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Godesberg in uns – und wenn ja, wie viele?

26. November 2009

25. November 2009  (10)

In welchen Zeiträumen und mit welchen Methoden wollen wir die Programmdebatte führen? Darüber wird aktuell in unserer Partei diskutiert. Das Forum demokratischer Sozialismus, laut Presse „die Reformer“, will auf einem Bundesparteitag 2011 ein Parteiprogramm verabschieden, um spätestens bei der nächsten Bundestagswahl „mitte-links-Mehrheiten … als Alternative zur schwarz-gelben Bundesregierung zur Wahl zu stellen“. So steht es im Beschlussentwurf für das fds-Bundestreffen am 29. November. Schon heute und völlig abstrakt, ohne eine konkrete Analyse der Lage und der Kräfteverhältnisse, soll die LINKE auf eine möglichst rasche Regierung mit SPD und Grünen festgelegt werden – eine Kursänderung mittels Programmdebatte, wobei das Ziel schon gesetzt ist: die Regierungsteilhabe 2013. Von ihm abgeleitet werden die passenden Erklärungen und Begründungen. Emanzipatorisch (und marxistisch) ist der umgekehrte Weg: Wir studieren die Wirklichkeit und leiten aus ihr unsere Ziele und Wege ab.

Linke mögen Programmdebatten. Und die sind von Zeit zu Zeit auch bitter nötig. Doch im Ergebnis müssen sie nicht unbedingt ein linkes Profil schärfen. Das zeigt nicht zuletzt ein Blick in die Geschichte.

Fünfzig Jahre ist es her, dass die SPD ihr Godesberger Programm verabschiedet hat. Seitdem ist Godesberg zum Inbegriff für eine explosive Kehrtwende geworden; auch für Verrat oder, je nach Standpunkt, den Aufbruch zu einer modernen Volkspartei. Mir ist am 15. November, jenem Geburtstag, fast beklemmend klar geworden, wie aktuell die Auseinandersetzungen sind, die die SPD damals zerrissen haben. Stehen sie uns in der LINKEN erst noch bevor? Sind wir schon mitten drin und wissen es nur noch nicht? Oder sind es schlicht nicht unsere Konflikte?

Ein Blick zurück: Nach dem Faschismus sahen viele im Westen ein sozialdemokratisches Zeitalter anbrechen. Stattdessen aber herrschten die Konservativen in unseliger Verquickung mit weißgewaschenen Nazis, die SPD verlor 1957 die dritte Bundestagswahl in Folge, die Macht oder wenigstens Teilhabe an der Macht rückten in weite Ferne. Was tun? „Ballast abwerfen“ war die Antwort der Meinungsführer. Auf dem Weg nach Godesberg entsorgte die SPD ihr Selbstverständnis, Weltanschauungspartei zu sein, sie verzichtete auf eine Gesellschaftsanalyse, dafür stimmte sie der „Landesverteidigung“ zu und bekannte sich zur sozialen Marktwirtschaft. So putzte sie sich heraus, so machte sie sich hoffähig für eine Regierungsbeteiligung. Die ließ dann zwar noch 20 Jahre auf sich warten, aber Godesberg hatte die Grundlagen gelegt; dort sei die SPD „realistisch“ geworden, wie zeitgenössische und heutige Kommentatoren nimmermüde herausstreichen.

