man sehen. Ramelow jedenfalls sieht nicht viel Gutes: Matschie beispielsweise erzähle als Kultusminister in der Bildungspolitik “den selben alten Quatsch wie seine Vorgängerminister”. Und die waren zuletzt von der CDU. (wh)

Sponsoren beim Parteitag

Bild 12

Ein Einzelgespräch mit Jürgen Rüttgers kostet also 6.000 Euro. Für
den NRW-Ministerpräsident kommt der Rummel über den Verkauf von Terminen an zahlungskräftige Sponsoren am Rande des CDU-Parteitags Mitte März sicher ungelegen. Die Landtagswahlen stehen an und da liest man als Kandidat so etwas nicht gern. Die Christdemokraten mühen sich, den Fall herunterzukochen: Zwar habe es solche Werbeangebote gegeben, die Briefe würden aber einen „falschen Eindruck“ hinterlassen, Rüttgers kenne die Schreiben außerdem gar nicht. Und am Ende liegt dann alles am „ungeschickten Sprachgebrauch einzelner Mitarbeiter“. Die Konkurrenz ist dennoch schwer empört. Der CDU-Mann, so Andrea Nahles von der SPD, sei „offensichtlich käuflich“. Die Spitzenkandidatin der Grünen bei der Landtagswahl, Sylvia Löhrmann, ätzte nicht ganz ohne Grund, hier werde das Amt des Ministerpräsidenten, indem sie es zu Markte tragen“. Linksparteivize Klaus Ernst stuft das Rüttgers-Paket als „illegale Parteispende“ ein und fordert ein Gesetz, das derartigen Praktiken einen Riegel vorschiebt. Sponsorenstände auf Parteitagen, und um solche geht es ja, sind durchaus üblich – nicht nur bei der CDU.

Die Liberalen ließen 2003 beim Delegiertentreffen in Bremen zahllose Firmen werben, von der Deutschen Post über EADS, MTU und AOL bis zum Autobauer Audi. Einige Unternehmen seien „schon seit vielen Jahren“ dabei. „Ein Besuch bei den Sponsoren des Parteitages“, werden die Besucher nachdrücklich gebeten, lohne sich auch in diesem Jahr „auf jeden Fall“. Illustriert ist die parteioffizielle Werbung für Werbende mit einem Foto des Besuchs von FDP-Chef Guido Westerwelle am Audi-Stand, „einem der treuesten Unterstützer“ von liberalen Parteitagen. Man fragt sich: Interessiert der Mann sich für Autos?

Beim SPD-Parteitag 2009, von dem die große Erneuerung ihren Ausgang nehmen sollte, waren ebenfalls jede Menge Sponsoren mit an Bord. „In der Ausstellungshalle der MESSE DRESDEN stellen sich während des Bundesparteitages zahlreiche kommerzielle und nicht kommerzielle Aussteller vor.“ Die Liste ist lang: Audi, EADS, der Bundesverband der Deutschen Industrie, die Bertelsmann-Stiftung, Energiekonzerne wie der Atomstromkonzern Vattenfall, die Pharmabranche, Versicherungsfirmen.

Bei der Grünen-BDK in Erfurt Ende 2008 waren die Sponsoren „in einer separaten Halle, in der auch das Catering stattfindet“ untergebracht – zum Essen geht jeder irgendwann einmal. Das Pottblog berichtete, „das ganze stößt zum Teil auf Kritik – wenn z.B. der Lobbyverband BDI einen Stand auf dem Parteitag hat, wo doch der BDI nicht wirklich kompatibel mit grünen Positionen ist“. Die gesundheitspolitische Sprecherin Biggi Bender habe seinerzeit erzählt, „dass diverse Delegierte zu ihr kommen würden, da der Apotheken-Verband sich gegen ihre Positionen aussprechen würden und die Delegierten gerne wissen wollen, warum das denn sei. Jedoch gibt es aber auch Sponsoren die sich eher für eine Liberalisierung des Apothekenmarktes aussprechen – und mit diesen Gegensätzen müsse man leben, wenn man einen gesponsorten Parteitag hat.“ Oder man hat eben keinen. (tos)

Nachtrag 22. Februar
Eine ergänzte Fassung dieses Textes findet sich auf freitag.de

Bildungsplus in Hamburg

Drei namhafte ehemalige Bildungspolitikerinnen der Hamburger SPD haben sich jetzt der Linken angeschlossen. Sabine Boeddinghaus, Karen Medrow-Struß und Christiane Albrecht haben sich aus Unzufriedenheit über den bildungspolitischen Schlingerkurs der Sozialdemokraten in der Hansestadt zu diesem Schritt entschlossen. Boeddinghaus und Albrecht hatten die SPD im Herbst 2008 verlassen; Anlass war die Haltung der SPD zur Volksinitiative „Eine Schule für alle“. Damals hatten die beiden Frauen wie viele andere Aktivisten wochenlang Unterschriften gesammelt; am Ende scheiterte die Volksinitiative knapp. Was sie am meisten ärgerte: Die SPD hatte ihnen untersagt, im Namen der Partei aufzutreten, obwohl das Ziel einer der Initiative auch Teil der sozialdemokratischen Programmatik ist. Zwar bekenne sich die SPD im Prinzip zu längerem gemeinsamem Lernen, aber wenn es konkret werde, zaudere sie immer wieder.

