Märchenstunde mit Ottmar Issing

Das Märchen vom billigen Geld

Ottmar Issing ist nicht nur ehemaliger Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB) sondern International Advisor der Investmentbank Goldman Sachs. Dies hindert ihn nicht die Verantwortung für steigende Staatsverschuldung und neue Finanzblasen der keynesianischen Wirtschaftspolitik anzudichten (Die Zeit Nr. 10/2010, ‚Zu viel Geld ist gefährlich’).

Staatsverschuldung wegen Keynes?

Machen wir den Praxistest:

Die Schuldenstandsquote in Deutschland sank nur in den zwei Jahren des Aufschwungs ab 2005, als die große Koalition auf Sparmaßnahmen weitgehend verzichtete.  Spanien und Irland konnten ihre Defizite wie durch den Boom bis zur Finanzkrise wie kaum ein anderes EU-Land dramatisch reduzieren. Jetzt steigt die Verschuldung wieder. Aber nicht weil der Staat zu viel ausgegeben hat, sondern weil diesen Ländern in der Krise die Steuereinnahmen wegbrechen und Kredite faul werden. Hätten die deutschen Billiglöhne nicht über die deutschen Exporte Unternehmen und private Haushalte unserer EU-Nachbarn in die Schuldenfalle getrieben, müssten ihre Regierungen nun weniger für die Konjunktur tun. So haftet der Staat auch für diese Schulden.

Beispiel Griechenland: Griechenlands Staatsausgabenquote sank seit 2000 bis zur Finanzkrise kontinuierlich und war niedriger  als in Deutschland. Die effektiven Steuern auf Gewinne und Vermögen (implicit txes on capital) entsprechen laut Eurostat aber nur der Hälfte des Durchschnitts der Eurozone. Griechenlands Staat ist also nicht verschuldet weil er zu fett, sondern weil er eine Steueroase ist.

Finanzblasen wegen billigem Geld?

Der Monetarist Issing behauptet billiges Geld führt zu Finanzblasen. Der Monetarismus  unterstellt eine von den Investitionsentscheidungen der Unternehmen bzw. des Staates unabhängiges Wachstum. Niedrige Zinsen führen dann nicht zu höherem Wachstum sondern zu „mehr Geld“, zu viel Nachfrage nach einem begrenzten Güterangebot und somit zu steigenden Preisen. Dies ließe sich auch auf Finanzblasen übertragen.

Allerdings ist das monetaristische Experiment zu Beginn der 1980er Jahre grandios gescheitert, die Zinsen schwankten heftig als Zentralbanken versuchten die Geldmenge zu kontrollieren. Dies spricht für die keynesianische Interpretation wonach die Zentralbank gar nicht die Geldmenge sondern nur die Zinsen steuern kann und die Wirtschaftssubjekte ihre Geldnachfrage dem Zinssatz und den wirtschaftlichen Erwartungen anpassen.

Keynesianer argumentieren anders: Billiges Geld „kann“ je nach Zukunftserwartung der Unternehmen auch zu zusätzlichen Investitionen und Wachstum führen. Inflation entsteht bei gegebener Unternehmenskonzentration wenn die Löhne stärker steigen als die Produktivität und Unternehmen dies auf die Preise abwälzen. Eine andere Möglichkeit ist die Spekulation etwa mit Rohstoffen. Letzteres hat die Inflation in den letzten Jahren maßgeblich getrieben, während von den schwachen Löhnen kaum Inflationsdruck herrschte. Billiges Geld führt also je nach Auslastung der Kapazitäten in der Industrie nicht automatisch zu Inflationsdruck. Die entscheidende Frage für die Inflation auf den Finanzmärkten ist aber die Regulierung.

Würde Issings Theorie stimmen wären höhere Zinsen erforderlich. Höhere Zinsen machen aber Finanzanlagen attraktiver als reale Investitionen. Und warum hatte Japan trotz billigem Geld aktuell keine Finanzblase?  Mit höheren Zinsen lässt sich die komplette Wirtschaft abwürgen, nicht aber Inflation au einzelnen Märkten bekämpfen.

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Podiumsdiskussion: Strategien für den Richtungswechsel

Mittwoch, 17. März ab 19.30 Uhr

Rosa Luxemburg Stiftung (Konferenzsaal)

Franz-Mehring-Platz 1 (Nähe Ostbahnhof), Berlin

Podiumsdiskussion mit

Albrecht Müller (Nationalökonom und Publizist, Leiter des Planungstabes des Bundeskanzleramts unter Willy Brandt und Helmut Schmidt, Architekt der „Willy wählen“-Kampagne 1972)

Ottmar Schreiner (Bundestagsabgeordneter, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen in der SPD)

Kerstin Kaiser (Fraktionsvorsitzende der LINKEN im Landtag Brandenburg)

Michael Schlecht (Bundestagsabgeordneter, Mitglied im Parteivorstand und Chefvolkswirt der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag)

Die Bundesregierung  regiert gegen die Bevölkerungsmerheit . Das Wort Reformen hat einen schlechten Klang: Die große Mehrheit der Menschen verbindet damit sozialen Abstieg.

Medien machen Politik. Der Einfluss der „vierten Gewalt“ wurde spätestens an den Konflikten zwischen dem damaligen Bundesfinanzminister Oskar Lafontaine und der Schröder-Regierung über die Regulierung der Finanzmärkte sichtbar.

Trotz der schwersten Wirtschaftskrise der Bundesrepublik Deutschland seit 80 Jahren regiert eine bürgerliche Koalition. DIE LINKE. hat sich im deutschen Parteiensystem verankert, konnte aber die Verluste der SPD nicht ausgleichen.

Das Podium diskutiert die Perspektiven linker Reformpolitik. Warum ist das rot-grüne Projekt gescheitert? Welche Rolle spielen Medien und Interessengruppen? Was ist das Kerngeschäft linker Reformpolitik? Welche Entwicklung wird die SPD nehmen? Welche Rolle sollte die LINKE spielen?

Mehr Infos unter http://www.rosalux.de/cms/index.php?id=20660&type=0

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Lafontaine: Mitgliederbefragung bei Richtungsentscheidungen

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Sächsische Zeitung

Oskar Lafontaine über seine Krebserkrankung, den Streit in der Linken und Ost-West-Unterschiede.

Herr Lafontaine, nach der Operation: Wie geht es Ihnen?

Die Operation habe ich gut überstanden, bis jetzt verläuft der Heilungsprozess normal. In gewissen Abständen wird kontrolliert, ob noch etwas geblieben ist. Die erste Nachuntersuchung ergab: Alles im Normbereich.

Wie stark beeinträchtigt die Krankheit Ihr Leben?

Natürlich war die schwere Operation ein Einschnitt. Ich lebe jetzt wie vorher, ohne größere Beeinträchtigungen.

Wie muss man sich Ihr Wirken für die Linkspartei bundespolitisch vorstellen, wenn Sie im Mai nicht mehr Parteivorsitzender sind?

Ich werde meine Aufgaben als Fraktionschef an der Saar machen …

Über die ganze Wahlperiode?

Selbstverständlich. Aber ich werde mich auf Bundesebene – wie bisher – in die grundsätzlichen politischen Debatten einschalten. Das erwartet man auch von mir. Die Linke ist schneller zu dem notwendigen Korrekturfaktor der deutschen Politik geworden, als wir es vor vier Jahren erwarten konnten. Ich werde mich jetzt im Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen engagieren. Natürlich werde ich nach dem Mai, wenn ich nicht mehr Parteivorsitzender bin, nicht mehr so häufig an Sitzungen und nicht mehr so viel an Pflichtterminen teilnehmen. Aber ich will zusammen mit Gregor Gysi und der neuen Führung dazu beitragen, dass die Linke weiter so erfolgreich ist.

