Beiträge vom Dezember 2009

Geisterfahrer im U-Boot

28. Dezember 2009

Der streng geheime Strategiewechsel zum Afghanistankrieg

27. Dezember 2009 (13)

Voller Zorn denke ich an die letzte gemeinsame Sitzung der Obleute der Ausschüsse für Verteidigung und Außenpolitik mit den entsprechenden Ministerien kurz vor Weihnachten. Es ging um Afghanistan.

Mit der Afghanistan-Konferenz am 28. Januar in London wollen die direkt und indirekt am Krieg beteiligten Mächte einen Strategiewechsel am Hindukusch einleiten. Aber kein Wechsel zu einer Strategie des Friedens! Vielmehr wollen sie den Krieg gewinnbar machen, koste es, was es wolle. Diesen Strategiewechsel leiten auch die Bundesregierung, der Verteidigungsminister ein. Ihre Methode der „neuen Offenheit“ zielt darauf, dass die bundesdeutsche Bevölkerung die „kriegsähnlichen Zustände“ toleriert und die Bundeswehr in ihrem „zeitlich befristeten Einsatz“ am Hindukusch materiell, logistisch und vor allem ideell unterstützt.

In diesen Strategiewechsel sollen wir Abgeordneten mit einbezogen werden, über Mitwisser sollen wir zu Mittätern werden. Wir sitzen im sogenannten U-Boot, einem abhörsicheren Lagezentrum im Verteidigungsministerium. Alles, was im U-Boot geschieht, ist streng geheim, vom Belag der Brötchen, die morgens gereicht werden, bis zu den Informationen. Bei Strafe ist untersagt, dass aus dem U-Boot etwas nach außen dringt. Doch wir, die Abgeordneten, erfahren auch hier nicht mehr, als wir aus einem einigermaßen fleißigen Studium der internationalen Presse schon wissen, und die Ministerien geben nur das zu, was sie beim besten Willen nicht mehr leugnen können.

Unsere eigentlichen Fragen bleiben nicht nur im Plenum des Deutschen Bundestages, sie bleiben auch im U-Boot unbeantwortet:

Hat Oberst Klein am 4. September 2009 seine Entscheidung zum Bombardement einsam und allein getroffen? Eher unwahrscheinlich ist, dass Klein das größte Bombardement deutscher Truppen seit 1945 ohne Rücksprache einleitet. Nur, mit wem hatte er Kontakt? Mit dem Führungszentrum für Auslandseinsätze in Potsdam? Wenn ja, agieren die Militärs dort ohne Verbindung zum Außenministerium? Oder zum Verteidigungsministerium? Was wird eigentlich in der NATO abgestimmt? Unterstützt wurde Oberst Klein auch von Angehörigen der KSK, des Kommandos Spezialkräfte, das ebenfalls streng geheim irgendwo in Afghanistan operiert. Das stand im Spiegel und kann selbst im U-Boot nicht mehr geleugnet werden.

Jetzt spricht der Bundesverteidigungsminister davon, dass man auch mit „radikalen Taliban“ gegebenenfalls verhandeln müsse. Wurden nicht genau diese – vermuteten – Kräfte am 04. September noch bombardiert? Im recht nebulösen Auftrag der streng geheim agierenden KSK heißt es sinngemäß, die Spezialkräfte sollen gegnerische Kommandozentralen ausschalten und Kämpfer gefangen nehmen. Von gezielten Tötungen ist nicht die Rede. Doch die militärisch und politisch Verantwortlichen, die an den gezielten Tötungen in Kunduz beteiligt waren, sind immer noch im Dienst und stehen nicht als Kriegsverbrecher vor Gericht.

Außenminister Guido Westerwelle dringt jetzt auf die rasche Einrichtung einer Sonderstaatsanwaltschaft für Auslandseinsätze der Bundeswehr. So soll der Krieg in unser Rechtssystem eingebaut und somit legal werden. Für legitim erklärt die Süddeutsche Zeitung den Krieg, wenn sie wie am 19.12.2009 titelt: „Wie viel Töten ist erlaubt?“ Nicht mehr kontrovers soll in der Öffentlichkeit diskutiert werden, ob sich die Bundeswehr an Kriegen beteiligen darf, sondern nur noch, wie viel Töten ihr unter welchen Bedingungen und mit welchen Mitteln erlaubt ist. Hier ist er wieder sichtbar, der Strategiewechsel, den die Bundesregierung betreibt. Sie will die Bevölkerung – und selbstverständlich die Medien – einbeziehen als aktiv Mitdenkende über die Frage: Wenn wir schon Krieg führen – was wir selbstverständlich bedauern und auch nur zeitlich befristet wollen –, was brauchen wir dann, um es richtig und siegreich zu tun?

