Denk ich an Deutschland in der Nacht …

4. Dezember 2009 (12)

Die Verantwortung für die umfassende Desinformationspolitik in Sachen Afghanistan

Der Bundestag stimmt über die Verlängerung des Afghanistan-Mandats ab. Die Regierungsmehrheit steht, aber die Kriegsfront bröckelt. Bei allen Parteien, auffällig bei SPD und Grünen. Alle linken Abgeordneten haben gegen den Krieg gestimmt. Ich habe ein gutes Gefühl. Die Arbeit lohnt sich. Nicht dass ich glaube, Linke seien die besseren Menschen, schon gar nicht nur, weil sie links sind. Aber wie schläft jemand, der oder die ja sagt zum Krieg. Was träumt jemand, der sich sagen muss, die Soldaten, die ich geschickt habe, haben das Massaker von Kundus angerichtet. Das Buch von Heike Groos geht durch meine Träume ….

Wie können Sie es wagen?

Heike Groos: Ein schöner Tag zu Sterben. Als Bundswehrärztin in Afghanistan (Frankfurt/M. 2009)

Routinemäßig gab es VIP-Besuche, Gefechtsfeldtourismus nannten wir das, und immer wurde groß aufgefahren und ein roter Teppich ausgerollt ….

Heike Groos, die als Bundeswehrärztin in Afghanistan eingesetzt war, hat dort Krieg erlebt. Sie berichtet darüber, wie deutsche Politikerinnen und Politiker die Lage vor Ort erkunden. Unwissenheit trifft auf Vertuschungsgebot – also: Gefechtsfeldtourismus.

Kein Wunder, dass sie einen falschen Eindruck bekamen. Kein Wunder, dass sie dachten, alles sei unter Kontrolle. Und kein Wunder, dass eines dieser hohen Tiere sich wunderte, als es während seines Besuches einen Raketenangriff auf das Lager gab.

“Wissen sie denn nicht, dass ich heute zu Besuch bin?”, sagte unser prominenter Besucher erstaunt, und wir dachten, er hätte einen Witz gemacht. Aber es lachte niemand … Und auch er lachte nicht, sondern meinte es ernst. “Wie können sie das Lager an einem Tag angreifen, an dem ich hier bin?”, wiederholte er. Aber niemand antwortete.

Der Bundestagsabgeordnete aus einem der alten Bundesländer fragt weiter: Ob wir Frauen denn auch mal in die Stadt gehen dürften. „Shoppen oder so?“ Und wozu denn eigentlich die Bunker im Lager gedacht seien? Ob wir denn vorher wüssten, dass ein Angriff bevorstünde, denn danach würde es ja keinen Sinn machen …

Die Bundeswehrärztin ist fassungslos über so viel Ignoranz, kocht vor Wut und fragt sich:

Wie hatten sie über diesen Einsatz abstimmen können, wenn sie doch gar nichts darüber wussten? Ich hatte mir nie klargemacht, dass auch Bundestagsabgeordnete nur Menschen sind, aber ich hatte mir das Ganze doch irgendwie professioneller vorgestellt.

Sie fasst sich ein Herz und bittet, selbst eine Frage stellen zu dürfen. Sie durfte – und sie fragt:

Meine Frage ist folgende: “Wie können Sie mich hierher schicken? Sie sind es doch, die dafür verantwortlich sind, dass ich hier bin, oder? … Wie können Sie es wagen? Mich, eine Mutter von fünf Kindern, zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres hierher zu schicken? Wie konnten Sie das tun, wo Sie doch offensichtlich nicht den Schimmer einer Ahnung davon haben, was sich hier abspielt.“

Der frühere Verteidigungsminister Jung ist über seine Desinformationspolitik gestürzt.

Aber ich frage mich: Wer alles ist dafür verantwortlich, dass Abgeordnete und die in Afghanistan eingesetzten Militärs, Regierungsmitglieder wie auch die Bevölkerung ganz offensichtlich und umfassend desinformiert sind, nicht wissen, was in Afghanistan passiert, was die Kriegsgründe sind, die Situation der Bundeswehr und die Lage ihrer in Afghanistan eingesetzten Soldatinnen und Soldaten?

Ein Kommentar zu “Denk ich an Deutschland in der Nacht …”

  1. Josie Michel-Brüning sagt:

    Danke für diesen Artikel! – Ich finde man kann nicht oft genug daran erinnern, wie alles begann:
    Bei „globalresearch.ca“ erschien am 15. Oktober 2001 das Interview mit Zbigniew Brzezinski von Le Nouvel Observateur, Paris, 15-21 January 1998, in dem Brzezinski zugibt, dass die CIA die Mudschahedin und die Taliban schon 1979, ein halbes Jahr, bevor die sowjetische Armee in Afghanistan einmarschierte, im Kampf gegen das demokratisch gewählte Nadschibullah-Regime mit modernsten Waffen ausgerüstet und daran trainiert hatte. Das Nadschibullah-Regime hatte mit einer Agrarreform begonnen, die Universitäten für Frauen geöffnet, wollte das Land gerechter verteilen und hatte schließlich die Sowjetunion zu Hilfe gerufen. …Brzezinski berichtet darüber nicht ohne Stolz, denn schließlich habe der Afghanistankrieg die Militärmacht der Sowjetunion ausbluten lassen und zu ihrem Zerfall beigetragen, s.: http://www.globalresearch.ca/articles/BRZ110A.html

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