Also Sie wollen sich nicht gänzlich zurückziehen?

Wenn die politische Konkurrenz hofft, ich sei ganz von der Bildfläche verschwunden, irrt sie.

Die Linke hat einen grandiosen Wahlerfolg eingefahren. Seither ist sie aber eher durch innerparteiliche Auseinandersetzungen aufgefallen. Kann dieses linke Projekt noch kippen?

Das glaube ich nicht. Trotz der überflüssigen Auseinandersetzungen liegt die Linke weiter stabil bei elf, zwölf Prozent. Die Chancen, in den Landtag von NRW einzuziehen, stehen gut: Die Linke ist weiter auf dem Vormarsch.

Was ist der Kern der innerparteilichen Auseinandersetzungen: der Ost-West-Konflikt oder pure Flügelkämpfe?

Solche Auseinandersetzungen sind auf jeden Fall normal für eine junge Partei, wenn man sich beispielsweise an die Anfänge der Grünen erinnert. Sie sind aber auch normal für die Altparteien – schauen Sie sich die aktuellen Auseinandersetzungen innerhalb der CSU, der CDU oder auch der FDP an. Insofern sollte man die Linke jetzt als eine normale Partei betrachten, die das Parteienspektrum der Bundesrepublik erweitert hat.

Samt Unterschieden in Ost und West?

Ja. Auch wir haben, wie die anderen Bundestagsparteien, einen Ost-West-Mentalitätsunterschied bei unseren Mitgliedern. Das Anliegen unserer Politiker im Osten, der ehemaligen PDS, war, im Parteiensystem der Bundesrepublik anzukommen. Die Gründung der WASG hatte zur Grundlage, gegen die Zerstörung des Sozialstaates vorzugehen. Daraus ergeben sich unterschiedliche Herangehensweisen an die Politik. Aber in den grundsätzlichen Zielen sind wir uns einig.

Im Osten ist die Linke Volkspartei. Wie gefestigt ist der Westteil? Ist der Einzug in den NRW-Landtag sicher?

Schon aus Respekt vor den Wählerinnen und Wählern können wir nicht sicher sein, in den Landtag von NRW zu kommen. Aber wir haben gute Aussichten. Nur die SPD weiß leider immer noch nicht, was sie will. Herr Gabriel versucht, die Ausgrenzungsstrategie gegenüber der Linken fortzusetzen, was Zweifel an seiner politischen Urteilsfähigkeit aufkommen lässt. Und Frau Kraft ist zu zögerlich, klar zu sagen: wenn es eine rot-rot-grüne Mehrheit gibt, will ich Ministerpräsidentin werden. Leider spricht vieles dafür, dass die Grünen mit ihrer heimlichen Vorliebe für die CDU, mit Rüttgers eine Regierung bilden. Deshalb sagen wir: jeder, der eine Veränderung der Politik in NRW will, muss die Linke wählen. Nur eine starke Linke verhindert, dass eine schwarz-grüne Koalition im Bundesrat aus „staatspolitischer Verantwortung“ soziale Kürzungen mitträgt.

Wäre Ihr Landesverband im Falle eines Falles überhaupt regierungsfähig, und würden Sie zu Rot-Rot-Grün raten?

Ja. Es ist ein Märchen, dass die Linke sich einer Regierungsbildung verweigern würde. Hier im Saarland waren die Grünen gekauft, in Thüringen und in Hamburg hat es die SPD abgelehnt, zusammen mit der Linken eine Regierung zu bilden. Und in Nordrhein-Westfalen stellt sich die SPD offensichtlich wieder selbst ein Bein. Aber: Die aktuellen Umfragen zeigen, wenn sie den Ministerpräsidenten stellen will, kommt die SPD an uns nicht vorbei.

Anders als geplant soll der Mai-Parteitag alle wesentlichen Führungspositionen doch wieder doppelt besetzen. Ist das mehr als nur ein Ausdruck wackliger Verhältnisse?

Nein. Das ist ein Ergebnis der Einsicht, dass das Zusammenwachsen von PDS und WASG doch etwas länger dauert, als wir uns das gewünscht haben. Das ist nun einmal so: Die Lebenserfahrungen derjenigen, die in der ehemaligen DDR aufgewachsen sind, sind andere als die derjenigen, die in der alten Bundesrepublik aufgewachsen sind. Das muss man einfach zur Kenntnis nehmen. Aber wenn man das ins Positive wendet, gibt es eine einmalige Chance. Diejenigen, die in der ehemaligen DDR aufgewachsen sind, haben die Fehler der SED im Gepäck und wissen genau, dass sich diese Fehler nicht mehr wiederholen dürfen. Sie werden jeden Versuch abwehren, innerparteiliche Demokratie einzuschränken. Diejenigen, die in der alten Bundesrepublik aufgewachsen sind, haben die Erfahrung der Zerstörung des Sozialstaates. Und sie werden jeden Versuch abwehren, den Sozialstaat weiter abzubauen. Beide Erfahrungen bestimmen die heutige Politik der Linken.

Braucht es einen Mitgliederentscheid, um das Risiko eines Eklats beim Parteitag zu minimieren?

Ich bin ein Anhänger von Mitgliederentscheiden. Hätte beispielsweise die SPD Kriegsbeteiligung, Hartz IV oder die Agenda 2010 den Mitgliedern vorgelegt, wären viele Irrtümer vermieden worden, und die Partei stünde heute viel besser da. Diese Beispiele zeigen aber, dass der Mitgliederentscheid politische Richtungsfragen klären soll. Bei Satzungsfragen sollte er die Ausnahme bleiben. Ich bin aber vollkommen sicher, dass die Mitglieder das Personal-Paket, das unter Vermittlung von Gregor Gysi ausgehandelt worden ist, billigen werden.

Nächste Woche legt die Programmkommission einen Entwurf vor. Was muss die Linke programmatisch klären?

Wir müssen in unserem Programm vor allem die Punkte ansprechen, in denen wir uns von anderen Parteien unterscheiden. Deshalb wird in unserem Programm etwas hochaktuelles stehen: Wir wollen die Käuflichkeit der Politik beseitigen. Unternehmensspenden sollen wie in Frankreich ausgeschlossen werden. Privatpersonen dürfen nur in ganz begrenztem Umfang pro Jahr an Parteien spenden. Darüber hinaus geben wir als einzige Partei eine Antwort darauf, wie vermieden werden kann, dass das Parlament in der Sozialgesetzgebung, in der Steuergesetzgebung oder auch in der Außenpolitik wie in den zurückliegenden Jahren gegen den mehrheitlichen Willen der Bevölkerung entscheidet. Wir wollen Volksbegehren und den politischen Streik, der in den meisten Mitgliedsstaaten Europas eine Selbstverständlichkeit ist.

Wie hält’s die Linke mit dem Eigentum?

Wir sind dafür, dass das Eigentum denen zugesprochen wird, die es erarbeitet haben. Wir vertreten die Auffassung, Eigentum entsteht aus Arbeit. Das heißt konkret, dass der Zuwachs des Betriebsvermögens in den Betrieben den Belegschaften zugesprochen wird. Unsere Zukunftsvision für Deutschland ist die Mitarbeitergesellschaft und nicht die Fortsetzung der jetzigen Wirtschaftsordnung, die auf der permanenten Enteignung der Beschäftigten beruht. Wir sind zudem für eine Rekommunalisierung der Energieversorgung und eine Vergesellschaftung des Bankensektors weil in allen Industriestaaten die Finanzindustrie bestimmt, was politisch geht.

Worüber gab es am meisten Streit?

