Guido Westerwelle und das Ei von Rostock

Gestern gegen 17.29 Uhr warf auf dem Neuen Markt in Rostock ein bisher unbekannter Mann mit einem rohen Ei auf Guido Westerwelle. Er traf den FDP-Vorsitzenden damit am Hinterkopf. Der Politiker war mit dem “Freiheitstruck” seiner Partei unterwegs und machte in der Hansestadt Station, um eine Wahlkundgebung durchzuführen.

Westerwelle wurde durch den Eierwurf nicht verletzt, er konnte seine Rede ohne große Unterbrechung fortsetzen. Anschließend wurde nach FDP-Angaben auch der Wahl-Truck von mehreren unbekannten “vermutlich linken Chaoten” mit Farbbeuteln beworfen. Die sofort eingeleiteten Suchmaßnahmen nach dem Tatverdächtigen durch die örtliche Polizei verliefen bisher ergebnislos.

Nachdem sich die FDP von dem Schock des “Attentats” auf ihren Vorsitzenden erholt hatte, setzte sie heute – trotz Feiertag – ihre Medienmaschine in Gang. Als Schuldige wurden “die Linken” und die Polizei in Rostock ausgemacht. Da juckt es mich natürlich als linker Polizeibeamter aus Mecklenburg-Vorpommern gleich dreifach, um etwas dazu zu sagen.

Vorweg aber was Prinzipielles: Eier- oder Farbbeutelwürfe auf Menschen – selbst wenn sie Guido Westerwelle heißen – lehne ich als Mittel der politischen Auseinandersetzung generell ab. Solche Attacken dienen nur dazu, wie sich auch an diesem Beispiel wieder zeigt, jede Kritik an der neoliberalen Politik zu diskretitieren.


FDP-Kundgebung gestern in Rostock: Ist der Eierwerfer unter diesen Leuten zu finden?

Unsere Gesellschaft ist inzwischen auf dem linken Auge blind“, beklagte heute auch prompt der Schweriner FDP-Landtagsabgeordnete Ralf Grabow. Und die FDP legt in einer Pressemitteilung nach: “Es wird Zeit, sich in Deutschland in gleicher Weise mit linker Gewalt auseinander zu setzen, wie das bereits berechtigt mit rechter Gewalt geschieht“. Da ist sie wieder, diese unseelige Gleichsetzung. Mal ganz abgesehen davon, dass gegen die brutalen Überfälle von Neonazis auf politisch Andersdenkende oder die Schwächsten der Gesellschaft noch viel zuwenig getan wird.

Auch die Angriffe der FDP auf die Polizei kann ich so nicht stehen lassen. “Die Rostocker Polizei hielt es offenbar nicht für nötig, eine politische Veranstaltung ausreichend zu schützen“, kritisierte der FDP-Landesvorsitzende Christian Ahrendt heute öffentlich. Beamte hätten die ganze Zeit über bei der Veranstaltung anwesend sein müssen. Hat der Mann eine Ahnung, wie die tagtägliche Belastung für die Polizisten in Mecklenburg-Vorpommern aussieht? Wieviele Überstunden nicht abgefeiert werden können, weil der Dienstbetrieb es einfach nicht zulässt? Ein Spitzenpolitiker wie Guido Westerwelle hat doch sowieso persönliche Body-Guards, die sich in kritischen Situationen vor ihn werfen. Müssen da noch zusätzlich Polizeibeamte, die an anderen Stellen sehr viel notwendiger gebraucht werden, für den Wahlkampf abgezogen werden?

Man kann den Eierwurf von Rostock aber auch von der lustigen Seite sehen. So wie heute das Springer-Blatt “Die Welt”, das linken Positionen bestimmt nicht nahesteht. Da ist zu lesen: “Westerwelle blieb unverletzt, im Gegensatz zum Ei, von dem bislang noch keine Stellungnahme zu bekommen war. Wieso Westerwelle direkt in der Flugbahn des Eies stand, ist ebenfalls nicht geklärt. In der Gegend von Rostock wurden tief fliegende Eier bislang sehr selten beobachtet. Die Polizei schließt aber aus, dass das Ei aus eigener Kraft den Weg zu Westerwelles Hinterkopf gefunden hat. Mehrere Möglichkeiten kommen in Betracht. Erstens könnte das Ei aus einem Vogel gefallen sein, der gerade das Gelände überquerte und durch Westerwelles aufrüttelnde Rede erschreckt wurde. Zweitens könnte es sich um eine Sympathiekundgebung von Westerwelle-Anhängern handeln – darauf deutet die Farbe des Eidotters hin, die dem Gelb der Liberalen entspricht. Drittens könnte man es auch mit dem hinterhältigen Anschlag eines innerparteilichen Gegners zu tun haben, darauf deutet die Absturzstelle des Eies auf Westerwelles Hinterkopf hin. Die Polizei fahndet jedenfalls erst mal nach einem Huhn mit FDP-Parteibuch..”

Also noch viele interessante Ermittlungsansätze für die Rostocker Kollegen.

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