Mord und Totschlag werden befohlen von Generälen und Ministern, von militärisch und politisch Verantwortlichen. Bundestagsabgeordnete erteilen dazu das Mandat. Von den Jasagern soll keiner sagen, das habe er/sie nicht gewollt und nicht gewusst. Doch selbst diejenigen, die wie unsere Fraktion immer gegen den Krieg gestimmt haben, können sich von ihrer Mitverantwortung nicht frei sprechen. Bislang waren wir nicht stark genug, um die Bevölkerungsmehrheit gegen den Krieg wirksam werden zu lassen als eine Kraft, die diesen Krieg beenden kann.

Dazu möchte ich im Neuen Jahr beitragen, gemeinsam mit Euch und Ihnen. Dafür wünsche ich uns Klugheit, Ausdauer, Selbstvertrauen.

Denk ich an Deutschland in der Nacht …

04. Dezember 2009

4. Dezember 2009 (12)

Die Verantwortung für die umfassende Desinformationspolitik in Sachen Afghanistan

Der Bundestag stimmt über die Verlängerung des Afghanistan-Mandats ab. Die Regierungsmehrheit steht, aber die Kriegsfront bröckelt. Bei allen Parteien, auffällig bei SPD und Grünen. Alle linken Abgeordneten haben gegen den Krieg gestimmt. Ich habe ein gutes Gefühl. Die Arbeit lohnt sich. Nicht dass ich glaube, Linke seien die besseren Menschen, schon gar nicht nur, weil sie links sind. Aber wie schläft jemand, der oder die ja sagt zum Krieg. Was träumt jemand, der sich sagen muss, die Soldaten, die ich geschickt habe, haben das Massaker von Kundus angerichtet. Das Buch von Heike Groos geht durch meine Träume ….

Wie können Sie es wagen?

Heike Groos: Ein schöner Tag zu Sterben. Als Bundswehrärztin in Afghanistan (Frankfurt/M. 2009)

Routinemäßig gab es VIP-Besuche, Gefechtsfeldtourismus nannten wir das, und immer wurde groß aufgefahren und ein roter Teppich ausgerollt ….

Heike Groos, die als Bundeswehrärztin in Afghanistan eingesetzt war, hat dort Krieg erlebt. Sie berichtet darüber, wie deutsche Politikerinnen und Politiker die Lage vor Ort erkunden. Unwissenheit trifft auf Vertuschungsgebot – also: Gefechtsfeldtourismus.

Kein Wunder, dass sie einen falschen Eindruck bekamen. Kein Wunder, dass sie dachten, alles sei unter Kontrolle. Und kein Wunder, dass eines dieser hohen Tiere sich wunderte, als es während seines Besuches einen Raketenangriff auf das Lager gab.

“Wissen sie denn nicht, dass ich heute zu Besuch bin?”, sagte unser prominenter Besucher erstaunt, und wir dachten, er hätte einen Witz gemacht. Aber es lachte niemand … Und auch er lachte nicht, sondern meinte es ernst. “Wie können sie das Lager an einem Tag angreifen, an dem ich hier bin?”, wiederholte er. Aber niemand antwortete.

Der Bundestagsabgeordnete aus einem der alten Bundesländer fragt weiter: Ob wir Frauen denn auch mal in die Stadt gehen dürften. „Shoppen oder so?“ Und wozu denn eigentlich die Bunker im Lager gedacht seien? Ob wir denn vorher wüssten, dass ein Angriff bevorstünde, denn danach würde es ja keinen Sinn machen …

Die Bundeswehrärztin ist fassungslos über so viel Ignoranz, kocht vor Wut und fragt sich:

Wie hatten sie über diesen Einsatz abstimmen können, wenn sie doch gar nichts darüber wussten? Ich hatte mir nie klargemacht, dass auch Bundestagsabgeordnete nur Menschen sind, aber ich hatte mir das Ganze doch irgendwie professioneller vorgestellt.

Sie fasst sich ein Herz und bittet, selbst eine Frage stellen zu dürfen. Sie durfte – und sie fragt:

Meine Frage ist folgende: “Wie können Sie mich hierher schicken? Sie sind es doch, die dafür verantwortlich sind, dass ich hier bin, oder? … Wie können Sie es wagen? Mich, eine Mutter von fünf Kindern, zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres hierher zu schicken? Wie konnten Sie das tun, wo Sie doch offensichtlich nicht den Schimmer einer Ahnung davon haben, was sich hier abspielt.“

Der frühere Verteidigungsminister Jung ist über seine Desinformationspolitik gestürzt.

Aber ich frage mich: Wer alles ist dafür verantwortlich, dass Abgeordnete und die in Afghanistan eingesetzten Militärs, Regierungsmitglieder wie auch die Bevölkerung ganz offensichtlich und umfassend desinformiert sind, nicht wissen, was in Afghanistan passiert, was die Kriegsgründe sind, die Situation der Bundeswehr und die Lage ihrer in Afghanistan eingesetzten Soldatinnen und Soldaten?