Es gibt im Entwurf keine einzige konkrete Forderung, die nicht schon in den Parteitagsbeschlüssen oder in anderen Programmen und Dokumenten enthalten wäre. Es geht im Grunde genommen um Akzentsetzung. Beispielsweise, ob man bei der Gestaltung des wirtschaftlichen Eigentums stärkeren Akzent auf kommunalem oder staatlichem Eigentum setzt oder auf Mitarbeiterbeteiligung. Es gibt keinen wirklichen Dissens.

Ihr Rückzug hat eine kurze kleine Debatte ausgelöst über eine mögliche Annäherung von Linkspartei und SPD. Erleben wir so was noch?

Diese Frage muss man immer unbefangen sehen. Die einzigen wirklichen Kriterien sind das Programm und die konkrete Politik. Solang die SPD weiter zustimmt, dass Soldaten nach Afghanistan geschickt werden, solange die SPD Hartz IV verteidigt, solange die SPD die Rente mit 67 nicht in den Mülleimer der Geschichte wirft, solange gibt es eben solch gravierende Unterschiede, dass man von einer wirklichen Annäherung nicht sprechen kann. Anders sieht es in den Ländern aus. Dort gibt es starke programmatische Überschneidungen.

Ist eine Partei links der SPD nicht vielleicht auch sinnvoll oder gar notwendig?

Es scheint so zu sein, dass die sozialdemokratischen und sozialistischen Parteien Europas sich in einer Wirtschaftsordnung, die auf privatwirtschaftlichem Eigentum bei den großen Betrieben und dem Finanzsektor beruht, so sehr den Systemvorgaben oder dem Mainstream angepasst haben, dass ein Korrekturfaktor von links strukturell notwendig ist. Deshalb schauen alle linken Parteien in Europa, die sich ähnliche Ziele gesetzt haben, gespannt auf Deutschland, ob es uns gelingt, auf Dauer eine Partei links von der SPD im Parteiensystem zu etablieren. Für mich selbst ist aber viel wichtiger die Geschichte der Spaltung der Arbeiterbewegung, weil sie heute immer noch aktuell ist. Liebknecht und Luxemburg waren Sozialdemokraten, was oft vergessen wird. Und sie haben sich von der SPD getrennt, weil diese die Kriegskredite bewilligt hat. Es ist doch erstaunlich, dass diese Trennlinie heute wieder besteht. Zudem wollte Luxemburg eine Demokratisierung der Wirtschaft und hat eine Stärkung der Betriebsräte verlangt. Auch dieses Thema ist heute wieder aktuell. Daher wollen wir die Mitarbeitergesellschaft. Wenn es darum geht, die Konflikte innerhalb der deutschen und europäischen Linken im Grundsatz zu erfassen, ist das Nachdenken über die Trennung der Arbeiterbewegung nach dem Ersten Weltkrieg immer noch der entscheidende Ausgangspunkt.

Letzte Frage: Sie gehören zu denen, deren Privatleben mit zweifelhaften Methoden ausgespäht wurde. Wollen Sie dagegen rechtlich vorgehen?

Was bisher bekannt ist, reicht für eine erfolgreiche Klage wohl nicht aus. Aber ich war schon überrascht, als ich gelesen habe, auf welche Ideen einzelne Medien kommen und was heute möglich ist. Es stellt sich nach all den Spitzeleien in den Wirtschaftsunternehmen die Frage, ob es nicht notwendig ist, bei den Abgeordneten des Bundestages nicht nur zu untersuchen, ob sie früher eine Spitzeltätigkeit im Osten hatten, sondern auch, ob sie in den letzten Jahren eine Spitzeltätigkeit in der Wirtschaft oder im Auftrag der Medien hatten. Mir ist jede Spitzeltätigkeit grundsätzlich zuwider.

Gespräch: Peter Heimann

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Sturm der Akropolis

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Michael Schlecht und ALexander Ulrich, der Chefvolkswirt und der Obmann der Fraktion DIE LINKE. im Europaausschuss des Bundestages, erläutern tatsächliche Ursachen und Wege aus der Krise Griechenlands sowie der gesamten Eurozone und gehen der Frage nach, welche Verantwortung Deutschland an der aktuellen Situation der gesamten Eurozone trägt.

Alle reden über einen Staatsbankrott Griechenlands. 70 Prozent der deutschen Bevölkerung sind gegen Hilfen für Athen. DIE LINKE nicht, warum?

Alexander Ulrich: Ich verstehe die Bevölkerung. Die Beschäftigten sind wegen der Steuerpolitik der Bundesregierung die Deppen der Nation. Sie sollen für Spekulanten, für griechisches Steuerdumping und die deutschen Billiglöhne zahlen. Das ist ungerecht. Aber es geht nicht nur um Griechenland. Weitere EU-Staaten werden von Spekulanten attackiert, beispielsweise Spanien. Deutsche Banken halten Staatsanleihen gefährdeter EU-Staaten im Wert von 500 Milliarden Euro. Wenn wir Griechenland nicht helfen, kommt die nächste Wirtschaftskrise nach Europa. Die EU hat Banken Beihilfen von 3,6 Billionen Euro gewährt, aber Griechenland soll auf seinen Schulden von 300 Milliarden Euro sitzen bleiben.

Welche Rolle spielen die Spekulanten?

Alexander Ulrich: Spekulanten haben die Zinsen für griechische Staatsanleihen nach oben getrieben. Dadurch werden Kredite für Griechenland teurer. Banken und Hedge-Fonds spekulieren etwa mit Credit Default Swaps (CDS). Dabei versichern sie sich gegen einen Staatsbankrott Griechenlands, obwohl sie gar keine griechischen Staatsanleihen besitzen. Je mehr Probleme die Spekulanten den Griechen bereiten, desto wertvoller werden diese Papiere. Die Banken verdienen also auch noch an den Schulden, die Staaten wegen ihnen machen. Der Handel mit CDS gehört daher verboten.

Und was haben Griechenlands Probleme mit den deutschen Löhnen zu tun?

Michael Schlecht: Die deutschen Löhne sind zu niedrig. Unsere EU-Partner kaufen daher immer mehr Waren und Dienstleistungen bei uns als umgekehrt. Hatte ein Land früher Wettbewerbsnachteile gegenüber Deutschland, konnte es die eigene Währung abwerten. Das geht mit dem Euro nicht mehr. Die privaten Haushalte und Unternehmen im Ausland müssen sich daher immer stärker verschulden, um die Importe zu finanzieren. In der Krise haftet der Staat für diese Schulden. Denn die Steuereinnahmen brechen ein, die Kredite der Banken werden faul und die Regierungen müssen mehr für die Konjunktur tun, weil den privaten Haushalten und Unternehmen das Wasser bis zum Hals steht.

Lässt sich das belegen?

Michael Schlecht: Ja. Ein wichtiger Faktor für die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes sind die Lohnstückkosten. Damit bezeichnen Ökonomen die Löhne im Verhältnis zur Produktivität. In der Eurozone ohne Deutschland sind die Lohnstückkosten seit 1999 um 27 Prozent gestiegen, in Griechenland um 26 Prozent – aber in Deutschland nur um acht Prozent. Wir, nicht die Griechen, haben die Spielregeln der Eurozone verletzt. Und wegen der Billiglöhne kommt unsere Wirtschaft nicht vom Fleck, weil die Menschen kein Geld in der Tasche haben.

Aber hat Griechenland nicht auch über seine Verhältnisse gelebt? Der Staat ist hoch verschuldet.

Michael Schlecht: Nein, Griechenland hat ein Problem bei den Steuereinnahmen. Die effektiven Steuersätze auf Gewinne und Vermögen liegen nur halb so hoch wie im Durchschnitt der Eurozone. Jährlich werden 30 Milliarden Euro an Steuern hinterzogen. Die Staatsausgaben sind aber im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung seit 2000 kontinuierlich gesunken und waren immer niedriger als in Deutschland. Erst mit der Finanzkrise hat sich das geändert, weil die Wirtschaft einbrach. Griechenland ist also verschuldet, weil es gemacht hat, was die EU immer fordert: teuern runter und sparen, bis es kracht.

