Guido Westerwelle und der linke Zeitgeist

„Es mag mich der linke Zeitgeist kritisieren, ich bleibe dabei: Leistung muss sich lohnen, und wer arbeitet, muss mehr haben als der, der nicht arbeitet.“

Guido Westerwelle hat so was von Recht und … so was von Nicht-Recht! Viel mehr als ihm klar ist. Der linke Zeitgeist kritisiert ihn mitnichten dafür, dass derjenige, der arbeitet, mehr bekommt, als derjenige, der nicht arbeitet. Die Linken sind geradezu berüchtigt für diese Einstellung:

„Verschlemmen soll nicht der faule Bauch, was fleißige Hände erwarben!“ Heinrich Heine hatte damals, vor mehr als 150 Jahren, für diese schöne linke Forderung leider keinen so eloquenten Fürsprecher wie den FDP-Vorsitzenden, deshalb nannte er sie verschämt „Märchen“, „Wintermärchen“.

Nein, die Linken waren gar nicht gut zu sprechen auf die Couponschneider und Rentiers, die selbst nicht arbeiteten, sondern das Kapital arbeiten ließen, dessen Herkunft, Standort und Vermehrung schon immer im anrüchigen Dunkel lagen und dessen Dreck bis heute keine Schweizer Bank und kein Nummernkonto reinwaschen kann.

Na gut, die LINKE fordert heute nicht mehr die radikale Enteignung von Banken und Großkonzernen, was nach 1945 – siehe Ahlener Programm der CDU – durchaus noch zum guten Ton gehörte. Erbschaftssteuer, Vermögenssteuer, Anhebung des Spitzensteuersatzes heißen heute die vergleichsweise milden Forderungen der LINKEN, um denen ein wenig zu nehmen, die arbeiten lassen, damit „derjenige, der arbeitet, mehr bekommt …“

Ich weiß, diese Interpretation ist einseitig und ziemlich bösartig. Natürlich arbeiten auch die Inhaber der Nummernkonten und Nutzer der Steueroasen. Nicht immer mit Erfolg, wenn wir an die globale Finanzkrise, die lange Kette von Firmenpleiten und die seit Jahrzehnten anhaltende Vernichtung von Arbeitsplätzen denken. Vor allem arbeiten sie an der gigantischen Umverteilung von unten nach oben. Nein, auch hierbei lassen sie arbeiten, nämlich die schwarz-rot-grüne-gelbe Koalition. Und sie können sich der Früchte der Koalitionäre erfreuen: Von 1960 bis 2007 sind die Steuer- und Abgabenbelastungen der Unternehmen von 23,0 auf 11,4 Prozent geschrumpft und die Vermögenssteuer wurde von 27,8 auf 8,5 Prozent verringert. Unter Führung von Guido Westerwelle soll nunmehr der Spitzensteuersatz, unter Rot-Grün schon von 53 auf 42 Prozent gesenkt, auf 35 Prozent herabgedrückt werden.

Das ist es, was der „linke Zeitgeist“ kritisiert. Das wollte ich gern mal richtig stellen.

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