Mit den drei Politikerinnen verliert die Hamburger SPD bildungspolitische Schwergewichte: Albrecht war Vorsitzende der Gewerkschaft GEW in Hamburg und Vorsitzende der Partei-Arbeitsgemeinschaft Bildung. Medrow-Struß, die die SPD schon 2004 verlassen hatte, war Vorsitzende des SPD-nahen Hamburger Elternvereins und ist Chefin des Vereins „Eine Schule für alle“. Boeddinghaus war Bürgerschaftsabgeordnete. Schon seit einiger Zeit haben die drei in der Landesarbeitsgemeinschaft Bildung der Linkspartei mitgemacht. Die Vorsitzende der Linksfraktion in der Hamburger Bürgerschaft, Dora Heyenn, freut sich über die Verstärkung in ihrer Partei – nicht zuletzt, weil es in Hamburg im Sommer einen Volksentscheid geben wird, in dem es um längeres gemeinsames Lernen geht. (wh)

Attacken von Nazis

Nach der Verhinderung des geplanten Naziaufmarsch in Dresden am vergangenen Samstag (mehr hier) mehren sich Berichte über Attacken von Rechtsradikalen. In der Nacht zum Mittwoch überfielen mehrere Rechtsradikale in Pirna einen jungen Mann, bereits am Wochenende war dort ein SPD-Büro angegriffen worden. Auf das Auto des örtlichen Kreisgeschäftsführers der Linken, der sich mit den Sozialdemokraten solidarisiert hatte, wurde inzwischen ein Brandanschlag verübt. Der Thüringer Linksfraktionschef Bodo Ramelow hat nach seiner Teilnahme an den Dresdner Blockaden Drohungen über Twitter erhalten. In Leipzig war bereits am Montagabend die Tür eines Abgeordnetenbüros der Linkspartei zerstört worden – offenbar von Rechtsradikalen. (vk)

Öffentliche Jobs

Mehr als die Hälfte der Brandenburger – genau 54 Prozent – sind einer Umfrage von Infratest zufolge unzufrieden mit den ersten 100 Tagen der Landesregierung aus SPD und Linkspartei. Das ist kein Wunder, denn die Schlagzeilen befassten sich in den ersten drei Monaten fast ausschließlich mit Stasifällen bei der Linkspartei – und die kann das nicht einmal auf den bösen Klassenfeind schieben, sondern muss sich an die eigene Nase fassen. Umso empfindlicher reagiert man beim Bemühen um Rückkehr zu politischer Normalität auf weitere schlechte Nachrichten.

Als dieser Tage Wolfgang Schroeder, Staatssekretär im SPD-geführten Potsdamer Arbeitsministerium, durchblicken ließ, die Zahl der Jobs im neu zu schaffenden öffentlich geförderten Beschäftigungssektor (ÖBS) werde deutlich niedriger liegen als geplant, gab es eine kurzzeitige Aufregung. Schroeder war der Ansicht, die angekündigten 8.000 Stellen vor allem für Langzeitarbeitslose würden nur erreicht, wenn man 4.300 Stellen in die Rechnung einbeziehe, die aus einem Bundesprogramm für einen Kommunalen Kombilohn finanziert werden. Die Linke drängte umgehend auf Richtigstellung; Vize-Fraktionschef Stefan Ludwig erklärte, es bleibe bei dem 8.000-Jobs-Programm. Verteilt über die fünf Jahre der Wahlperiode werden dafür 40 Millionen Euro ausgegeben.

Auch Ministerpräsident Matthias Platzeck bekräftigte das Festhalten am ÖBS. Der ist ein zentrales Wahlziel der Landes-Linken gewesen, die nun mit Argusaugen über die Verwirklichung wacht. Denn weitere Schlappen kann sie sich nicht leisten, nachdem sie parteiintern wegen vermeintlich allzu zu großer Kompromissbereitschaft beim Jobabbau im öffentlichen Dienst, bei Braunkohleförderung und CO2-Speicherung heftig kritisiert wurde. Allerdings wird man um die ÖBS-Pläne noch heftig kämpfen müssen, da die Bundesregierung ihre Zuschüsse für solche Projekte der Arbeitsförderung kürzen will. Betroffen ist davon auch Berlin.

Eine gute Nachricht hat Infratest dann doch noch für Rot-Rot in Brandenburg: Trotz der schlechten Noten für die Startphase hat die Landesregierung nach wie vor erheblichen Kredit bei der Bevölkerung. Bei der Sonntagsfrage kam die SPD auf 31 und die Linke auf 27 Prozent – in der Summe eine sichere Mehrheit und fast so viel wie bei der Landtagswahl im September 2009. (wh)