Aber die Griechen haben doch falsche Daten über ihre Schulden an die EU übermittelt, damit sie auch den Euro einführen dürfen?

Alexander Ulrich: Die Investmentbank Goldman Sachs hat Griechenland dabei kräftig geholfen. Die Aufregung der Bundesregierung ist aber gespielt. Erstens: Die Geschäfte von Goldman Sachs waren der EU bekannt und bis 2007 sogar legal. Eurostat hat seit 2004 gegen die Daten aus Athen protestiert. Die Bundesregierung hat das aber nicht interessiert. Zweitens: Der Vorsitzende der Expertengruppe der Bundesregierung zur Regulierung der Finanzmärkte und ehemalige Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank, Ottmar Issing, ist internationaler Berater von Goldman Sachs. Drittens: Der Deutschlandchef von Goldman Sachs, Alexander Dibelius, ist einer der wichtigsten Wirtschaftsberater von Kanzlerin Merkel. Die Herren sind in Brüssel und Berlin also keine Unbekannten.

Was fordert DIE LINKE, um die Probleme in der Eurozone zu lösen?

Michael Schlecht: Wir wollen Euro-Anleihen für Griechenland, damit Athen von der Bonität der Eurozone profitiert und billigere Kredite bekommt. Wir brauchen zudem eine Mindestbesteuerung von Unternehmen und hohen Einkommen in Europa, um Steuerdumping zu beenden. Ein Pakt für ein außenwirtschaftliches Gleichgewicht zwischen den EU-Staaten muss her. Dann wäre die Bundesregierung gezwungen, die hohen Exportüberschüsse Deutschlands zu verringern. Zum Beispiel durch das von der LINKEN geforderte Zukunftsprogramm in Höhe von 100 Milliarden Euro jährlich, das unmittelbar wie ein drittes Konjunkturprogramm wirkt. Außerdem brauchen wir den gesetzlichen Mindestlohn von 10 Euro und eine Anhebung von Hartz IV auf 500 Euro. Die EZB sollte auch griechische Staatsanleihen direkt kaufen und so die Macht der Spekulanten und Ratingagenturen brechen. Das ist ein Vorschlag des Wirtschaftsnobelpreisträgers Stiglitz.

Alexander Ulrich: Die europäischen Verträge müssen dafür geändert werden. Deswegen war DIE LINKE immer gegen den Vertrag von Lissabon. Aber in diesem Jahr müssen ohnehin die Regeln für die Wahlen zum Europäischen Parlament angepasst und muss über die Aufnahme von EU-Beitrittsverhandlungen mit Island entschieden werden. Es wäre also kein Problem, etwas zu tun. Es geht darum, Lohn- und Sozialabbau in Griechenland zu verhindern. Das wird uns sonst eine zweite Wirtschaftskrise bescheren.

linksfraktion.de, 11. März 2010

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Klaus Ernst: Wie die Medien in der LINKEN Strippen ziehen

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http://www.nachdenkseiten.de/wp-print.php?p=4577

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Leistung muss sich wieder lohnen

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Der Vize-Kanzler und Chef der Mövenpick-Mafia, Guido Westerwelle, hetzt das Land auf. Er meint Hartz-IV Empfänger seinen dekadent wie das alte Rom.

Wen meint Westerwelle? Die 2,5 Millionen Kinder in Armut? Die 42 Prozent der alleinerziehenden Mütter und Väter? Die 1,4 Millionen Beschäftigten, die Arbeitslosengeld bekommen, obwohl sie morgens aufstehen und arbeiten (Aufstocker)?

Westerwelle meint: “Wer arbeitet, muss mehr haben als derjenige, der nicht arbeitet”. Recht hat er. Deswegen sollte Westerwelle sofort zurücktreten. Denn seine Regierungen sowie die Regierung Schröder-Fischer sind schuld, dass sich Leistung nicht mehr lohnt:

25 Prozent der Beschäftigten arbeiten für dekadente Billiglöhne. Damit hat Deutschlands Niedriglohnsektor die USA eingeholt.

Die Steuerzahler bezahlen 10 Milliarden Euro jährlich für Aufstocker, weil skrupellose Unternehmer Menschen mit kriminellen Löhnen ausbeuten. Aber für Westerwelle sind nur Diebe Leistungsträger. Jene die ihren Reichtum mit der Ausbeutung der Beschäftigten machen und auf Schweizer Konten parken.

Westerwelle weiter.  „Ich finde es (…) skandalös, dass eine Kellnerin, wenn sie zwei Kinder hat und wenn sie verheiratet ist, im Schnitt 109 Euro weniger zur Verfügung hat, als wenn sie (…) Hartz IV beziehen würde.“ Recht hat er.

Deswegen fordert DIE LINKE. einen gesetzlichen Mindestlohn von 10 Euro. Dann hat die Kellnerin mehr zum Leben und Sklavenlöhne wie im alten Rom sind endlich verboten. Damit sich Leistung wieder lohnt.

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Unsere Währung, unser Problem

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Ein Gastbeitrag von mir im Neuen Deutschland

Spekulanten entscheiden über Griechenlands Zukunft. Ratingagenturen haben griechische Staatsanleihen herabgestuft. Kredite werden teuer. EU-Staaten dürfen sich nur auf dem privaten Kapitalmarkt finanzieren. Griechenland droht Staatsbankrott.

Tucholsky meinte: Das Volk versteht das meiste falsch, aber es fühlt das meiste richtig!« Einiges lief falsch in Athen. Die Statistiken wurden gefälscht und der Staat besteuert Unternehmen weit unter EU-Durchschnitt. 71 Prozent der deutschen Bevölkerung sind daher gegen Hilfen für Griechenland.

Aber die Sache ist komplizierter: Japan hat trotz der weltweit höchsten Schuldenstandsquote keinen Stress mit Spekulanten. Spanien und Irland müssen Risikoaufschläge auf Staatsanleihen hinnehmen, obwohl sie vor der Wirtschaftskrise solide Staatsfinanzen hatten. Die privaten Haushalte und Unternehmen unserer EU-Nachbarn haben sich aber stark im Ausland verschuldet. Für diese Schulden haftet nun der Staat im Zuge der und fehlender Steuereinnahmen.

Der Gläubiger Nummer 1 ist wie immer Deutschland. Der Exportzombie hat sich sein eigenes Grab geschaufelt. Deutschlands dekadente Billiglöhne sind stärker vom Rest der Eurozone abgewichen als die Lohnentwicklung Griechenlands. Das hat unsere Nachbarn in die Schuldenfalle getrieben. Griechenland verblutet daher wegen eines deutschen Verkehrsrowdys. Die Beschäftigten in Deutschland zahlen also doppelt: Für deutsche Billiglöhne und für griechisches Steuerdumping.

EU-Verträge sehen keine Hilfe für Griechenland vor. Die EU will Athen nun zu Lohnkürzungen und Entlassungen im öffentlichen Dienst zwingen. Es können aber nicht alle (Vize-)Exportweltmeister sein. Der Satz des ehemaligen US-Finanzministers Connally »Es ist unsere Währung, aber euer Problem!« ist daher in einer Währungsunion ohne Sinn: Hedgefonds werden gegen weitere EU-Staaten spekulieren. Deutsche Banken halten zudem Staatsanleihen bedrohter Euro-Staaten im Wert von 500 Milliarden Euro. Wenn Griechenland verblutet, gefährdet dies auch den Aufschwung in Deutschland.