Wie ähnlich sind die Stichworte zu den Kontroversen in der LINKEN. Blenden wir aus, wozu wir von außen angehalten werden, und nehmen wir nur die innerparteilichen Differenzen. Außenpolitisch lauten sie nicht mehr „Landesverteidigung“ versus strikter Gegnerschaft zur Wiederbewaffnung, sondern NATO-Mitgliedschaft als Staatsraison, die auch die LINKE realistisch anerkennen müsse, oder Auflösung der NATO. Damals ging es um den Charakter der SPD als Klassen- oder als Volkspartei. Heute streiten wir uns in der LINKEN, ob es sinnvoll oder gar, ob es statthaft sei, Klasseninteressen überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Schon stimmen Teile der LINKEN überein mit dem Verhältnis von Markt und Plan, das in Godesberg im Bruch mit bis dato proklamierten linken Traditionen definiert wurde als: So viel Wettbewerb wie möglich und so viel Plan wie nötig. Wer heute in der LINKEN hierbei stehen bleibt, versperrt den Zugang zur Lösung der sozialen Frage, die verbunden ist mit der ökologischen, Geschlechter- und Friedensfrage, auch damit, dass weltweit schonend und geplant mit den natürlichen und menschlichen Ressourcen umgegangen werden muss. In Godesberg sah die SPD ihre (neuen) Grundwerte Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität begründet in der christlichen Ethik, der klassischen Philosophie und dem Humanismus. Nicht mehr im Marxismus. Er fand keine Erwähnung mehr. Das war das Neue, das war der Bruch. Noch weiter geht heute ein postmodernes Verständnis von Gesellschaft und Politik, das es auch innerhalb der LINKEN gibt. Es zerstreut das Spezifische marxistischer Theorien und spaltet das allgemeine Emanzipationsziel in viele Einzelheiten auf, die voneinander isoliert sind, atomisiert. So soll eine Welt umspannende und umfassende Idee zur Grabe getragen werden. Dieser Beliebigkeit entspricht dann politische Unverbindlichkeit.

Ich wünsche mir die LINKE als weltanschaulich fundierte Programmpartei. Dafür ist eine Analyse der gesellschaftlichen Lage notwendig. Eben darauf hat das Godesberger Programm verzichtet, das war eine Premiere in der Geschichte der Arbeiterbewegung und -parteien. Heute müssen wir uns in der LINKEN klar werden über die Phase des Kapitalismus, in der wir leben, über die grundlegenden Widersprüche und über die handelnden Kräfte. Ohne diese Analyse zerreißt der Zusammenhang zwischen heute, unseren nächsten Reformschritten und unseren Utopien, Politik wird voluntaristisch und die Partei schwankt wie ein Rohr im Wind.

Der Niedergang der SPD bis zu ihrem beklagenswerten Zustand heute begann nicht erst mit Gerhard Schröder. Das ist eine Illusion. Ihr Abschied von sich selbst fand schon in Godesberg statt – und das war die dramatische Fortsetzung des 4. August 1914, der Bewilligung der Kriegskredite.

Die Gründung der Partei DIE LINKE war die Antwort auf Schröder, aber sie war nicht die Antwort auf Godesberg. Die steht noch aus.

‚Die haben kein Benimm’

26. September 2009

Schröder und Fischer – Lobbyisten der Bosse

26. September 2009 (7)

In den letzten Stunden vor der Bundestagswahl kommen die Erinnerungen an die vielen vorangegangenen Wahlen, auch an die von 1998 und die Aufbruchstimmung für und mit Rot-Grün. Die währte leider nur kurz, ich sage nur: Fischer und Schröder. Joseph Fischer, früher Joschka und Symbol für Umweltschutz und Ausstieg aus der Kernenergie, ist jetzt bei dem CO2- Monster produzierenden BMW und dem Atomstromgiganten RWE unter gekommen; Gerhard Schröder, vor Urzeiten aufmüpfiger Juso, nimmt heute Geld vom russischen Staatskonzern Gazprom und der Investmentbank Rothschild. Ein Gehalt reicht offensichtlich nicht, es müssen, neben den Ruhestandsgeldern von Staats wegen, zwei und mehr Einkommen sein. Habgier, Machtbesessenheit, Käuflichkeit – es widert mich an. Und gleichzeitig macht es mich traurig, denn auch die beiden gehören zur Geschichte der 68’er und über eine Phase kreuzten sich unsere Wege und wir hatten ähnliche Vorstellungen.

