Frühstücksgedanken: Wem nützen die Kurras-Enthüllungen?

Es könnte heute so ein schöner Tag sein. Ich habe dienstfrei, sitze auf meinem Balkon, frühstücke gemütlich in der Sonne und lese die Sonntagszeitungen. Da ist es mit meiner guten Laune plötzlich vorbei. Überall große Geschichten zu den neuesten Enthüllungen aus der Birthler-Behörde zu dem Westberliner Kripo-Mann Karl-Heinz Kurras, der SED-Mitglied gewesen sein soll und 1967 den Westberliner Studenten Benno Ohnesorg erschossen hat.

Ich erinnere mich noch gut an die Bilder im DDR-Fernsehen, als FDJler im Blauhemd auf der Transitstrecke zwischen Westberlin und der BRD Spalier standen, um dem Ermordeten ein letztes Geleit zu geben. Wie haben wir uns damals in der Kaserne in Prora im Politunterricht bei den Fallschirmjägern über den Nazi-Polizisten ereifert, der kaltblütig einen wehrlosen Demonstranten hingerichtet hat. Dazu passte auch ins Bild, dass Kurras nach dem Krieg in der DDR wegen illegalem Waffenbesitz ein paar Jahre im Internierungslager Sachsenhausen eingesperrt war. Ob die MfS-Genossen ihn damals “umgedreht” haben?

Auf jeden Fall machte er nach seiner Entlassung in der Frontstadt Westberlin schnell Karriere im Polizeiapparat. Und nun das? Aber zurück zu meiner Frühstückslektüre. Der ehemalige Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust dreht in der FAZ die ganze Enthüllungsgeschichte noch ein Stück weiter. Er hat nicht nur eine furchtbare “Kumpanei zwischen MfS und Stasi” entdeckt, er vermutet in Kurras auch den “klassischen Agent Provokateur, der Öl ins Feuer gießen” sollte. Ausschließen will ich heute gar nichts mehr, aber die panischen Reaktionen des MfS auf die Tat – laut den Unterlagen der Birthler-Behörde – sprechen deutlich gegen eine solche Vermutung.

In der “Welt am Sonntag” spricht der Autor heute von dem Todesschützen als “Symbol des linken Faschismus“. Und der Tagesspiegel schreibt gleich im ersten Satz seiner Titelstory: “Karl-Heinz Kurras, der Mann, der Benno Ohnesorg erschossen hat, war Kommunist.” Das zeigt die Richtung, in die das Ganze im Vorfeld der Bundestagswahl gedreht werden soll. Dazu passt auch die besondere Hervorhebung – inklusive der Kopie des Parteibuches – der angeblichen SED-Mitgliedschaft von Kurras. In einem Kommentar zu dem Aust-Artikel in der FAZ wird direkt die Verbindung zur LINKEN heute geschlagen: “Ein Lehrstück für alle, die wissen wollen, wie man gezielt den Gegner destabilisiert. Und heute gibt es Leute in der alten BRD, die begeistert mit den Vertretern der alten SED und deren geistigen Nachkommen zusammenarbeiten. Diese Information ist gerade noch zur richtigen Zeit aufgetaucht.”

Tom Strohschneider und Jochen Hoff haben sich in ihren Blogs ausführlich mit diesem Aspekt auseinandergesetzt. Sehr lesenswert.

Einem Gedanken in dem Welt am Sonntag-Artikel möchte ich aber zustimmen: “Der Westberliner Verfassungsschutz besaß offenbar keine Informationen über diese Aktivitäten von Kurras. Es wäre an der Zeit, auch die bei verschiedenen Stellen im Westen vorhandenen Informationen über den ehemaligen Kriminalobermeister öffentlich zugänglich zu machen. Die Westberliner Polizei muss sich fragen lassen, warum Kurras unentdeckt blieb und ob es noch weitere Informanten in ihren Reihen gab. Warum wurden nach der Wiedervereinigung nur Ostberliner und nicht auch Westberliner Polizisten auf eine mögliche Stasimitarbeit überprüft?

Als er “einer der ihren” war, hat die Westberliner Polizeiführung Kurras gedeckt, wo es irgend ging. Obwohl jedem erfahrenen Ermittler eine Menge Widersprüche beim Tathergang auffallen mussten, kam es nie zu einer Mordanklage. Beweise verschwanden, Augenzeugen in Uniform schwiegen. Selbst zu einer Verurteilung wegen Totschlags reichte es angeblich nicht. Und von einer Distanzierung gegenüber dem Todesschützen kann auch keine Rede sein. Im Gegenteil: Kurras machte weiter Karriere im Polizeiapparat. Auch das ist ein Teil der Geschichte, über die heute gesprochen werden sollte.

Aber jetzt gehe ich wieder auf meinen Balkon und genieße zusammen mit Kater Klimaschewski die wärmenden Strahlen der Mittagssonne. Das tut meinen alten Knochen so gut und auf trübe Gedanken habe ich keine Lust mehr.

NACHTRAG: Da die “Bild am Sonntag” nicht zu meiner Frühstückslektüre zählt, habe ich von dem Bekenntnis des Todesschützen zu SED und MfS gegenüber dem Springer-Blatt erst im Nachhinein erfahren. Zumal er in der “Bild” vom Vortag das genaue Gegenteil gesagt hatte. Entweder betätigt sich der Mann jetzt tatsächlich als Agent Provokateur oder er hat durch einen Sturz – wie er gegenüber “Bild am Sonntag” ja ausführte – arge Probleme mit seinem Kopf.

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