Daher sind jetzt vier Dinge erforderlich, um den Euro zu retten:

Erstens, die EU muss gemeinsame Euro-Anleihen auflegen. Dann sinken die Zinsen für Griechenland. Ähnliche Maßnahmen gab es bereits für Ungarn, Lettland und Rumänien. Sie stützen sich auf Ausnahmen in den EU-Verträgen, nehmen aber bisher Euro-Mitglieder aus. Die EU schickt beim Krisenmanagement bislang den Internationalen Währungsfonds (IWF) vor. Brüssel will die Hände in Unschuld waschen.

Zweitens braucht die EU endlich eine Mindestbesteuerung von Unternehmen. Die EU-Verträge sehen eine Mindestbesteuerung bislang nicht vor.

Drittens muss die EU den »dummen Stabilitäts- und Wachstumspakt« (Romano Prodi) durch einen außenwirtschaftlichen Stabilitätspakt ersetzen. Länder, die chronische Überschüsse oder Defizite im Außenhandel fahren, müssen Strafen zahlen. Starre Regeln für die Staatsverschuldung werden überflüssig. Der Pakt spielt ohnehin keine Rolle mehr, gegen 20 von 27 EU-Staaten laufen Defizitverfahren.

Viertens sollte die Europäische Zentralbank, wie die Federal Reserve in den USA, Staatsanleihen kaufen und Griechenland direkt Kredite gewähren. Die EU-Verträge müssen dafür geändert werden. Damit wird die Macht der privaten Kapitalmärkte gebrochen.

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Der lange Schatten der Krise

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Michael Schlecht, MdB – Chefvolkswirt Fraktion DIE LINKE – Gewerkschaftspolitischer Sprecher im Parteivorstand DIE LINKE

Der lange Schatten der Krise

Die Wirtschaftskrise ist nicht vorbei. Das Ende der Kurzarbeit wird die Arbeitslosigkeit erhöhen. Die Menschen werden weniger im Geldbeutel haben.

Die Kreditklemme spitzt sich zu, weil Banken wieder zocken. Woher sollen Wachstum und Investitionen also kommen?

Die Bundesregierung setzt auf alte Rezepte. Sie will die Exporte ankurbeln. Aber die Welt hat sich aber seit der Wirtschafts- und Finanzkrise dramatisch verändert. Die weltweiten Konjunkturprogramme laufen bald aus. Die USA und einige Länder der Eurozone, z.B.

Griechenland, sind überschuldet. Deutschland hat sie durch seine Billiglöhne in die Knie gezwungen.

Der Chefvolkswirt der Fraktion DIE LINKE, Michael Schlecht, analysiert die wirtschaftliche Situation. Er meint wir werden nur “stärker aus der Krise rauskommen, als wir reingegangen sind” (Bundeskanzlerin Merkel) wenn es der Mehrheit der Bevölkerung besser geht. Wir brauchen Mindestlöhne, ein Zukunftsprogramm für 2 Millionen neue Jobs sowie eine gerechte Steuerpolitik.

Mehr dazu unter

http://dokumente.linksfraktion.net/pdfmdb/7781312503.pdf

Die Charts können separat als Powerpoint-Präsentation hier heruntergeladen

werden:

http://www.michael-schlecht-mdb.de/wp-content/uploads/2010/02/Michael-Schlecht-Der-lange-Schatten-der-Krise.ppt

Dieser Text kann beliebig weiterverbreitet werden.

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LINKE. erkenne Dich

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ND-Gespräch mit OSKAR LAFONTAINE

Gemeinsam mit Gregor Gysi war er vier Jahre lang Vorsitzender der Linksfraktion im Bundestag, gemeinsam mit Lothar Bisky führt er die LINKE seit zweieinhalb Jahren. Wegen einer Erkrankung verzichtete er auf das Fraktionsamt bereits im Oktober, sein Bundestagsmandat legte er im Februar nieder. Für das Parteiamt wird er im Mai nicht erneut kandidieren. Doch als Vorsitzender der Landtagsfraktion im Saarland will er sich gelegentlich auch weiter bundespolitisch einmischen. Mit OSKAR LAFONTAINE sprach JÜRGEN REENTS über den Streit in der LINKEN und ihre Programmdebatte.

ND: Schwarz-Gelb ist im vierten Monat und überall wird schon geklagt. Was sehen Sie auf uns zukommen?

Lafontaine: Merkel und Westerwelle wollen mehr Soldaten nach Afghanistan schicken. Damit wird das Land am Hindukusch nicht befriedet, stattdessen steigt die Gefahr von Terroranschlägen in Deutschland.

Und innenpolitisch?

Die Umverteilung von Unten nach Oben wird fortgesetzt. Die Wohlhabenden werden steuerlich entlastet. Nach der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen werden die vorbereiteten Sozialkürzungen in Angriff genommen. Die schwarz-gelbe Koalition tut alles, damit die Partei der Nichtwähler weiter zunimmt. Der absehbare Wahlbetrug wird die Politikverdrossenheit steigern.

Bedeutet Schwarz-Gelb eine größere soziale Zumutung als zuvor die große Koalition?

Wir beobachten seit Jahren, dass CDU/CSU, FDP, SPD und Grüne die neoliberalen Grundsätze verinnerlicht haben. Alle waren sie für die Agenda 2010, für Hartz IV und den Krieg in Afghanistan. Insofern sind die Unterschiede nicht sehr gravierend.

»Je stärker die LINKE, desto sozialer das Land«, war der Slogan Ihrer Partei zur Bundestagswahl. Nun ist die LINKE deutlich stärker geworden, das Land aber nicht spürbar sozialer – was stimmt da nicht? War die Ankündigung zu simpel?

Wenn die LINKE stärker wird, korrigiert sie die Politik der anderen Parteien. Allerdings, und insofern ist der kritische Einwand berechtigt, in unzureichender Weise. Aufgrund des Drucks der LINKEN wird das Schonvermögen bei Hartz IV angehoben. Aufgrund des Drucks der LINKEN löst sich die SPD wie schon vorher die Grünen langsam von der Agenda 2010 und den schlimmsten Fehlern von Hartz IV. Aufgrund des Drucks der LINKEN suchen jetzt auch die anderen Parteien eine Exit-Strategie für Afghanistan. In ihrer Schwäche kopieren sie dabei jedoch nur die Politik von Obama und schicken zur Gesichtswahrung mehr Soldaten in einen aussichtslosen Krieg, um angeblich dann in einem Jahr mit dem Abzug zu beginnen.

Nicht nur über die Arbeit einer Regierung, auch über die der Opposition kann man nach hundert Tagen Bilanz ziehen. Wie sieht die aus?

Die SPD als stärkste Oppositionspartei weiß noch nicht, was sie will. In Nordrhein-Westfalen gibt es ein Hü und Hott, Parteichef Gabriel setzt die lächerliche Strategie der Ausgrenzung der LINKEN fort und gefährdet damit einen Regierungswechsel im größten Bundesland. Steinmeier sieht das erstaunlicherweise anders. Die SPD hat sich bisher noch nicht wirklich von der Agenda 2010 und Hartz IV verabschiedet. Die Grünen sind auf dem Abmarsch ins bürgerliche Lager. In Nordrhein-Westfalen suchen sie erkennbar eine Koalition mit der CDU. Jede Stimme für die Grünen wird dort eine Stimme für eine schwarz-grüne Koalition sein.

Nur wenn die Grünen schwach bleiben und die LINKE in den nordrhein-westfälischen Landtag kommt, ergibt sich die Möglichkeit eines wirklichen Regierungswechsels in Nordrhein-Westfalen. Die LINKE hat nach ihrem großen Wahlerfolg noch keinen Tritt gefasst. Aufgrund von Personalquerelen wurde die eigentliche Aufgabe, an unsere politischen Ziele anzuknüpfen und nach der Bundestagswahl weiter für sie zu werben, vernachlässigt.