Drei – Schröder, Fischer, Gehrcke – waren damals mit einer ganzen Generation aufgebrochen gegen die verkrusteten Strukturen in diesem Land, in Europa und der Welt. Alle drei waren wir nicht mit einem silbernen Löffel im Mund geboren. Wir haben unseren je eigenen Weg gefunden in der Jugend- und Studierendenbewegung, bei der SDAJ, den Jusos oder den Spontis. Wir haben gestritten, aber vor allem Gerhard Schröder und ich, linke Sozialdemokraten und Kommunisten, haben auch das eine oder andere direkt gemeinsam bewegt, internationale Solidarität und Weltfestspiele der Jugend etwa, Kampf gegen den Nato-Doppelbeschluss und gegen die Berufsverbote; alle drei waren wir Gegner des Vietnam-Krieges. Alles vergessen? Ich nicht. Alles nur Show? Für mich nicht.

Irgendwann sitzen Schröder und Fischer auf der Regierungsbank, ich in der Opposition im Bundestag. Auch da noch verbindet uns ein unbestimmtes Gefühl von Zusammengehörigkeit, so vage, wie die Worte, mit denen ich es beschreibe, und am meisten wohl gegründet auf gemeinsamen Gegnern, zuletzt Helmut Kohl, den wir endlich auf die Hinterbank verwiesen haben. Dann fahren Schröder und Fischer gleich zu Beginn ihrer ersten rot-grünen Regierungszeit in die USA und geben ihr Einverständnis zu Deutschlands Beteiligung am völkerrechtswidrigen Krieg gegen Jugoslawien. Die Zustimmung zu diesem Krieg wird zu ihrer Eintrittskarte in den Klub der Großmachtpolitiker und zum endgültigen Bruch mit den Bewegungen und Inhalten, mit denen sie in die Politik eingestiegen waren. Dem Kotau vor der US-Administration folgen weitere vor der NATO, der Rüstungsindustrie, den Konzernen und Banken. Für Schröder und Fischer wurde alles käuflich in der Politik, am Ende sie selbst.

Beide haben die erste deutsche Kriegsbeteiligung nach 1945 mit dem Kampf um Menschenrechte gerechtfertigt, sie haben die „humanitäre Intervention“ erfunden. Diese Begründung habe ich, hat die LINKE im Fall des Jugoslawien-Krieges wie des Afghanistan-Krieges kritisiert. Menschenrechte kann man nicht herbei bomben. Doch jetzt straft Joseph Fischer sich selbst Lügen. Die von RWE und ihm protegierte Erdgaspipeline Nabucco geht durch Turkmenistan und Aserbaidschan, Länder, in denen die Menschenrechte zutiefst verletzt werden. Für Joseph Fischer heute kein Problem!

Noch in der Regierung haben Schröder und Fischer, die Rot-Grünen, damals übrigens auch mit einem Kanzleramtschef Steinmeier, eine tiefe Spaltung unserer Gesellschaft eingeleitet mit Krieg, Zerstörung des Sozialstaates, entfesselten Finanzmärkten, der Schere zwischen Arm und Reich, sie haben Gräben aufgerissen, über die zurzeit keine Brücke führt.

Ich weiß, Linke wie ich sind keine besseren Menschen, weil wir links sind. Ich baue nur darauf und arbeite ständig daran, dass wir mit ganz vielen Fäden und dicken Stricken mit dem Leben der Menschen verbunden bleiben. Und da helfen gute Vorsätze nur ein klein wenig, wichtiger sind klare Regeln, Transparenz, Kontrollen mittels Demokratie in unserer Partei und mittels einer kritischen Begleitung durch Bewegungen.

Ich erinnere mich an meine Großmutter, sie war Dienstmagd auf dem Schloss in Ludwigslust, das Leben hat sie hart und kantig gemacht, sie konnte nicht lesen und schreiben, sie hatte aber ein untrügliches Gespür, ob Menschen aufrichtig oder verlogen sind. Ihr härtestes Urteil über einen Menschen war „Der hat kein Benimm“; damit war er bei ihr unten durch, sie hat ihn nicht mehr beachtet. Zu Schröder und Fischer würde sie sagen: „Die haben kein Benimm“.