Zu »Personalquerelen« haben Sie bislang immer nur auf Gregor Gysi und Klaus Ernst verwiesen, die hätten das Nötige gesagt. Direkt gefragt: Werfen Sie Dietmar Bartsch vor, dass er Ihnen gegenüber illoyal war?

Der Ausgangspunkt – darauf haben die Landesvorsitzenden hingewiesen, die eine Änderung der Bundesgeschäftsführung verlangten – war, dass eine Partei, die erfolgreich sein will, sich an Regeln halten muss.

Regel Nr. 1: Der Bundesgeschäftsführer muss Landesverbände, die schwierige Wahlen vor sich haben, unterstützen. Dietmar Bartsch teilte jedoch der »Bild« mit, er sei gegen eine Regierungsbeteiligung der LINKEN in Nordrhein-Westfalen, weil den Genossen dort der Pragmatismus fehle. Und im »Spiegel« erklärte er, einige Ideen der NRW-Linken seien außerhalb der Welt. Das ist mit den Aufgaben des Bundesgeschäftsführers unvereinbar.

Regel Nr. 2: Der Bundesgeschäftsführer darf nicht Stichwortgeber für den gegen die LINKEN gerichteten Kampagnenjournalismus sein. Er soll vor allem keine Interna aus der engsten Führung ausplaudern. Hierzu hat Dietmar Bartsch in der letzten Parteivorstandssitzung Fehler eingeräumt.

Und Regel Nr. 3: Der Bundesgeschäftsführer darf einem Parteivorsitzenden nicht in den Rücken fallen. Im November warf mir der »Spiegel« Wählertäuschung vor, weil ich den Vorsitz der Bundestagsfraktion abgegeben hatte. Um weiteren Vorwürfen und Verdächtigungen vorzubeugen, war ich gezwungen, meine Krebserkrankung öffentlich zu machen. Am selben Tag schloss Dietmar Bartsch in der »Ostseezeitung« einen Zusammenhang zwischen meinem Verzicht auf den Fraktionsvorsitz und meiner Krebserkrankung aus. Wie die Medien mittlerweile korrekt berichteten, habe ich dieses Verhalten in der letzten Parteivorstandssitzung als niederträchtig bezeichnet. Es gab auch keinen Widerspruch. Nach diesen Klarstellungen sollten wir die Debatte beenden.

Anfang Oktober waren alle überrascht, als Sie zunächst ankündigten, nicht mehr für den Fraktionsvorsitz kandidieren, sondern sich auf den Parteivorsitz konzentrieren zu wollen. Ahnten Sie damals schon, dass Ihre gesundheitliche Situation Ihnen auch eine erneute Kandidatur für den Parteivorsitz nicht erlauben würde?

Ich hatte im letzten Jahr mehrere gesundheitliche Attacken zu überwinden, die ich mittlerweile, auch aufgrund der Diskussion, öffentlich gemacht habe – Herzprobleme, eine Bronchitis, dann der Prostata-Krebs. Das musste ich verarbeiten und brauchte Zeit, endgültig zu entscheiden, welche Belastungen ich in Zukunft auf mich nehmen kann. Der Verzicht auf den Fraktionsvorsitz war der Anfang.

Da Sie den Rückzug vom Fraktionsvorsitz damals nicht mit Ihrer Erkrankung begründet haben, konnte das niemand wissen.

Ich rede nicht gerne über Krankheiten in der Öffentlichkeit.

Sahen Sie Ihren damaligen Vorschlag einer Doppelspitze sowohl für den Fraktions- wie den Parteivorsitz als eine Notlösung in dieser Situation?

Ich habe damit Diskussionen aus der Partei aufgegriffen. Es gab insbesondere von den Frauen immer wieder den Vorschlag, auch eine Frau an die Spitze von Partei und Fraktion zu wählen. Gerade in den östlichen Landesverbänden gab es Bedenken, dass der Parteivorsitz allein von mir wahrgenommen werden sollte.

Wie es jetzt aussieht, reicht für die Fraktion ein Vorsitzender. Der Partei werden demgegenüber nicht nur zwei Vorsitzende, sondern auch zwei Geschäftsführer und zwei Beauftragte für den Parteiaufbau vorgeschlagen. Das sind reichlich wackelige Verhältnisse.

Ich war an diesem Kompromiss, der unter der Moderation von Gregor Gysi mit den Landesvorsitzenden ausgehandelt wurde, nicht beteiligt. Ich halte ihn aber für vertretbar und werbe dafür, dass er eine Mehrheit findet.

Hätten Sie Gregor Gysi gerne an der Parteispitze gesehen?

Wir beide halten es für richtig, die Führungsaufgaben der LINKEN auf mehrere Schultern zu verteilen.

Sie haben nach Ihrer Operation lange überlegt, ob Sie sich den Parteivorsitz weiter zumuten können. Das wurde überall in der Partei verstanden und respektiert. Weniger verstanden wurde jedoch, dass Sie sich zu den Streitereien, die die LINKE so durchgeschüttelt haben, auch nicht zu Wort meldeten. Können Sie nachvollziehen, dass das vermisst wurde?

Ich kann das nachvollziehen. Aber ich glaube, dass man jemandem, der mit einer schweren Krankheit konfrontiert ist, zubilligen muss, dass er zunächst einmal mit dieser Krankheit klarkommen möchte. Wir haben einen Parteivorstand. Ich hielt es für möglich, dass die Angelegenheit ohne öffentliche Äußerung von mir geregelt werden könnte. Und das geschah ja auch.

Wie würden Sie den jetzigen Zustand der LINKEN beschreiben?

Er ist sicher nicht der bestmögliche. Wir müssen lernen, uns an Regeln zu halten. Ergänzend zu den schon genannten gehört dazu, dass ein Vorstandsbeschluss von allen Beteiligten beachtet wird, nach dem Kritik an der Partei und einzelnen Personen in den dafür zuständigen Gremien geübt werden sollte. Sachdebatten können plural und demokratisch öffentlich geführt werden. Wer aber in Interviews die LINKE schlecht macht und ihr Führungspersonal kritisiert, opfert die Interessen der Partei seiner eigenen Eitelkeit.

Hat der faktisch erzwungene Verzicht von Dietmar Bartsch auf das Amt des Bundesgeschäftsführers die missliche Situation, auch die Suche nach einem überzeugenden Personaltableau, zusätzlich erschwert?

Ja, denn der Wechsel in der Bundesgeschäftsführung ist für jede Partei eine besondere Herausforderung. Aber wenn ein Bundesgeschäftsführer Fehler macht, sind nicht andere dafür verantwortlich.

Steckt aus Ihrer Sicht ein anderer Kern hinter dem, was Sie Personalquerelen nennen? Ist es ein Ost-West-Konflikt? Sind es Flügelkämpfe? Geht es um unterschiedliche Vorstellungen für Regierungsoptionen?

Es ist von allem etwas. Dennoch gibt es keine wirklich tiefgreifenden Konflikte in der Partei über unsere politischen Inhalte und die einzuschlagende Strategie. Die Politik der LINKEN wird von den Wählerinnen und Wählern beurteilt, und die bisherige Strategie wurde bei der Bundestagswahl bestätigt. Wir waren die einzige Partei, die auch in ihrer Plakatwerbung auf politische Inhalte gesetzt hat. Wir haben für eine armutsfeste Rente geworben und für eine Arbeitslosenversicherung, die diesen Namen verdient. Wir haben für eine Außenpolitik, die das Völkerrecht beachtet, für den Mindestlohn und in vielen Ländern für eine gebührenfreie Bildung geworben. Das sind nur einige wichtige Beispiele. Wenn wir diesen Weg fortsetzen, wird die LINKE weiter an Zustimmung gewinnen.

In ihrer Neujahrsansprache am 19. Januar in Saarbrücken haben Sie länger über Auseinandersetzungen um die Frage der Regierungsbeteiligung gesprochen. Sie wandten sich dort gegen Behauptungen, dass eine Partei nur durch eine Regierungsbeteiligung Politik und Gesellschaft verändern könne. Wer vertritt das in der LINKEN?

Das richtete sich nicht in erster Linie gegen die eigene Partei, sondern gegen den Kampagnenjournalismus, der allerdings teilweise auch Stichwortgeber aus den eigenen Reihen hat. Dieser Kampagnenjournalismus hat in letzter Zeit versucht, die Erfolge der LINKEN mit dem Hinweis kleinzureden, wir seien ja nicht an einer Bundesregierung oder in einzelnen Bundesländern nicht an der Regierung beteiligt. Deshalb habe ich gesagt, dass Regierung auch Mist sein kann, was die SPD dramatisch erfahren hat.

Wen meinen Sie mit dem Kampagnenjournalismus, sehen Sie ihn quer durch die Medienlandschaft?

Das ist flächendeckend, wenn man von einigen Ausnahmen absieht. Die Masche ist, die LINKE in Chaoten, Spinner und Fundamentalisten einerseits und Realos und Pragmatiker andererseits zu spalten und zu behaupten, die politischen Inhalte, die eine große Mehrheit der Wählerinnen und Wähler für richtig hält und die unsere Wahlerfolge begründen, seien nicht vertretbarer Fundamentalismus oder Populismus.

Den Vorwurf, Sie würden die LINKE in eine Regierungsverweigerung treiben, haben Sie immer mit einem Hinweis auf Ihre langjährigen Regierungszeiten gekontert. Umgekehrt gefragt: Was macht die von Ihnen zum Teil kritisierten Koalitionen in Berlin und Brandenburg für Sie schwerer erträglich als die von Ihnen geführten Landesregierungen 1985 bis 1998 an der Saar?

Man muss differenzieren. Unsere Debatte um die Regierungsbeteiligung in Berlin führte beispielsweise zum Ergebnis, dass die Sparkasse nicht privatisiert wurde. Darauf sind wir alle stolz. Sie führte auch zum Ergebnis, dass das Land Berlin dem Lissabon-Vertrag im Bundesrat nicht zugestimmt hat, weil dort Militarisierung, Sozialabbau und ein Verbot der Regulierung der Finanzmärkte festgeschrieben sind. Auch darauf kann die LINKE stolz sein.

Die Regierungsbeteiligung in Brandenburg war im Grundsatz ebenfalls nicht umstritten. Ich gehöre allerdings zu denen, die sagen, der vereinbarte Arbeitsplatzabbau ist angesichts der Tatsache, dass wir heute in Deutschland im öffentlichen Dienst weniger Arbeitsplätze haben als noch in der alten Westrepublik, nicht vertretbar. Es ist nicht Aufgabe des Staates, die Arbeitslosigkeit noch zusätzlich zu vergrößern.

Und im Saarland waren damals Kompromisse mit Koalitionspartnern deshalb nicht nötig, weil wir die absolute Mehrheit hatten.

In Ihrer erwähnten Neujahrsansprache heißt es zu Brandenburg: »Ich hätte den Koalitionsvertrag so nicht unterschrieben«, was ja meint, die LINKE dort habe sich zu billig verkauft.

Schauen wir doch mal auf andere Parteien. Die FDP hätte, um mit Merkel eine Regierung zu bilden, keine Steuererhöhung akzeptiert, obwohl sie nach unserer Auffassung unvermeidbar ist. Sie behauptet im Gegensatz dazu, auch dann die Notwendigkeit von Steuersenkungen, wenn die ganze Welt darüber den Kopf schüttelt. Soweit muss die LINKE ja nicht gehen. Aber sie kann durchaus den Mut haben, Haltelinien oder Grundbedingungen für eine Regierungsbeteiligung zu formulieren, auf die wir uns auch verständigt haben: keine weitere Sozialkürzung, keine weitere Privatisierung, kein weiterer Arbeitsplatzabbau.

Das war auch die Bedingung für die Gespräche hier an der Saar. In der Stadt Saarbrücken, wo wir eine rot-rot-grüne Zusammenarbeit vereinbart haben, steht dies im Koalitionsvertrag. Auf Landesebene ist der Koalitionsvertrag nicht zustande gekommen, weil die Grünen von einem der FDP angehörenden Unternehmer gekauft waren.

Max Weber hat einmal gesagt, einen Staatsmann erkenne man daran, dass man zwar nicht wisse, was er in Zukunft machen wird, aber dass man immer wisse, was er in keinem Fall machen wird. Und ich möchte, dass man die LINKE an dem erkennt, was sie in keinem Fall machen wird. Dazu gehören Arbeitsplatzabbau im öffentlichen Dienst, Privatisierung von Bereichen der öffentlichen Daseinsvorsorge und weitere soziale Kürzungen.

Sind Ihre Ansprüche an Regierungsbeteiligungen heute größer als zu der Zeit, als Sie selbst regierten? Als Ministerpräsident im Saarland haben Sie z. B. einen Streit in der SPD und mit den Gewerkschaften vom Zaun gebrochen, weil Sie für eine Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich eingetreten sind, Sie haben sich mit Bürgerrechtsgruppen wegen Ihrer Zustimmung zum sogenannten »Asylkompromiss« konfrontiert.

Arbeitszeitverkürzung ohne vollen Lohnausgleich, gestaffelt nach Einkommen, um Arbeitsplatzabbau zu vermeiden, gab es in den letzten Jahren in Berlin mit Zustimmung von ver.di. Diese Politik halte ich auch heute noch für richtig. Der umstrittene Asylkompromiss wurde zu einer Zeit gefunden, in der im Jahr mehrere hunderttausend Aussiedler und mehrere hunderttausend Asylbewerber zu uns kamen. Es wurden Häuser angezündet, in denen diese Menschen wohnten. Heute sähe der Kompromiss sicherlich anders aus.

Im Übrigen gibt es ein anderes Kriterium für Regierungsbeteiligungen. Es sollte nicht sein, dass man nach einer Regierungsbeteiligung kräftige Wahlverluste in Kauf nehmen muss, weil die Wählerinnen und Wähler mit der Arbeit in der Regierung nicht zufrieden sind.

Gehört Ihre zu Brandenburg kritisch hervorgehobene Forderung, konsequent Arbeitsplatzabbau zu verhindern, zu den noch offenen Programmfragen der LINKEN?

Nein, die ist geklärt. Wir haben in mehreren Programmdokumenten festgestellt, dass ein weiterer Arbeitsplatzabbau im öffentlichen Dienst nicht vertretbar ist.

Was muss die LINKE denn programmatisch klären? Sie haben gesagt, dass der Begriff programmatische Eckpunkte den Eindruck des Unfertigen erwecke. Ist die LINKE programmatisch im Grunde doch fertig?

Es gibt immer programmatischen Klärungsbedarf, aber der Vorwurf des Kampagnenjournalismus, die LINKE habe kein Programm, trifft nicht zu. Wir haben, obwohl wir erst zweieinhalb Jahre alt sind, den Gründungsaufruf, die programmatischen Eckpunkte, das Europawahlprogramm und das Bundestagswahlprogramm. Was wir noch nicht beschlossen haben, ist ein Grundsatzprogramm. Daran arbeiten wir und die bisherigen Entwürfe zeigen, dass es in allen wichtigen Fragen eine große Übereinstimmung gibt. Leider versäumen diejenigen, die von notwendiger programmatischer Klärung sprechen, es zumeist, konkret zu sagen, was wo zu klären ist.

In den programmatischen Eckpunkten sind am Schluss noch zu klärende Fragen genannt, die man als wichtig ansehen kann. Zum Beispiel die Frage, inwieweit zum Erreichen der politischen Ziele der LINKEN kapitalistische Eigentumsverhältnisse aufgehoben werden müssen. Auch die Frage, wie mit Konflikten umzugehen sei, mit denen man beim Erhalt und Ausbau öffentlichen Eigentums konfrontiert ist.

In der Eigentumsfrage haben wir uns nach den Privatisierungen in Berlin und Dresden darauf verständigt, dass die öffentliche Daseinsvorsorge in öffentlichem Eigentum bleiben muss. Dazu gehört auch der Energiesektor. Wir sind für eine Rekommunalisierung der Energieversorgung. Wir sind ebenso dafür, nach den Erfahrungen der Finanzmarktkrise den Bankensektor zu vergesellschaften, um zukünftig die Veruntreuung von Hunderten von Milliarden zu verhindern. Ferner werben wir dafür, das Eigentum in den großen Produktionsbetrieben und die Verfügung darüber denen zu geben, die es erarbeitet haben. Das heißt, wir brauchen dort Belegschaftsbeteiligungen. Auch dieser Ansatz ist nicht umstritten.

Als Sie 2005 nach 39 Jahren Mitgliedschaft aus der SPD austraten, haben Sie gesagt, nicht Sie hätten sich vom sozialdemokratischen Programm verabschiedet, sondern die SPD-Führung habe dem eigenen Programm den Rücken gekehrt. Würden Sie das heute auch noch so formulieren?

Krieg, Hartz IV und Agenda 2010 waren mit dem SPD-Programm unvereinbar. Auch die Aufgabe, die Gesellschaft zu demokratisieren und damit zu einer Neuverteilung des Eigentums, insbesondere des Eigentums in den Betrieben zu kommen, ist in den Programmdokumenten der Sozialdemokraten und Sozialisten formuliert.

Selbst die FDP wollte in ihrem Freiburger Programm den Zuwachs des Betriebsvermögens den Belegschaften geben. Die CDU wollte bekanntlich nach dem Krieg große Betriebe verstaatlichen. Diese Einsichten, die auch ein Ergebnis des Nachdenkens über die Ursachen des Faschismus waren, sind weitgehend verloren gegangen. Die LINKE hat sie wieder auf die Tagesordnung gesetzt.

Eine wirklich demokratische Gesellschaft ist nur dann möglich, wenn es eine gerechtere Vermögens- und Eigentumsverteilung gibt, weil Eigentum Macht bedeutet. Links sein heißt deswegen für mich, das Eigentum und die Verfügung darüber denen zu geben, die es erarbeitet haben. Für die LINKE gilt: Eigentum entsteht durch Arbeit.

Heißt links sein für Sie dann nicht mehr, dass eine Rückbesinnung auf das Berliner Programm der SPD, das unter Ihrer Leitung in der Programmkommission erarbeitet und 1989 verabschiedet wurde, wie auch auf das Regierungsprogramm der SPD von 1998, ausreichend sind?

Die LINKE ist weiter. Ich werbe dafür, dass wir in unserem Grundsatzprogramm das aufschreiben, wodurch wir uns von anderen Parteien unterscheiden. Im Berliner Programm der SPD und in ihrem neuen Grundsatzprogramm steht vieles nicht drin, worauf wir uns in den letzten Jahren verständigt haben.

Wir wollen keine käufliche Politik: Es dürfen keine Spenden von größeren Wirtschaftsunternehmen und Wirtschaftsverbänden an Mandatsträger und Parteien gegeben werden. Mandatsträger dürfen nicht auf der Lohnliste von Unternehmen und Wirtschaftsverbänden stehen. Bei Richtungsentscheidungen muss ein Mitgliederentscheid in der Partei möglich sein. Das parlamentarische System muss durch Volksentscheide und durch den politischen Streik ergänzt werden. Wir brauchen einen Rechtsstaat, bei dem wirklich alle vor dem Gesetz gleich sind.

Die Bundestagsfraktion hat jetzt einen Gesetzentwurf eingebracht, dass bei Bagatelldelikten nicht mehr gekündigt werden darf. Die Menschen verstehen nicht, dass Banker, die Milliarden veruntreuen, einen goldenen Fallschirm aufgespannt bekommen, während Arbeitnehmer, die übrig gebliebene Brötchen essen oder Maultaschen entwenden, mit dem Verlust ihres Arbeitsplatzes bestraft werden.

Und vor allem: Krieg ist kein Mittel der Politik. An imperialistischen Kriegen zur Sicherung von Rohstoff- und Absatzmärkten darf sich Deutschland nicht beteiligen. Das sind Alleinstellungsmerkmale der LINKEN, die sich in den Programmen der anderen Parteien nicht finden.

Vertreten Sie heute radikalere Ansichten als zu jener Zeit, da Sie SPD-Vorsitzender waren, hat die Erfahrung mit der LINKEN Ihre politischen Auffassungen verändert?

Ja. Ich habe mich ein Leben lang und vor allem in den letzten Jahren mit der Politik der Parteien der Arbeiterbewegung, ihren Fehlern und ihren Erfolgen auseinandergesetzt und immer wieder versucht, zu den Wurzeln, das heißt für mich radikal, zurückzukehren. Dazu gehören die Maximen Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs »Nieder mit dem Krieg« und »Ohne Sozialismus keine Demokratie«. Übersetzt heißt das, ohne eine Wirtschaftsordnung, die das Eigentum und die Verfügung darüber denen gibt, die es erarbeitet haben und ohne eine breite Streuung des Eigentums und des Vermögens gibt es keine demokratische Gesellschaft.

Aus dem gewöhnlichen Strom herausragende Politiker werden häufig nicht nur sehr geschätzt. Sie müssen sich auch viel gefallen lassen, vom politischen Gegner, von Medien, in der eigenen Partei. Ist die Öffentlichkeit zu rücksichtslos, nehmen wir den Menschen hinter dem Amt zu wenig wahr?

Ja. Aber in der Mediengesellschaft ist das wohl nicht zu ändern. Und zum gewöhnlichem Strom – ein chinesisches Sprichwort sagt: »Nur tote Fische schwimmen immer mit dem Strom.«

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Steuermafia

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Deutschland streitet über das copyright auf eine CD. Dabei gerät in Vergessenheit, dass bei Steuerflucht nicht selten schmutziges Geld gewaschen wird. Das Geld jener feinen Damen und Herren, die es auf dem Rücken der Billigjobber verdienen. Das hält sie nicht davon ab, bei der nächsten Gelegenheit haltet den Dieb zu rufen, wenn eine alleinerziehende Mutter de Ferienjob des Kindes beim Finanzamt verschweigt.

Steuerbetrüger sind Diebe. Während der Kassierin Emily wegen eines Pfand-Bons gekündigt wird, ruinieren Steuerdiebe straflos unsere Schulen, Bahnen und Krankenhäuser.  Das Bankgeheimnis soll vor der Neugier des Nachbarn schützen, nicht vor den berechtigten Interessen der Allgemeinheit. Die Interessen der Bevölkerungsmehrheit wiegen daher schwerer als der Schutz von Kriminellen.

Der eigentliche Skandal ist der lasche Steuervollzug. Staaten die beim Bankdatenaustausch nicht kooperieren müssen mit Sanktionen belegt werden.  Bund und Ländern entgehen Milliarden, weil die Steuerfahndung ausblutet oder systematisch behindert wird. Erinnert sei an Hessen, wo Mitarbeitern der Steuerbehörden psychische Erkrankung unterstellt wurde, damit sie den Jet Set nicht weiter belästigen.

Aber gegen die mutigen Worte des italienischen Mafia-Staatsanwalts Scarpinato ist die Debatte um die Steuer-CD ein putziger Streit. Scarpinato sagt der moderne Kapitalismus ist kriminell.

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